Sonne sinkt, Abend winkt,
Komm zu mir, mein Herzenskind!
„Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon fest,“ sprach der Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. „Halja, Halja! Schläfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es könnt’ uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weißes Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? Fürcht’ dich nicht, niemand ist in der Nähe; der Abend ist warm. Ja, käm’ auch jemand, ich deck’ dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, mit meinen Händen bedecken, — und niemand wird uns sehen. Und wehte es selbst eisig kalt, ich drück’ dich noch näher an mein Herz, ich wärm’ dich mit Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. Mein Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus. Steck nur dein weißes Händchen durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst nicht, stolzes Mädchen!“ rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl jemand findet, der sich über einen Augenblick der Erniedrigung schämt. „Dir gefällt’s, mich zu verhöhnen. Leb’ wohl!“
Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr und zog stolz davon, leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tür, knarrend öffnete sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über die Schwelle; scheu sah sie sich um, ohne den hölzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein; die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen blieb nicht einmal die Röte verborgen, die ihr schamhaft über die Wangen flammte.
„Wie ungeduldig du bist!“ sprach sie halblaut zu ihm. „Gleich bist du böse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewählt? Eine Unmenge von Leuten lungert auf den Straßen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.“
„O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht fest an mich!“ sprach der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen Riemen um den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe nieder. „Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter für mich!“
„Weißt du, was ich glaube?“ unterbrach ihn das Mädchen und richtete sinnend die Augen auf ihn. „Mir ist’s, als raunte mir jemand ins Ohr, daß wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich so neidvoll an, und die Burschen .... Fühl’ ich’s doch gar, daß mich die Mutter seit einiger Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir’s gestehen, fröhlicher war’s in der Fremde!“
Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht.
„Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir’s zu lang; bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?“