„Und wann ist die Hochzeit, Vater?“ fragte Lewko.

„Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, was Pünktlichkeit ist! Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!“

Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit würdig und bedeutungsvoll drein.

„Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, wie er die Zarin begleitet hat!“ sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten Häuschen, das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. „Gott schenke dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!“ dachte er sich. „Mögen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulächeln! Niemand soll je aus meinem Munde von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. Nur dir allein, Hanna, will ich’s erzählen, du allein wirst mir glauben und wirst mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten!“

Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster stand offen, die Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf lag auf den Arm gestützt, ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. „Schlaf, mein schönstes Mädchen! Mögest du träumen von dem Herrlichsten, was es auf der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!“

Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, entfernte sich leise, und wenige Augenblicke später schlief alles im Dorfe. Der Mond allein segelte voller Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Höhen dort oben, und die Nacht, die göttliche Nacht glomm majestätisch ihrem Ende entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genießen konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen für einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte sein Haus.

Der verschwundene Brief

Eine Sage
Erzählt vom Küster der — Kirche zu ***

Ihr möchtet also, daß ich euch noch mehr vom Großvater erzähle? — Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust überkommt doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in der Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein Großvater oder ein Urgroßvater, — dann ist’s ganz um mich geschehen: Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin Barbara den Schlucken kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles selbst durchgemacht hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters Seele hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele des Großvaters in mir selbst rumorte .... Nein, aber am ärgsten sind die Mädels und die jungen Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es: „Foma Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Märchen recht zum Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen zum Gruseln ....!“ Taratata — taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher mit ihnen im Bett geschieht. Ich weiß doch, daß jede unter der Decke zittert, als wenn sie das Fieber hätte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken möchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken, Gott bewahre, — gleich fliegt die Seele bis in die Strümpfe. Am anderen Tage aber ist alles vergessen; und sie drängen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch nun erzählen? Es fällt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzählen, wie die Hexen mit meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem Geleis, sonst giebt’s so einen Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins Maul zu nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch bemerken muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen Kosaken. Der verstand’s, auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine Apostel so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher Popensohn vor ihm verstecken könnte. Na, und das wißt ihr ja selbst, wenn man in der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten, — die offene Hand hätte schon vollständig genügt. Was Wunder, daß jeder, der am Großvater vorüberging, sich tief vor ihm verneigte.

Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige Regimentsschreiber (daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder Motusotschka oder Goloputzek .... ich weiß nur, daß er einen sehr komischen Namen hatte, der ganz absonderlich anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater liebte die langen Vorbereitungen nicht, nähte den Brief in die Mütze ein, führte sein Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie er sie selbst nannte) — einer von ihnen war mein leiblicher Vater — ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob fünfzehn Jungen auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage hatte der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht, als der Großvater schon in Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute auf den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte. Weil es aber noch früh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Händlerin im Sitzen mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann, mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein bärtiger Moskowiter mit Gürteln und Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie man’s auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater machte Halt, um sich’s anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heißen Buchteln zog übers ganze Lager. Da fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder noch Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgänger, man sieht’s ihm schon am Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter Gürtel, ein Säbel an der Seite und ’ne Pfeife mit einer Messingkette, die bis zu den Fersen reicht — mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der so dasteht, sich reckt, sich den prächtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt — und dann loslegt! Ja, sag’ ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden; wie ein Wirbelwind saust seine Hand über alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die Hüften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein jauchzendes Lied an — daß einem die Seele erzittert! .... Ja diese Zeiten sind vorbei; jetzt gibt’s keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu schwatzen, und der Großvater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging ein Saufen an wie auf ’ner Hochzeit vor den großen Fasten. Endlich aber kriegten sie’s satt, Töpfe zu zerschmeißen und Geld unters Volk zu werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr trennen und den Weg zusammen zurücklegen. Es war schon gegen Abend, als sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor kurzem gestanden hatte, ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen lagen ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger, junger Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen. Mein Großvater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten und Mären so verwunderlicher Art, daß der Großvater sich die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer, je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer unzusammenhängender. Endlich aber verstummte unser Erzähler und fing beim leisesten Geräusch an zu zittern.