Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki konnte diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens froh, ihm die Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen Umfange zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden begann, und dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern stellte, die durch freigebigen Applaus bei alltäglichen Vaudevilles und ähnlichen Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte ich Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben hatte, hegte ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie einigermaßen heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade umgekehrt: eine vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der Vorstellung, als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt. Diese beiden sonst so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem sauber geglätteten Haar erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen grauen Perücken, ganz verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen hervorquellenden Chemisettes; und auf der Bühne schnitten sie derartige Grimassen, daß es einfach unerträglich war. Überhaupt war die Kostümierung der meisten handelnden Personen sehr schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen vorausgeahnt, als ich darum bat, eine Kostümprobe stattfinden zu lassen. Man versicherte mir aber, das sei gar nicht nötig und auch nicht herkömmlich, und die Schauspieler würden schon wissen, was sie zu tun hätten. Wie ich merkte, daß meine Worte in den Wind gesprochen waren, ließ ich die Leute gewähren. Ich wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich weiß selber nicht, weshalb mich der Ekel so überkommt.

Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte mich ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit der Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt sei, Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß es besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten. Obwohl ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in gewisser Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte mir: du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und wirklich, jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der Anfang des vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen Schwäche an sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an die Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens natürlicher geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich habe die Kraft nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das Stück abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß, wie man zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen muß, so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in einer zweiten Auflage oder Überarbeitung des „Revisor“ seinen Platz finden.

Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung. Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man nicht begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies Ganze eine versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu Ende ist und von wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst nach zwei bis drei Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben Bedingungen erfolgen muß, welche die sogenannten „lebenden Bilder“ erheischen. Man entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang auferlege, daß man dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen müßte, was für die Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw. usw. Und noch manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was noch viel ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses „Weiteren“ ungeachtet halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal: „Nein, das legt durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.“ Mag immerhin ein Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn er nur die Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation jeder einzelnen Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein Talent nicht, so wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil, einmal in sie geleitet, wird er mit stärkeren und volleren Wogen dahinrauschen. Ein temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm angewiesenen Pose alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen Fesseln befreit, einzig die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf zwanglos jede innere Bewegung widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein liegt für ihn eine Fülle mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem Erschrecken gleicht keine der handelnden Personen der anderen, so wenig wie deren Charaktere und der Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen, entsprechend der Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen Sünden. Anders verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau und seine Tochter. Auf seine besondere Weise erschrickt der Kreisrichter, auf besondere der Hospitalverwalter, der Postmeister usw. usw. Wieder anders fährt es Bóbtschinski und Dóbtschinski in die Glieder, die sich auch hier gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer stummen Frage auf den Lippen anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf gleichartige Weise betroffen erscheinen, sie stellen aber auch bloß den Hintergrund des Tableaus dar, der mit einem Pinselstrich entworfen und in ein und dasselbe Kolorit getaucht ist. Mit einem Wort: jeder einzelne spielt seine Rolle mimisch weiter und kann, wenn er sich auch vom Ballettmeister begutachten lassen mußte, deshalb doch ein großer Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen nicht aus, um mich noch länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin seelisch und körperlich ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig niemand meinen Kummer. Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was sie wollen! Mein Stück ist mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit weg von hier, und nur meine bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und andere ferne Himmelsstriche können mich allein noch wiederbeleben. Ich sehne mich unbeschreiblich danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald; bevor ich von Ihnen nicht Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch vieles habe ich Ihnen zu sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten Briefe außerstande bin ....“

St. Petersburg, 25. Mai 1836.

II.
Vorbemerkung
für diejenigen, die den „Revisor“ sachgemäß aufzuführen beabsichtigen.

1.
(Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)

Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert werden. Im Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben, noch einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als die darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf anlegen wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker wird die Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade in dem Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren Geschäften nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe hitzig dahinter her, als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres Lebens handele. Dem Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß nebenbei sichtbar. Sie selber aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht einmal, daß sich jemand über sie lustig macht. Ein vernünftiger Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen Eigenheiten und äußerlichen Absonderlichkeiten der ihm übertragenen Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle zu erfassen suchen .... Er soll zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste und wesentlichste Beschäftigung jeder Person besteht, von der ihr Dasein erfüllt und die das beständige Ziel ihrer Gedanken ist, — der ewig im Kopf steckende Nagel. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in sie einleben, daß deren Gedanken und Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden und während der Dauer der Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um szenische Einzelheiten und Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern; sie werden ohne weiteres leicht und sicher gelingen, sofern er nur keinen Augenblick jenen Nagel aus dem Kopf verliert, welcher in dem seines Helden steckt. Alle diese Einzelheiten und verschiedenen kleinen Züge, deren sich oft schon solche Schauspieler mit Glück zu bedienen wissen, welche zwar zu gefallen und Gang und Gebaren abzulauschen, nicht aber eine Rolle auszuschöpfen vermögen, — alle diese Züge also sind höchstens Lichter, die man dann erst aufsetzen darf, wenn das Bild fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das Kleid und der Körper der Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß man sich zuerst diese Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist vor allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst genauer zu betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es selber zu merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken; ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem Nächsten Schaden bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten, die ihn hatten verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo diese ihm eine verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer Schätze jede Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm erstickt und abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er geht in die Kirche; glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, übermächtig auch die eingewurzelte Gewohnheit, sich alles anzueignen und nichts sich entgehen zu lassen.

Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch einer, bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge geworden ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt den Ehrbaren und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört vielleicht sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um sie her ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....

2.
(Der vollständige Entwurf.)