Der Philosoph hätte gern Genaueres über den Hauptmann erfahren: über seinen Charakter, was man über seine Tochter wußte, die unter so merkwürdigen Umständen nach Hause gekommen war und jetzt im Sterben lag, und deren Geschick nun mit seinem eigenen verknüpft wurde; wie sie leben und was sie zu Hause treiben. Er suchte seine Begleiter auszufragen, aber wahrscheinlich waren die Kosaken auch Philosophen, denn statt zu antworten, schwiegen sie still und rauchten, auf den Säcken hingestreckt, weiter.
Nur der eine wandte sich mit dem kurzen Befehl an den Kameraden auf dem Kutschbock: „Paß auf, Owerko, alter Maulaffe; wenn du bei der Schenke an der Straße nach Tschuchrailowsk vorbeikommst, so vergiß nicht anzuhalten und uns zu wecken, falls einer von uns einschlafen sollte.“
Hierauf schlummerte er ziemlich geräuschvoll ein. Übrigens war diese Ermahnung ganz überflüssig, denn kaum näherte sich das Riesengefährt der Schenke an der Straße nach Tschuchrailowsk, als alle wie aus einem Munde losschrien: „Halt!“ Auch waren Owerkos Gäule schon so abgerichtet, daß sie von selbst vor jeder Schenke still standen. Trotz des heißen Julitages krochen alle aus dem Wagen und gingen in die niedrige, schmutzige Stube, wo der jüdische Schankwirt seine alten Bekannten voller Freude begrüßte. Der Jude holte sofort ein paar Würste aus Schweinefleisch herbei, die er unter seinen Rockschößen versteckt hielt, und legte sie auf den Tisch, um sich schleunigst von diesem vom Talmud verbotenen Gericht abzuwenden. Alle setzten sich um den Tisch herum, und bald hatte jeder Gast einen Tonkrug vor sich stehen. Auch der Philosoph, Choma Brut, mußte an dem gemeinsamen Mahle teilnehmen. Und da die Kleinrussen sofort anfangen, sich zu küssen oder zu heulen, wenn sie ein wenig angetrunken sind, so hallte die Hütte bald von schallenden Küssen wider. „Laß uns anstoßen Spirid! Komm her Dorosch, ich will dich küssen!“ Einer der Kosaken, der etwas älter war als die anderen, und dessen Schnurrbart schon grau zu werden begann, stützte seinen Kopf auf die Hand und fing bitterlich an zu weinen. Er jammerte, daß er weder Vater noch Mutter habe und ganz allein auf der Welt dastehe. Ein anderer, der ein großer Schwätzer war, tröstete ihn fortwährend, und sagte: „Weine doch nicht, bei Gott, weine nicht, was ist dann dabei .... Gott weiß schon, warum es so ist.“
Ein anderer, namens Dorosch, wurde plötzlich sehr neugierig, wandte sich an den Philosophen Choma und fragte ihn in einem fort. „Ich möchte gern wissen, was man euch in der Bursa eigentlich beibringt. Das, was der Vorsänger in der Kirche vorliest, oder etwas anderes?“
„Frag’ doch nicht,“ sagte der Schwätzer gedehnt, „laß es doch, gehn wie es geht. Gott weiß schon, wie es am besten ist, Gott weiß alles!“
„Nein, ich will wissen, was in den Büchern steht,“ sagte Dorosch, „vielleicht ist es etwas ganz anderes, als was der Vorsänger sagt!“
„Mein Gott, mein Gott,“ sagte der weise Moralist, „wie kann man nur so sprechen? Gott hat es nun einmal so gemacht: und was Gott gemacht hat, das läßt sich nicht ändern.“
„Ich will aber alles wissen, was in den Büchern steht; ich will in die Bursa eintreten, bei Gott, ich werde dort eintreten! Was? was denkst du? Ich werde nichts lernen? Alles werde ich lernen, alles!“
„Mein Gott, mein Gott,“ sagte der Moralist, und legte seinen Kopf auf den Tisch, er war wirklich nicht mehr imstande, ihn noch länger auf den Schultern zu tragen. Die übrigen Kosaken sprachen von ihren Herrschaften und darüber, warum wohl der Mond am Himmel leuchte.
Als der Philosoph Choma merkte, wie es in ihren Köpfen aussah, beschloß er den Moment auszunutzen und sich aus dem Staube zu machen. Zuerst wandte er sich an den graubärtigen Kosaken, der sich um Vater und Mutter grämte. „Was weinst du Onkelchen?“ fragte er. „Sieh, ich bin auch eine Waise. Freunde, laßt mich laufen! Gebt mir die Freiheit! Wozu braucht ihr mich?“