Wo mein liebstes Mädchen wohnt!
Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb über die Augen gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber wie köstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. „Sing mir ein Lied, junger Kosak!“ sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur Seite und senkte die dunklen Lider ganz über die Augen.
„Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Fräulein?“
Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. „Jüngling,“ sprach sie, und etwas unsäglich Rührendes klang aus ihren Worten, „Jüngling, finde mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich will dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit Seide bestickte Gewänder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen Gürtel schenken, der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling, finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte keine Ruh’ vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ die Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst. Blick auf meinen weißen Hals: kein Wasser wäscht die blauen Flecke fort, keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen! Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf Teppichen, auch über heißen Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, Jüngling, find mir die Stiefmutter! ...“
Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf einmal. Tränenströme flossen über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes Gefühl des Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das Herz zusammen.
„Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches Fräulein,“ rief er in tiefster Erregung. „Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?“
„Sieh, sieh!“ rief sie schnell, „sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber ich weiß, ich hör’ es, sie ist hier! Sie macht, daß mir so drückend schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir’s verwehrt, so leicht und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!“
Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern. Eine Schar Mädchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten Gewändern, die so hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese; goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren Nacken; allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend und tanzend näherte sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre Stimmen.
„Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,“ säuselten alle durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller dämmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berührt.
„Wer soll Rabe sein?“