„Er sagte ... doch nein, er winkte mir erst mit der Hand, und dann erst sagte er: „Jankel“. Worauf ich sagte: „Herr Andrij!“ „Jankel, sag dem Vater, sag dem Bruder, sag den Kosaken, sag den Saporogern, sag ihnen allen, daß der Vater mir von heute ab kein Vater, der Bruder kein Bruder, der Kamerad kein Kamerad mehr ist, und daß ich mit ihnen kämpfen werde, mit ihnen allen kämpfen werde!“
„Du lügst, satanischer Judas!“ schrie Taraß außer sich, „du lügst, verfluchter Hund! Du hast auch Christus gekreuzigt, du gottverfluchtes Geschöpf! Satan, ich erschlage dich! Fliehe, flieh von hier — sonst bist du gleich des Todes!“ Mit diesen Worten riß Taraß seinen Säbel aus der Scheide, und der erschrockene Jude ergriff die Flucht und lief, so schnell er konnte, davon, so weit ihn seine trockenen dürren Beine trugen. Lange lief er, ohne sich umzusehen, durch das Kosakenlager, immer weiter und weiter über das freie Feld, obgleich ihn Taraß garnicht verfolgte — er hatte es sich überlegt, daß es unvernünftig sei, seinen Zorn an dem ersten besten auszulassen.
Jetzt erinnerte er sich daran, daß er Andrij in der vorigen Nacht mit einem Weibe durch das Lager habe gehen sehen, und er ließ sein graues Haupt mutlos herabsinken. Aber er wollte noch immer nicht daran glauben, daß ihm eine solche Schmach hätte angetan werden können und daß der eigene Sohn seinen Glauben und seine Seele verraten konnte. Endlich ermannte er sich, führte seine Abteilung in den erwähnten Hinterhalt und verschwand im Walde, dem einzigen, der noch nicht von den Kosaken niedergebrannt war. Die andern Saporoger, das Fußvolk wie die Reiter, rückten in drei Zügen bis an die drei Tore vor. Eine Abteilung zog hinter der andern her: die Abteilungen Uman, Popowitschew, Kanew, Steblikiw, Nesamaikow, Gurgusiw, Tymoschew usw. Nur die Abteilung Perejaslaw fehlte. Diese hatte nämlich am Abend vorher ein äußerst stürmisches Zechgelage veranstaltet, und die Folge davon war, daß einige von ihnen gefesselt im feindlichen Lager und andere gar nicht erwachten, sondern sogleich in die feuchte Erde gebettet wurden. Chlib, der Hauptmann, wurde ohne Hemd und Hose ins polnische Lager gebracht.
In der Stadt hörte man bald von der Bewegung im Kosakenlager. Alle liefen auf die Wälle hinaus, und ein prächtiges Bild entfaltete sich vor den Augen der Kosaken. Die polnischen Ritter standen, einer immer schöner als der andere, auf den Wällen. Die kupfernen Helme, mit schwanenweißen Federn geziert, glänzten wie kleine Sonnen. Andere trugen leichte rosa und hellblaue Mützen, deren oberer Teil auf der Seite etwas eingebogen war. Ihre Röcke mit den herabhängenden Ärmeln waren mit Goldstickereien oder einfachen Schnüren versehen; sie hatten reichverzierte Säbel und Waffen, die die polnischen Herren teuer genug bezahlt haben mochten, und vielerlei andere Schmuckgegenstände. In der vordersten Reihe stand der Oberst von Budschakow in würdiger Haltung mit einer roten, goldgestickten Mütze. Der Oberst war bedeutend größer und stärker als alle übrigen, und sein weiter kostbarer Rock war fast zu eng für seine mächtige Hühnengestalt. Auf der anderen Seite, ganz nahe am Seitentor, stand ein anderer Oberst, ein kleiner dürrer Mann, dessen winzige, scharfe Augen lebhaft unter dichten Augenbrauen hervorblickten; er drehte sich schnell nach allen Seiten um, und seine hagere Hand wies gebieterisch bald hierher und bald dorthin. Man sah, daß er trotz seiner Kleinheit sich trefflich auf das Kriegshandwerk verstand. Unweit von ihm stand der Fähnrich, ein langer Kerl mit einem dichten buschigen Schnurrbart und einer fast zu frischen Gesichtsfarbe; der Herr liebte die starken Getränke und war der Freund einer reichbesetzten Tafel. Hinter ihnen sah man noch viele viele Ritter, von denen sich ein Teil auf eigene Kosten bewaffnet und ausgerüstet hatte, der andere dagegen auf Kosten der Staatskasse oder mit jüdischem Gelde, da diese Herrn all ihr Hab und Gut, das die Schlösser der Väter bargen, versetzt hatten. Es gab darunter auch eine nicht geringe Zahl von jenen Schmarotzern, die das Gefolge der Senatoren zu bilden pflegten, und die an ihrer Tafel sitzen durften, um ihren Glanz zu erhöhen; oft genug stahlen sie dort als Entgelt die silbernen Becher von den Tischen und aus den Schränken weg und lenkten vielleicht schon morgen, ihrer Ehre entkleidet, vom Kutscherbock herab die Pferde eines großen Herrn. Da gab es alle möglichen Sorten und Gattungen von Menschen. Manch einer besaß noch nicht genug, um sich einen Becher Branntwein zu kaufen: für den Krieg aber hatten sie sich alle aufs schönste herausgeputzt.
Die Kosaken standen gelassen vor den Stadtmauern. An ihnen war auch nicht eine Spur von goldenem Zierat zu bemerken, nur ab und zu blitzte es an einem Säbelgriff oder einem Gewehrkolben auf. Die Kosaken liebten es nicht, sich zur Schlacht reich zu schmücken. Ihre Panzer und Kleider waren alle höchst einfach und bescheiden: bloß ihre schwarzen Lammfellmützen mit den roten Spitzen konnte man weithin schimmern sehen.
Zwei Kosaken lösten sich von den Reihen der Saporoger ab und sprengten nach vorn; der eine war noch ganz jung, der andere etwas älter, beide hatten Haare auf den Zähnen, verstanden sich gut aufs Reden, doch auch nicht minder gut auf das Handeln. Sie hießen Ochrim Nasch und Mykyta Golokopytenko. Ihnen folgte Demid Popowitsch, ein stämmiger Kosak, der sich schon lange in der Sjetsch aufhielt, bei Adrianopel gekämpft und schon mancherlei erlebt und erfahren hatte: sollte er doch bereits einmal lebendigen Leibes auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden; damals war er mit geteertem und geschwärzten Kopf und abgesengten Schnurrbart in der Sjetsch erschienen, aber Popowitsch hatte sich bald wieder erholt und sich einen langen Schopf, der ihm bis übers Ohr herabhing, und einen pechschwarzen, buschigen Schnurrbart wachsen lassen. Übrigens konnte Popowitsch oft recht bissig werden.
„Ja, das muß man sagen, schöne Kleider habt ihr an, ihr tapferen Ritter; ich möchte nur wissen, ob euer Mut und eure Tapferkeit ebenso groß ist?“
„Ich will’s euch schon zeigen,“ rief der dicke Oberst von oben herab, „ich lasse euch allesamt binden und an die Kette legen. Gebt eure Gewehre und Pferde her, ihr Knechtsseelen. Habt ihr’s gesehen, wie ich eure Leute habe binden lassen? Hollah, schleppt doch mal die Saporoger auf den Wall!“
Und die aneinandergebundenen Saporoger wurden auf den Wall geschleppt. Zuerst erschien der Hauptmann der Abteilung, Chlib, ohne Hemd und Hose — ganz so, wie man ihn im Rausche erwischt hatte. Er ließ den Kopf tief sinken, denn er schämte sich, daß er sich vor den Kosaken in seiner Blöße zeigen mußte, und daß er schlaftrunken wie ein Hund in Gefangenschaft geraten war. Sein mächtiger Kopf war in der einen Nacht ergraut.
„Sei nicht traurig, Chlib, wir werden dich schon befreien“, riefen ihm die Kosaken von unten zu.