Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals dem Teufel zu trauen. „Denkt lieber gar nicht dran!“ sagte er oft zu uns. „Alles, was der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!“ Und kaum vernahm der Alte, daß es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: „Schnell Kinder, machen wir ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht’s ihm recht! Tüchtig soll er’s kriegen!“ und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er umzäunen und ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort hinwerfen.

So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr gut: später haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie Gutes kommen. Man sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf, wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein Kürbis, keine Melone und auch keine Gurke ..... Weiß der Teufel, was es ist.

Biographische Skizze von B. Schenrock

Übersetzt von Alexandra Ramm

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der großen schöpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch die großen Qualitäten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte Entwicklung des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller, der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem er sie von der Nachahmung befreite und sie endgültig auf die Darstellung des wirklichen Lebens richtete, hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste seiner Nachfolger sein mögen.

Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem höchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein durch sein natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte, die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, einen ähnlich bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich geringem Maße fremden Einflüssen verpflichtet ist.

Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der großen russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung nach fast gänzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm Kleinrußland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den dichterischen Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden tief gefühlten Zeilen Ausdruck gab: „O Vergangenheit, Vergangenheit! Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt unsere Seele, wenn wir von dem hören, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Großvater oder Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, ah — dann verstummt der sonst so beredte Mund.“ Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps erzählen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, daß diese echt kleinrussische Familie, wenn auch nur für kurze Zeit, mit zweien ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war, was eine Erklärung für den zweiten polnischen Namen liefert, dem die Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater hieß Jan, nach ihm nannten sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod, Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, diesen zweiten Namen abzulegen, denn er behauptete, daß „die Polen“ dieses Anhängsel erfunden hätten.

Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern fast ausschließlich unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Großvater unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein echter Kleinrusse. Für uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols vor allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung alle als hochbegabte Menschen geschildert werden — jedenfalls waren sie keine gewöhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij Afanaßjewitsch, war ein außerordentlich begabter und herzensguter Mensch, mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, literarischen Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. Sorglos und geliebt von Nachbarn und Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein Zufall, die Übersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu, erschloß der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs ein würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze Flügel für die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste — und alles war immer von einer erregten Atmosphäre von Freude und Glanz umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz entrückt zu sein.

Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere von den zwei am Leben gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte und Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es ist selbstverständlich, daß der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behütet wurde, und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf. Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm von früher Jugend an das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wäre. Und hier erlebte er seinen ersten künstlerischen Genuß: als er bezaubert den Dramen Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort für sein späteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach Njäschin geschickt in das „Gymnasium der höheren Wissenschaften,“ wo er vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. In der Schule machte der kränkliche, nicht allzufleißige Knabe, der seine geringe Zuneigung zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: die einen lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die andern verachteten ihn als einen Faulenzer. Der natürlichen Begabung des Knaben, die sich vorläufig nur dadurch kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab und ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen Streiche, wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich eine leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Büchern: aber bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemüht sich, im Njäjiner Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten. Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine Schülerzeitschrift heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in lichten Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens ein Jüngling. Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine Fortschritte in der Schule gering, nur für Geschichte wird ein größeres Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich über den Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der „guten alten Zeit“ wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Außer seiner Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt er noch Wyssozki und die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten Jahre der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die Schule absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem Freunde von der Hauptstadt im Norden geträumt hat, sehnt sich heiß nach den Ufern der Newa. Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt empfindet er das Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen der Jugend gestaltet sich das Idyll „Hans Küchelgarten“. Endlich naht die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, daß er noch große Lücken auszufüllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prüfling.

Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann mit seinem treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttäuscht die grausame Wirklichkeit die großartigen Träume der Jugend: statt in einem großen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen, muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in einer viel prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise machen ihn niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche Mutter ausgerüstet hatte, öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet Not und muß im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er muß allen Vergnügungen entsagen: nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter Eile unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles mißglückt ihm. Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters errungen hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein Organ, klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die zeitgenössischen Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es während der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll „Hans Küchelgarten“ drucken zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und der gekränkte Dichter warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das Interesse der Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem Plan, die Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der Mutter und seiner Freunde näheres Material für einige geplante kleinrussische Erzählungen zu sammeln, die er auch wirklich niederschreibt und die unter dem Namen „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ bald eine umfassende Popularität erlangten. Über seine Stimmung zu dieser Zeit mögen einige Zeilen Auskunft geben, die einem gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: „Ist das eine ein Mißerfolg, kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch — dann zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine große Hilfe bedeuten.“ In dieser Stimmung reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu reisen — in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit zu Njäschin geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glücks und der schöpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendträume. In der „Beichte des Dichters“ bekannte er, daß „er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer, unter fremden Menschen“ befand, als schon die frohen Träume von einem glücklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, Hamburg kennen gelernt, als er schon zurück nach Petersburg eilte. (Nach A. S. Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine Stellung im Apanagen-Departement. So kläglich hatten seine herrlichen Dichterträume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer gefürchtet, und mit allen Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken, daß „das Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht hätte“.