Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so albern wie zuvor.
Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben sein, bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz, diese Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes, lügenhaftes Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet muß diese Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut werden, weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch und oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von Eigenschaften, welche auch nicht oberflächliche Leute besitzen. Namentlich darf der Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht lassen, mit der mehr oder weniger alle Menschen behaftet sind und die bei Chlestakóff am stärksten ausgebildet ist, — eine kindische Neigung zwar, die sich nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten findet, so daß wohl selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit im Leben .... Mit einem Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein sehr vielseitiges Talent mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten Eigenschaften eines Menschen darzustellen und nicht nur ewig ein und dieselben. Er muß zugleich ein gewandter Weltmann sein, weil er sonst außerstande sein würde, naiv und harmlos diesen hohlen, weltlichen Leichtsinn zur Anschauung zu bringen, der einen Menschen über alles und jedes hinwegtändeln läßt und in so beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu eigen ist.
Die letzte Szene des „Revisors“ muß ganz besonders umsichtig gespielt werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen ist eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die allerverzweifeltste; denn, wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu sehen, noch dazu von dem dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder Ansehen noch Gestalt hatte und kaum einem Zündhölzchen glich (Chlestakóff ist, wie erinnerlich, schmächtig, alle andern dick), — von dem sich betrogen zu sehen, ist wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump betrogen zu werden, während man selber doch schlaue Köpfe und sogar die abgefeimtesten Gauner hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die schließlich erfolgende Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt auf ihn wie ein Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit ausgebreiteten Armen und hintenübergeworfenem Haupt verharrt er regungslos, und alle handelnden Personen um ihn her bilden eine momentan versteinerte Gruppe in den verschiedensten Stellungen.
Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht und der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des echten Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts miteinander gemein haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden sein; auch muß darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort annehmen zu können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft. Anfangs wird das freilich gezwungen herauskommen und an Automaten erinnern; allmählich aber, nach einigen Wiederholungen, im Maße wie jeder Schauspieler seine Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm die angewiesene Pose geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem Wesen entsprechenderes Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des Automaten wird verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei dieses stumme Bild ganz von selbst entstanden.
Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen sind. Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen stärkeren Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran, seine eigene Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male selber wie ein Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas abzuschwächen, stärker zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild natürlicher wirkt.
Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern zugekehrt. Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom Polizeimeister Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger im Munde, wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der Kreisrichter, fast auf die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend, als wenn er sagen wollte: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Hinter diesen starren Bobtschinski und Dobtschinski einander mit offenem Munde an. Die Gäste verteilen sich in zwei Gruppen auf beiden Seiten; jede für sich nimmt eine eigne allgemeine Stellung an und heftet ihre Blicke auf den Polizeimeister. Fast eine Minute lang währt diese stumme Szene, bis endlich der Vorhang fällt. Damit sich die Gruppe geschickter und ungezwungener entwickele, überträgt man sie am besten einem tüchtigen Künstler, der Gruppen zu komponieren versteht, Skizzen entwerfen kann und .....
Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer Rollen zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die Krone aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung teilnahmslos und unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit dem Unterschied, daß sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch deutlicher offenbaren wird.
III.
Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang der Handlung störend ausgeschieden wurden.
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Márja Antónowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du glauben kannst, deine Augen seien das Schönste ...