Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Nichts darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto ..... Je weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber wirken. Auf dem Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht ..... Der Schauspieler soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und kleinen äußeren Besonderheiten jeder Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen Charakter der Person muß man den Zweck ergründen, wofür sie da ist, worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung besteht, wovon ihr Leben erfüllt ist und worum es sich hauptsächlich dreht, worauf und wohin sich beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich alle Gedanken und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der ganzen Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll er gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur so ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende Person, ohne zu spaßen, selber tut.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu betrachten. Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum Blutsauger, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er hat vergessen, daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet wird. Er fühlt zwar gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur Kirche, glaubt sogar fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal bereuen zu wollen. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, und übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das umlaufende Gerücht vom Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch der Umstand, daß dieser inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und von woher er erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß des Stückes in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm sonst derart im Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim Übergang von Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas Überhitztes, dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der zu anderer Zeit nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie er sieht, daß der Revisor in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist und sich sogar mit ihm verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer Freude in Voraussicht dessen, daß sein Leben von nun an in Gastereien und Trinkgelagen aufgehen wird, daß er selbst Stellungen vergeben, auf den Stationen Pferde verlangen, die Polizeimeister im Vorzimmer warten lassen, groß tun und den Ton angeben wird. Darum bedeutet die plötzliche Meldung von der Ankunft des echten Revisors für ihn einen stärkeren Donnerschlag als für alle anderen und seine Lage wird zu einer wirklich tragischen.

Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig. Ihm fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine Jagdleidenschaft groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat schließlich irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem Verstande und ist nur darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn Gelegenheit bietet, sich selbst ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn ist jedes Ereignis, auch ein solches, was andere in Schrecken versetzt, ein willkommener Fund, weil es ihm Stoff zu seinen Mutmaßungen und Kombinationen gibt, die ihn ebenso befriedigen, wie den Künstler seine Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit muß sich auf dem Gesicht des Schauspielers ausprägen. Während er spricht, beobachtet er gleichzeitig, welchen Eindruck seine Worte auf andere machen. Er forscht .....

Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs, wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines 22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: „Laberdan, Ew. Gnaden!“ direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich selber zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche zu bringen, und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der Hand sind, ohne dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig darauf bedacht, nur selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit und Schwerfälligkeit ist er immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler wird sich natürlich keine solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die Zuvorkommenheit eines korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders komisch wirken kann, ohne es bis zur Karikatur zu treiben.

Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum fürchtet er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen hat. Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die beständige Angst zum Ausdruck zu bringen.

Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben wie eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen ansieht, die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für Bestechungen ist er ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts weiter zu tun, als so einfältig wie möglich zu sein.

Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber müssen besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr scharf aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit und Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand stören oder am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis Stoff zum Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst rasch erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein, untersetzt und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines Embonpoint. Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze: man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet ist. Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß er mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es sind Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde Interessen in die Welt gesetzt wurden.

Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als die erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter, der etwas mürrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, daß dieser ein Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken Strafpredigten zu halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr findig im Aufspüren von Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann, — also eine allgemein bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets gut gespielt wurde. Dementsprechend wird man leicht ermessen können, welchen Eindruck die Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser Personen auszuüben imstande ist.

Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor spukt. Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und Hoffnung aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung auf ein strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst und bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.

Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt für den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen, was Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen. Eben noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf dem Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und sieht sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig überrascht und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht begreifen, weshalb man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er empfindet bloß ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn hofiert, bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner Äußerungen auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die Themata für seine Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm die Worte gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine Expektorationen veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall prahlen läßt, wo nichts einen behindert. Er phantasiert, daß er in der Literatur einen Namen hat, auf Bällen die erste Rolle spielt, selber Bälle gibt und, damit nicht genug, auch ein großer Staatsmann ist. Vor nichts scheut er zurück, wonach man ihn etwa .... Das Diner mit all’ den Laberdanen und Weinen hat seine Zunge gelöst und ihn redselig gemacht. Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine Einbildungskraft und er gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar nicht die Absicht hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er meint sogar all das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum versetzt auch die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle Beamten so in Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung, wie er in Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz alle Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er gesehen hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute herunterzuputzen — wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten genötigt sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu bringen.