Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. „He ... da haben wir die Bescherung!“ Er begann mit den Augen zu blinzeln, der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald, und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im Gemüsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau herüber; er sah näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers. Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein weißer Fleck durch eine Wolke. „Morgen wird’s sehr windig sein!“ dachte der Großvater, da leuchtete plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem kleinen Grabe, ein Flämmchen auf. „Sieh mal an!“ und der Großvater blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah näher hin: nun war das Flämmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein anderes auf. „Ein Schatz!“ schrie der Großvater, „bei Gott, ich möchte alles darum geben, daß das ein Schatz ist!“ Und schon wollte er sich in die Hände spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. „Schade, schade! Aber wer weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzuräumen, und der Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen! Merken wir uns wenigstens den Platz, daß wir’s später nicht vergessen.“
Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden war, wälzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener Zaun tauchte vor ihm auf. „Na also, hab’ ich’s nicht gleich gesagt, daß es die Trift des Popen ist!“ dachte der Großvater, „da ist ja auch sein Zaun. Jetzt ist’s keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.“
Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte nicht einmal von den Klößen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. „Wo haben dich denn heute die Teufel hingebracht, Großvater?“ begann er.
„Frage nicht,“ sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hüllend, „frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare!“ Und er fing so an zu schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das für eine schlaue Bestie war — Gott hab ihn selig — aber er verstand es vorzüglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt’ er einem ein Liedchen singen, daß man sich nur so in die Lippen biß.
Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum begann es im Felde zu dämmern, da zog der Großvater seinen Kittel an, legte den Gürtel um, nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mütze auf, trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockschoß und ging geradewegs in des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und an dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte sich zwischen den Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld führte; offenbar derselbe, den er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld — es war dieselbe Stelle, wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Höhe, aber die Scheune war nicht zu sehen. „Nein, das ist nicht der rechte Ort. Der liegt also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf die Scheune zugehen!“ Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag fort! Er kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag, doch nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Fleiß, noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune — aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag — dann war die Scheune fort.
„Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu sehen!“ Der Regen aber rauschte in Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie sich nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld wie ein herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt bis auf die Knochen, in die Hütte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch die Zähne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört habe. Ich gestehe, ich wäre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen wäre.
Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater zieht auf dem Felde umher, als ob nichts geschehen wäre und bedeckt die Wassermelonen mit Blättern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder damit zu schrecken, daß er ihn gegen ein Paar Hühner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach Tisch schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an, auf ihr zu blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine türkische Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte den Samen von weit her gesandt bekommen.
Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Großvater mit dem Spaten ins Feld, um ein neues Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er nun an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht an sich halten und murmelte durch die Zähne: „Verfluchter Ort!“, er trat in die Mitte des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag plötzlich wieder dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor, auf der anderen stand die Scheune. „Noch gut, daß ich so klug war, einen Spaten mitzunehmen,“ dachte er: „Da ist auch der Pfad, da ist das Grab, und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß ich mich nur nicht irre!“
Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als ob er einem Eber, der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und blieb vor dem Grabe stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. „Diesen Stein muß ich heben!“ dachte der Großvater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben. Der verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun stemmte er die Füße fest gegen die Erde und stieß ihn vom Grabe herab. „Bums —!“ dröhnte es weit durch’s Tal. „Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit schneller gehen!“ dachte der Großvater.
Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor, schüttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase bringen, als plötzlich über seinem Kopfe ein „Pschü!“ ertönte und jemand so laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und das ganze Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. „Du könntest dich doch auch abwenden, wenn du niesen willst!“ rief der Großvater und rieb sich die Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. „Der Teufel liebt wohl den Tabak nicht!“ fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust und nahm den Spaten wieder in die Hand. „Er ist wirklich dumm genug dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater je geschnupft!“ Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg und erblickte einen Kessel.