Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene des „Revisor“.
Stumme Szene
Als Schlußbild des letzten Aufzuges.
(In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsäule, mit ausgestreckten Armen und hintenüber geworfenem Kopf. Zu seiner Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ängstlicher Spannung auf ihn gerichteten Körperhaltung; neben ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den Zuschauern zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in blödeste Bestürzung versetzt; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, drei weibliche Gäste, eng gruppiert, deren höhnischer Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehörigen gilt. Zur Linken des Polizeimeisters der Hospitalverwalter, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Händen fast am Boden kauernd und die Lippen bewegend, als wenn er pfeifen oder sagen wolle: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Neben ihm Koróbkin, den Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister weisend; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, Dóbtschinski und Bóbtschinski, einander die Hände entgegenstreckend und sich mit aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen Augen anstarrend. Alle übrigen Gäste stehen wie Bildsäulen da. Fast anderthalb Minuten verharrt die ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis der Vorhang fällt.)
(Ende des letzten Aufzuges.)
Anhang zur Komödie
„Der Revisor“
I.
Abriß aus einem Brief
(1841)
den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller richtete
„.... Der Revisor ist aufgeführt worden — und mir ist so seltsam, so traurig zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde, und doch hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber Enttäuschung meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich, fremd und gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet vollständig; das hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut nicht, was Chlestakoff bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff, von der Sorte landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der Pariser Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen ganz gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn wirklich aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff bedeutet? Oder war ich selber bis heute von einem blinden Dünkel besessen, reichte mein Können nicht aus, um diesen Charakter zu meistern, so daß sich für den Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig bot? Und mir erschien er so klar. Chlestakoff ist ganz und gar kein Betrüger, kein Lügner von Profession; er vergißt selber, daß er lügt, und glaubt beinahe selber an das, was er faselt. Er läßt sich gehen, ist gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß er umdienert wird; und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener, frisch von der Leber weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich namentlich beim Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler verstehen überhaupt nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter nichts, als dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in einem so die Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone aussprechen, wie man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade darauf beruht die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß Chlestakoff einen besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese Rolle einem der wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm bloß gesagt hätte: Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus comme il faut, gescheit und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn genau so darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre! Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch des äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an, der sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger Leute unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin und wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart oder Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige, halb unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters sind deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein stark persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt durch sich zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge sind viel unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu erfassen. Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser Chlestakoff so recht eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und Einfaltspinsel, wie man zu sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in sich vereinigt, die Leuten anhaften, welche die Welt keineswegs einfältig nennt. Derartige Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen, welche daneben auch tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein Verbrechen von seiten des Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem allgemeinen Gelächter preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu seinem Teil in dieser Rolle wiedererkennen und sich dabei ruhig umschauen dürfen, ohne befürchten zu müssen, daß jemand mit Fingern auf ihn weist und ihn bei Namen nennt. Mit einem Wort, diese Figur soll ein Typus vieles dessen sein, was in den verschiedensten russischen Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber hier zufällig in einer Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr häufig vorkommt. Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder ist jeder einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch der gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber Bruder, der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff. Es gibt überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens einmal gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr geschickt so zu drehen weiß, als sei er’s gar nicht gewesen.
Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein? Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in einer einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach allen Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist niederdrückend und tief verstimmend.
Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange, — und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich Murren und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen übertönten. Aber das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine Hälfte der Zuschauer nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere tadelte bei einzelnen Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk selbst bezogen. Auf welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei unserem nächsten Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und viel Spaßhaftes darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben, doch das nebenbei.