Inzwischen aber gediehen die „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ fleißig weiter; außerdem begann Gogol seine ersten literarischen Versuche in Zeitschriften zu veröffentlichen und Beziehungen zu Schriftstellern anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. Delwig, Schukowski, Pletniew — vor allem der letztere — erkannten seine glänzende Begabung und entwickelten für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis. Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am „Patriotischen Institut,“ wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte, und ebenso einige Stunden in vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge hatte Gogol zu überwinden, und dann erhaschte er das Glück, das phantastische, zauberhafte Glück ... Plötzlich fühlte er sich in die Sphäre der höheren literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Fräulein A. O. Rosset, der späteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe zur Ukraine hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in den seelischen Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich verändert hatte. War es früher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl er die Bedeutung Petersburgs für seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ heraus. Den Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glücklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski. (Nunmehr war er überhaupt einer „derer um Puschkin“ geworden.) Erst im Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine Komödie schreiben, deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal einen solchen Gedanken gebären, um sich vollkommen entladen zu können: durch sie wurden Züge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick für immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire bestand in der Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragödien: teils waren es lärmende Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose Komödien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann nicht stark genug betont werden, daß in dieser Lage Gogols Plan geradezu eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann über seine Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch so starke ästhetische Schöpfungen wie Puschkins „Geizige Ritter“, „Mozart und Salieri“ oder „Der steinerne Gast“ nicht erklärt werden: überall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern zugeflossen war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten Produkte der zeitgenössischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen ließ; diesen Aufenthalt in Moskau — übrigens auf seiner Reise in die Heimat — benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknüpfen, die er sich vorher sorgfältig ausgewählt hatte und von denen er eine Förderung seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten. Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P. Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr in die Heimat bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr als der glückliche, von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei Jahren hatte er etwas köstliches verloren: die frohen Träume der Jugend. Die Träume der Jugend, die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen Triumphpfad träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber der rosa Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestürzten Auge die kahle Mittelmäßigkeit des Alltags. Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt. Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der Ferne ihm begehrenswert erschienen war — alles zeigte sich noch nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und in der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklärt hatte. Das alles drückt sich in der veränderten Stimmung seiner nächsten Werke aus: deutlich scheidet sich schon „Mirgorod“ hierin von den „Abenden auf dem Gutshof bei Dikanka,“ die in allem die zärtliche Verklärung der Jugend atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich schon den Traum einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt von dem Gefühl seiner reichen inneren Kräfte, durchdrungen von der Überzeugung, die im Kreise Puschkins alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer Meinung absolut überlegen sei — hatte er sich nie ernste Gedanken über die Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest überzeugt, daß allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten Vorstellung die Künste der „welken Schulmeister“ in Schatten gestellt würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Petersburger Universität erobert hatte, hielt er es natürlich auch nicht für nötig, sich für die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt dessen überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den „Revisor.“ Sein Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, eine Geschichte Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht anders, als man erwarten konnte: in seiner Universitätszeit entstehen dichterische Schöpfungen von hohem Werte, würdig seines Talents — aber seine wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glänzenden absteht, flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer verlieren Achtung und Vertrauen vor ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen, geschieht es nur, um sich „durch seine phantastische Diktion unterhalten zu lassen.“ Gogols Professur endete mit einem vollständigen Fiasko, zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material ausfallen lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen an die Professoren erhöht wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im „Patriotischen Institut“ verloren.

Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft auf die Aufführung des „Revisors“. Am 19. April 1836 wurde dieses große Werk, das bis heute noch eine hohe Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren kühnste Hoffnung nur bis zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die Bühne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Kräfte gelegt hatte. Die Pfeile der Komödie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte eine außerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war, entschlüpften folgende denkwürdige Worte: „Das ist ein Stück! Alle haben ihr Teil bekommen — aber ich am meisten!“ Von tiefer Anteilnahme für die schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete der Kaiser durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bühne. Aber statt daß der Dichter über eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er überrascht und niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: „Herrgott, wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten — Gott segne sie. Aber alle ... alle!“ Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, daß alle das Werk schmähten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehörden immer wieder gestört: und das alles bringt den Kelch schließlich zum Überlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und zerrüttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden.

Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer Heiterkeit in sein zukünftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus, jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende, fremde, westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten sie die Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer abgeworfen, eilten sie einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Träume der Jugend schwebten noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte eines besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel und lichtem Glück.

Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol eine neue Epoche seines Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt, gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner Vergangenheit wird mit jedem Tage größer, entscheidender. Ein, zwei Monate vergehen — und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder: und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die Bitterkeit, mit der sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte, ließ sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen über ihre Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend für des Dichters unübertroffene Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings weiß er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er reist von einem Land in das andere, um sich endlich für längere Zeit in Italien niederzulassen, das er später seine „zweite Heimat“ nennt. Die Wunder der italienischen Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, die allem früher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach — wie stark mußte das alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! Und gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen Genießen der Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berührten alle Dinge die Seele unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der Kunst, der Zauber der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende überraschender Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen Himmels. Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt, jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es für Gogol, hier in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit einem Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens.

Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer, und ihr Glück mußte hart gebüßt werden. Das Schicksal ist nicht freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange beschieden, in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. Allein in dieser Zeit hatte er den ersten Band der „Toten Seelen“ geschrieben, eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das glückliche Leben verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mußte er eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens nach Moskau zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein Leben; im Jahre 1840 überstand er nacheinander in Wien und Rom zwei schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religiös gestimmte Gogol als eine göttliche Erlösung von dem Tode, die ihm das Schicksal nur gewährt hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen der Menschheit in einem höheren Sinne dienen zu können oder, wie er sich später äußerte, „um einen Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen“.

Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und vierziger Jahre. Die sensible Natur des Künstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der schwersten Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während der letzten Monate seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol war für die Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenössischen literarischen Welt, beschränkt durch seine persönlichen Beziehungen und materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und gegenseitiger Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine unangenehme und unbequeme Lage, da sie sich alle für berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen. So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annäherung an die Moskauer nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhänglichkeit an Italien verletzt. Die Mühen, die das Erscheinen der „Toten Seelen“ im Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung des Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien, vor allem mit der Zensur, die Meinungen äußerte wie folgende: der Titel „Tote Seelen“ schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele unsterblich sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän Kopeikin darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche hochgestellte Persönlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei quälende Intrigen. Und waren es früher nur die Intrigen im Theater, die ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen zu Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, daß er mit dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse seiner Familie auf das äußerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da seine eigene materielle Lage eher alles andere als glänzend war. Noch während seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung allen Boden unter den Füßen verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer bestimmten Tätigkeit zurückzukehren — ausgenommen natürlich die Arbeit an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, daß es sein heißer Wunsch sei, dem Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich in keiner Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich ganz dem heiligen Werk der Arbeit an den „Toten Seelen“ widmen müsse. Er glaubt sich von Gott dazu berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des russischen Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Für Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknüpfen; und um die ihm gestellte Aufgabe würdig lösen zu können, glaubt er sich geistig ganz neu gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu können. Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschließt seine Seele vor den andern. Er beginnt, seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so nötige, noch nie gesagte Wort zu verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich vor seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die Empfindung auf, daß der erste Teil der „Toten Seelen“ nur die Vorhalle zu einem mächtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung schreibt er Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen ließen. Tönend verkündet er in diesen Zeilen, daß nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und daß er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, „wo aus einem anderen Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer Reden hören“. Gogol träumt von seiner messianischen Sendung: wenn er auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit Segen bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die Vorsehung für sein hohes, über der Ebene des gewöhnlichen Lebens gelegenes Schicksal, und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschränkt er seine Habe auf ein „Köfferchen“ mit den Handschriften seiner Werke und einigen Büchern religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Körper mehr und mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein ganzes sittliches Sein erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze nächste Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten Idealismus läutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom Standpunkt des Ästhetikers bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf seine schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft durch ihre Bindung mit — wenn auch zweifellos idealen — religiösen Motiven geraten muß. Eines aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner physischen Kräfte dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner ästhetischen Schöpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse Ekstase. Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über seinen Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige Störung festgestellt. Andererseits hat jeder von der äußerst schroffen Umwandlung Gogols während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski bestätigt wird, muß bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus mit berücksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm — aber immer noch früher als die andern Freunde — S. T. Aksakow, sind unter dem Eindruck der überstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not der Todesstunde schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich während seines Lebens im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A. P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflüssen des westeuropäischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen. Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgültige: mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden Selbstbespiegelungen und bestürmt von grausamen unablässigen Leiden zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden verwandelte sich in eine mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische Schöpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber er ist nicht mehr der frühere Enthusiast, der sich vor der wundervollen italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach Palästina, und eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit an den „Toten Seelen“, um die „Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“ zu schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner von der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist bis zum Äußersten gequält und niedergedrückt.

Der bekannte Brief Belinskis und eine andere Äußerung seiner Freunde, verstärkt durch eine Anzahl Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er fühlt sich zu einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die „Beichte des Dichters“. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen Sehnsucht nach und reist nach Jerusalem. Nach seiner Rückkehr bleibt er in der Heimat, langsam nur schreitet die Arbeit an den „Toten Seelen“ vorwärts. Sein Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem schweren Kampfe zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen immer schwächer werdenden geistigen und körperlichen Kräften. In dieser Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen tiefgehenden Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen Worte peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß er die Predigt des Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: „Genug, genug, es ist furchtbar!“ Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war.

Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der „Toten Seelen“. Hartnäckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben. Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklärt sich aus der peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften würden oder nicht: bis zu seinem Tode kämpften in Gogol flammende Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begräbnis erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der Universitätskirche statt. Eine große Menge Volk hatte sich eingefunden, um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen.

Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große Bedeutung Gogols stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit — dem ersten, den Rußland aus eigener Kraft hervorgebracht hat.