Pjotr Pjetrowitsch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom Thema ab! Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir amüsieren uns darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die eigentliche Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich sehe in dieser Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem Zweck darin, wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen hervor.
Nikolai Nikolajewitsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen Zweck, Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst; das Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst. Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt, was der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster lustig macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen steckt, und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor empfindet, dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles Edlen? Nicht eine Verherrlichung der Tugend?
Pjotr Pjetrowitsch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte ich trotzdem ....
Nikolai Nikolajewitsch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, daß man uns im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist, sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß, auf welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die Tugend in einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von Tugend erkennt.
Erster Schauspieler. Wahr und schön gesprochen, Nikolai Nikolajewitsch! Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine Überzeugung war, nur daß ich selbst es nie so treffend formulieren konnte. Ja, das ist das Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr erkennt. Dies Übel kommt aber von all den modernen Dramen her, mit denen wir das Publikum unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das Theater, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich gesehen hat, ob ein böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete ihn nicht zur Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt er wie in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine brauchbare Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre gemacht auf dem Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten besten zu folgen, der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.
Fjodor Fjodorowitsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo Sjemjonowitsch, welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß, eine derartige Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.
Erster Schauspieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen mich mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das manchmal ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber nicht, wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert die Zuschauer — und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so darzustellen, daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet, oder das Walten der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen, daß jener gar nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das andere ist meiner Meinung nach — Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen: schlimm ist’s, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.
Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.
Pjotr Pjetrowitsch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo Sjemjonowitsch hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine Antwort auf meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben, nämlich: daß die Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden solle, fähig, nicht nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an sich zu ziehen, und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß der Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten Personen zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch fühlt, sie weit von sich zu stoßen, — all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein; um von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß darüber hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen, Nikolai Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen Sie das wohl ein? Deshalb kann ich im „Revisor“ nicht die große Bedeutung erkennen, die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß volle Klarheit darüber herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde, speziell was es bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich sagen will. Darum handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um das, was Sie im allgemeinen über Kunst sagen.
Nikolai Nikolajewitsch. Aber wozu denn erst fragen, was es bezweckt? Das liegt doch auf der Hand.