Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande, sich in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine Dämon!

Nikolai Nikolajewitsch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen — nein, das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine zweite Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!

Fjodor Fjodorowitsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz erhalten! Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z. B. die Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich? Ist’s möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint, nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb, weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil Sie klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.

Pjotr Pjetrowitsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen von der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig gestanden noch nie gesehen habe — und ich bin doch, ohne Rühmens gesagt, in den besten Theatern gewesen — ich weiß auch nicht einmal, wem der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften, oder unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn eine derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht als leere Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir, wenn wir von alldem absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu machen, dieselbe Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei Gelegenheit der ersten Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im „Revisor“, auch wenn er so vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht den geringsten Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen, so daß man sagen dürfte, das Stück sei für sie unentbehrlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ich meinesteils halte es sogar für schädlich; es wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht glauben, daß derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies: welche Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu sagen: „was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“

Fjodor Fjodorowitsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister sagt, der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil man über ihn lacht.

Pjotr Pjetrowitsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch einzuwenden, daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und daß sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte der Autor jene Worte: „Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“ ausdrücklich an sie. Ich sage das — meine Herrschaften, Sie werden meine Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich übelwollte, oder voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob ich irgend etwas gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich gebe lediglich meinem eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber wirklich so vor, als ob in diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde, der sich über alles an uns lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre Sitten und Gewohnheiten; und, indem er uns zwingt, selber über all dies zu lachen, uns ins Gesicht sagt: „ihr lacht über euch selber!“

Erster Schauspieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten. Das hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der zur selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf Nimmerwiedersehen davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung geben, von der Sie reden: dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht ferngelegen; ich sage Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis dieses Stückes kenne. Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was wäre denn, wenn der Autor wirklich die Absicht gehabt hätte, dem Zuschauer begreiflich zu machen, daß er über sich selber lacht?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein Teil vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im „Revisor“ geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch kann, aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade! Im Motto heißt es: „Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.“ Pjotr Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und dich, Nikolai Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an die übrigen wendend.) Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich etwa eine Fratze?

Fjodor Fjodorowitsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du freilich nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich nicht so ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit selber wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch; nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.