„Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zählen! Du möchtest wohl heim, hinter den Ofen?“
„Ich will nichts vor euch verbergen,“ sprach er, sich auf einmal umwendend, und seine Augen blickten starr. „Wißt ihr, daß ich meine Seele schon lange an den Bösen verkauft habe?“
„Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen zu tun gehabt? In solchen Fällen ist’s das Beste, man ist lustig und geht lumpen.“
„O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin! O je, Brüder!“ sprach er und schüttelte ihnen kräftig die Hände. „O je, gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage will ich eure Freundschaft nicht vergessen!“
Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück nicht beistehen? Der Großvater erklärte glattweg, er würde sich eher sein Kosakenhaar vom eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären vielleicht noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben hätte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf, die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das von einer fröhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schänke etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht ordentlich losgehen und drinnen kein Tänzchen oder ’nen Hopser machen konnte, es gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch überkommen hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die Luft zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine zusammengekrümmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die Kater. Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben in einen Stock, um sich’s zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute ausgepfiffen hätten. Der Großvater bestellte ein drittel Eimer für drei Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, daß seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der Großvater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mußte also allein Wache halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen, beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück und setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, daß man eine Fliege hätte hören können. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der Nähe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte .... Seine Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie jeden Augenblick mit den Fäusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden. Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm von neuem hinterm Wagen .... Der Großvater riß die Augen auf, so weit er konnte; aber die verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände wurden steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester Schlaf übermannte ihn, so daß er hinfiel wie ein Toter. Der Großvater mußte wohl recht lange geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte sich den Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wußte was. Nur sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Großvater wurde von Angst ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den Pferden — sie waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer aber hatte die Pferde mitgenommen?
Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum Schluß, daß der Teufel sicherlich zu Fuß herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hölle wäre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein Kosakenwort nicht gehalten hatte. „Nun,“ dachte er, „da ist nichts zu machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende treff’ ich unterwegs einen Pferdehändler, der vom Jahrmarkt zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei dem ein Pferd.“ Wie er aber nach der Mütze griff, war auch die Mütze fort. Da schlug mein seliger Großvater die Hände überm Kopf zusammen, denn er erinnerte sich, daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief an die Zarin! Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen zu traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr als einmal in den Ohren klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der Großvater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen: sammelte all die guten Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute und die anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles: so und so, und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saßen lange, das Kinn auf den Peitschenstiel gestützt, da, sannen nach, schüttelten die Köpfe und meinten, von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes getaufter Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief vom Teufel geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein Moskowiter etwas stibitzten, dann könne man hinterher nur noch drei Kreuze machen. Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel. Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so bedeutet das, er hat’s dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr wortkarg, und hätte der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche geholt, so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen können.
„Ich will’s dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst,“ sprach er endlich und führte ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde bedeutend leichter ums Herz. „Ich sehe dir’s an deinen Augen an, daß du kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schänke führt ein Pfad rechts nach dem Walde. Sobald die Dämmerung sich über’s Feld senkt, sei bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nächten, wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren Ofengabeln reiten, aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden. Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich nicht zu kümmern. Da wird’s im Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber geh du nicht dahin, woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt: auf diesem Wege geh’ weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und dichtes Gestrüpp versperrt dir den Weg, — aber geh du nur immer weiter! Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen. Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine Taschen damit zu füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die Menschen!“ Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag zurück und wollte nichts weiter sagen.
Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn er einem Wolf begegnete, so packte er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom Baum schüttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam, da überlief’s ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es herrschte eine düstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz hoch oben über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch die Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie berauschte Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich trunkene Reden zu. Auf einmal wehte eine solche Kälte daher, daß der Großvater an seinen Schafpelz denken mußte; und plötzlich fing’s an zu hämmern, wie wenn hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm durch den Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe dröhnte. Der ganze Wald wurde auf einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Großvater erspähte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebüsch dahinführte: da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau so, wie’s ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten zu müssen. Sein Lebtag hatte er noch nie gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien.
Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er gewahrte, daß die Bäume seltener wurden, und als er weiter zusah, da waren sie so dick, wie er’s nicht einmal jenseits vom Königreich Polen gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen den Bäumen auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Großvater am Ufer und spähte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer. Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein aufs neue ins Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brücke! „Da drüber kann doch höchstens ein Teufelswägelchen fahren!“ dachte der Großvater, aber er betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst nahm er wahr, daß Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum gegeben hätte, ihrer Bekanntschaft entgehen zu dürfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er mußte schon mit ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis zur Erde vor ihnen. „Grüß Gott, gute Leute!“ Aber auch nicht einer nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm da, schwiegen und streuten etwas ins Feuer. Da der Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen nichts, und auch der Großvater sagte nichts. Lange saßen sie schweigend so da, und der Großvater bekam die Sache schon satt; er griff in die Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich — aber keiner sah nach ihm hin. „Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Güte haben, sozusagen“ .... (Mein Großvater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am rechten Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren hätte er, wenn’s drauf ankam, in Ehren bestehen können.) .... „sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen hab’ ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen?“ Auch auf diese Rede erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten ergriff ein brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater geradewegs gegen die Stirn, und wenn er nicht etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig von seinem einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich sah, daß die Zeit unnütz verrann, beschloß er — ob’s die unreine Brut nun anhören wollte oder nicht — ihnen seine Sache zu erzählen. Jene spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff, was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin, wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er geriet — wie, das konnte er selbst nicht erzählen — schier in die Hölle. „Mein Gott!“ schrie der Großvater auf, als er sich wieder umsah. Was für Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab’s Hexen in so ungeheuerer Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf dem Jahrmarkt. Sie alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu tanzen. Der Staub wirbelte in die Höhe, — Gott bewahr, welch ein Staub! Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen müssen, wenn er gesehen hätte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater überkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die hübschen Mädchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flöten. Kaum aber hatten sie den Großvater erblickt, da stürzten sie sich wie ein ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler, Hundemäuler, Bocksmäuler, Gänsemäuler, Pferdemäuler — sie alle reckten sich vor und wollten, kam’s wie’s kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater mußte ausspucken, so ein Ekel überkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach Baturin. „Na, das ist wenigstens nicht übel,“ dachte der Großvater, als er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. „Das Satanspack hält wohl die Fasten nicht!“ Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten Bissen zu nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rückte er ohne viel Federlesens die Schüssel mit dem angeschnittenen Speck und einen Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spießte ein riesiges Stück Fleisch auf, nahm noch ein mächtiges Stück Brot dazu und schob es geradewegs in — einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren aufgetaucht war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und über den ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte. Der Großvater muckste nicht, gabelte ein anderes Stück auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen zu spüren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er versuchte es ein drittes Mal — und wieder traf er vorbei. Der Großvater raste vor Wut. Er vergaß all seine Angst und in wessen Händen er sich befand, und sprang auf die Hexen los: „Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der Stelle meine Kosakenmütze herausgebt, so will ich ein Römling sein, wenn ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!“ Noch hatte er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zähne zu fletschen begannen und ein solches Gelächter aufschlugen, daß dem Großvater die Seele zu Eis erstarrte.
„Gut!“ winselte eine der Hexen, die der Großvater für das Oberhaupt der anderen hielt, denn ihr Lärvchen war vielleicht noch wundervoller als die Fratzen der anderen. „Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht eher, als bis du dreimal mit uns Schafskopf gespielt hast.“