Die Kosaken rückten von allen Seiten heran. Sie drängten die polnischen Reihen zurück, brachten sie in Verwirrung und gerieten selbst in ein wirres Durcheinander. Man ließ sich nicht einmal Zeit, die Gewehre zu laden und abzufeuern, sondern zog sofort das Schwert und gebrauchte die Lanze. Alles drängte sich zu einem Haufen zusammen, und jeder hatte Gelegenheit, seinen Mut und seine Kraft zu zeigen.

David Popowitsch säbelte drei gemeine Soldaten nieder, warf zwei der tapfersten Edelleute von den Pferden und rief: „Sind das schöne Pferde! Solche Pferde hatte ich mir längst gewünscht!“ Er jagte die Rosse weit ins Feld hinaus und rief einigen Kosaken zu, sie sollten sie festhalten. Dann stürzte er sich wieder in den Haufen und warf sich über die am Boden liegenden Edelleute: den einen erschlug er und dem andern warf er eine Schlinge um den Hals, band ihn am Sattel fest und schleifte ihn über das ganze Feld, nachdem er ihm zuvor seinen Säbel mit dem kostbaren Griff abgenommen und seinen Beutel mit Goldstücken vom Gürtel abgerissen hatte.

Kobita, ein wackerer und noch junger Kosak, war ebenfalls mit einem der tapfersten der polnischen Kämpfer handgemein geworden; das war ein langer Kampf; jetzt brauchten sie bereits ihre Fäuste ... der Kosak hatte schon beinahe die Oberhand gewonnen, den Feind niedergeworfen und ihm ein langes türkisches Messer in die Brust gestoßen. Aber er hatte dabei nicht acht auf sich gegeben; im selben Augenblick durchbohrte ihm eine heiße Kugel die Schläfe. Einer der edelsten Herren, der schönste Ritter aus einem der ältesten Fürstengeschlechter hatte ihn hingestreckt. Schlank wie eine Pappel saß er auf seinem Schimmel, und hatte schon manch hohes Beispiel von seinem Heldenmut gegeben; zwei Saporoger hatte er geradezu zerspalten, den Fedor Korsch, einen wackeren Kosaken, samt seinem Pferde niedergehauen, den Gaul erschossen, und den Reiter unter dem Rosse mit ein paar Lanzenstichen getötet, vielen andern hatte er den Kopf oder die Arme abgeschlagen und endlich den Kosaken Kobita durch eine wohlgezielte Kugel, die jenem die Schläfe durchbohrte, niedergestreckt.

„Das ist ein Kerl, mit dem ich einmal meine Kräfte messen möchte,“ rief der Hauptmann Kukubenko von der Abteilung Nesamaikow aus. Er gab seinem Pferde die Sporen, sprengte von hinten an ihn heran und schrie so laut, daß alle, die in der Nähe standen, bei diesem unmenschlichen Gebrüll erbebten. Der Pole wollte schnell sein Pferd herumreißen, um ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten; aber das Pferd gehorchte ihm nicht. Erschreckt von dem entsetzlichen Geschrei sprang es zur Seite, und so gelang es Kukubenko, dem Ritter eine Kugel in den Leib zu jagen. Sie drang ihm ins Schulterblatt, und er stürzte vom Pferde. Aber auch jetzt ergab sich der Pole noch nicht, sondern versuchte es noch immer, seinem Gegner einen Schlag zu versetzen, doch sein kraftloser Arm vermochte den Säbel nicht mehr emporzuheben. Unterdessen ergriff Kukubenko mit beiden Händen seinen schweren Pallasch und stieß ihn dem Polen in das erbleichende Antlitz. Der Säbel hieb ihm zwei von den milchweißen Zähnen heraus, spaltete die Zunge, zerschmetterte den Halswirbel und drang noch tief in die Erde hinein. So nagelte er ihn für ewig an die feuchte Erde fest. Das edle rote Ritterblut spritzte hoch empor, so rot wie die Dolden der Eberesche am Flusse, und färbte den gelben goldgestickten Rock des Ritters. Aber Kukubenko kümmerte sich nicht mehr um ihn und stürzte mit seinen Nesamaikow-Kosaken mitten ins Gedränge hinein.

„Ei, wie kann man nur eine so kostbare Rüstung liegen lassen,“ rief der Hauptmann der Uman-Abteilung, Borodaty, der die Seinen verlassen hatte und nach der Stelle geritten war, wo der von Kukubenko erschlagene Edelmann in seinem Blute lag.

„Sieben Edelleute habe ich eigenhändig erschlagen, aber noch bei keinem habe ich eine so kostbare Rüstung gesehen!“ Von der Beute angelockt, bückte sich Borodaty, um dem Toten die kostbare Rüstung abzunehmen; schon bemächtigte er sich des türkischen Dolches mit dem Griff aus farbigen leuchtenden Edelsteinen, löste das Täschchen mit den Dukaten vom Gürtel ab und zog ihm einen Beutel mit feiner Wäsche, kostbarem silbernem Zierat und einer schönen Mädchenlocke, die hier zur Erinnerung aufbewahrt wurde, aus dem Busen. So kam es, daß Borodaty es nicht hörte, wie der Fähnrich mit der roten Nase, den er schon einmal aus dem Sattel geworfen und einen kräftigen Denkzettel versetzt hatte, hinterrücks auf ihn eindrang. Der Fähnrich holte tüchtig aus und gab ihm mit dem Säbel einen furchtbaren Hieb über den niedergebeugten Nacken. Die Beutegier trug dem Kosaken nichts Gutes ein; sein mächtiges Haupt flog ihm von den Schultern, der kopflose Leichnam brach zusammen und tränkte den Boden ringsherum mit seinem Blute. Die rauhe Kosakenseele stieg zürnend und murrend, aber zugleich voller Verwunderung, daß sie schon so früh aus dem starken Körper entweichen mußte, zum Himmel empor. Kaum aber hatte der Fähnrich die Mähne des Hauptmanns gepackt, um sie an seinen Sattel zu binden, da nahte auch ihm schon der schreckliche Rächer.

Wie ein am Himmel schwebender Habicht, der plötzlich, nachdem er mit seinen starken Flügeln manch gewaltigen Kreis beschrieben hat, mit ausgebreiteten Schwingen an einer Stelle hängen bleibt und dann wie ein Pfeil auf die singende Wachtel am Wege herabstößt, so stürzte sich Taraß’ Sohn, Ostap, auf den Fähnrich und warf ihm schnell den Strick um den Hals. Das rote Antlitz des Fähnrichs wurde noch röter, als ihm die grausame Schlinge die Kehle zuschnürte; er griff nach der Pistole, aber die krampfhaft zusammengedrückte Hand vermochte nicht mehr zu zielen, und die Kugel flog nutzlos ins Feld hinaus. Sofort löste Ostap die seidene Schnur vom Sattel des Fähnrichs, die dieser zur Fesselung der Gefangenen mit sich führte, und band ihm mit seiner eigenen Schnur Hände und Füße zusammen; das Ende befestigte er an seinem Sattel und schleifte dann den Polen über das Feld, indem er alle Kosaken der Abteilung Uman laut ermahnte, ihrem Hauptmann die letzte Ehre zu erweisen.

Als die Uman-Kosaken hörten, daß ihr Hauptmann Borodaty gefallen sei, verließen sie das Schlachtfeld und eilten herbei, um seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen. Dann gingen sie sofort zu Rate, wen sie zu ihrem Hauptmann wählen sollten. Endlich sagten sie: „Wozu sollen wir lange überlegen? Wir können ja doch keinen bessern Hauptmann bekommen als Ostap Bulba; er ist zwar der jüngste von uns, aber er hat soviel Verstand wie ein älterer Mann.“

Ostap nahm die Mütze ab und dankte allen Kameraden für die Ehre, ohne sich erst lange mit seiner Jugend oder seiner geringen Erfahrung zu entschuldigen, denn er wußte, daß man während des Krieges keine Zeit zu solchen Dingen hat. Er führte seine Kosaken sogleich dorthin, wo das Gedränge am größten war, und bewies so, daß sie nicht übel beraten waren, als sie ihn zum Hauptmann wählten. Als die Polen merkten, daß die Sache doch etwas ernst wurde, zogen sie sich zurück und stürmten quer über das Feld, um sich am andern Ende wieder zu sammeln. Der kleine Hauptmann gab den vierhundert Mann, die in der Nähe des Tores standen und noch nicht am Gefecht teilgenommen hatten, ein Zeichen — und ein Kartätschenregen hagelte auf die Reihen der Kosaken nieder; sie trafen jedoch nur wenige. Dafür aber streiften einige Kugeln die Ochsenherden der Kosaken, die die Schlacht mit entsetzten Blicken anstarrten. Die erschrockenen Ochsen brüllten laut auf, stürmten auf das Kosakenlager zu, zertrümmerten die Wagen und traten viele Leute zu Boden. In diesem Augenblick jedoch stürzte Taraß mit seiner Abteilung aus dem Hinterhalte hervor und verlegte den Tieren den Weg, die aufs höchste gereizt, kehrt machten und sich mit angstvollem Gebrüll auf die polnischen Regimenter stürzten, die Reiter über den Haufen warfen und alles zerstampften und zertraten.

„Hallo, Dank ihr Ochsen!“ schrien die Saporoger, „ihr habt uns während des ganzen Feldzuges schon manchen Nutzen gebracht und jetzt leistet ihr uns gar noch Kriegsdienste!“