Pjotr Pjetrowitsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt keineswegs auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen Zweck erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch dagegen einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer: der „Revisor“ bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die Zuschauer sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie wissen es selber, daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar erbittert wurden, und alle samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit nach Haus nahmen. Wenn wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt erfundenen Szenen bereiten, von der komischen Situation vieler Personen, von der gewiß meisterhaften Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so bleibt doch in Summa so etwas — ich kann das gar nicht einmal klar bezeichnen — so etwas unnatürlich Düsteres, so etwas wie Schrecken über unsere Sittenlosigkeit zurück. Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der wie eine Art Henker in die Tür tritt, dies Versteinern, welches sich in allen Gesichtern ausprägt, während er das Eintreffen des wahren Revisors ankündigt, der sie alle zerschmettern, vernichten, vom Erdboden vertilgen soll, — all dies ist unerhört schreckhaft! Ich bekenne Ihnen ganz aufrichtig, à la lettre, daß mir keine einzige Tragödie jemals eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung verursacht hat; weshalb ich sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte Szene seiner Komödie absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es ist ausgeschlossen, daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein sollte.

Erster Schauspieler. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage angelangt. Der „Revisor“ wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden Wirkung, die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich niemand die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden? Als wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben haben sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche Folgen sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses Quentchen Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede Tat hat doch schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen Leuten.

(Alle sehen ihn erstaunt an.)

Pjotr Pjetrowitsch. Erklären Sie sich genauer, Michailo Sjemjonowitsch, das ist nicht ganz verständlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu wollen.

Erster Schauspieler. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen, daß der „Revisor“ keinen Schluß hat?

Nikolai Nikolajewitsch. Wieso keinen Schluß?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf Akte sind doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein weiterer Skandal nachfolgen?

Pjotr Pjetrowitsch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre denn das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor, als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und fragen wollte, was darin sei.

Erster Schauspieler. Und wenn es nun tatsächlich zu dem Zweck hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?