Michailo Michailowitsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen, ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, — warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor allem, warum vergessen Sie jedesmal, daß das Thema der Komödie und überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker sie den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal und weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers mit dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für sich selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von überallher nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt seine eigene Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller Kraft gegen die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire unbehelligt, sie tut ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo geschont werden, mag es zu Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon christlich handeln wollen, dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst, wenden Sie die Komödie auf sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf die Allgemeinheit darin suchen. Will man wahrhaft christlich handeln, dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in der das Laster gegeißelt wird, auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre Sie bloß unsertwegen verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler an anderen entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch selber besäßen, — in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als Chlestakoff. Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit jenem unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des Grabes harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen! Tagtäglich gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften wimmelt, aber austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine Peitsche in der Hand, um sie austreiben zu können.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?
Michailo Michailowitsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder meinen Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der verworfenste Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar derjenige davor, der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem wichtigen Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in oberflächlicher Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke erhalten, um damit alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des Menschen befleckt, warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was unsere eigene Seele verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das eigene Innere, treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken hinaus? Warum soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen, uns Ärger verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer Leidenschaften, jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine möglichst vornehme Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und schleicht sich lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von edlerer Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen würde. Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, — sie würde nicht wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos verschwinden.
Sjemjon Sjemjonowitsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken. Sie glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die eigene Person, sei möglich?
Pjotr Pjetrowitsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige vermag, der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor seinen eigenen Fehlern empfindet.
Michailo Michailowitsch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß, wer nur ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von uns besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen wir den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine ihm gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir, daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der für diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat. Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche russische Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten Momenten etwas anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe ich nicht gerade jetzt in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine Laufbahn ist beendet; ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre lang gedient habe. Sie selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben mich in Wallung gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen, was ich eben gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker, der Sie noch eben belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines jeden von Ihnen; daß auch ich meinem Vaterlande treu gedient habe, daß ich kein alberner Possenreißer, sondern ein ehrlicher Beamter des großen Gottesreiches war, und in Ihnen nicht etwa das törichte Lachen erweckt habe, womit ein Mensch den anderen verspottet, sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle, mit denen ich Stunden der Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache geteilt, von denen ich vieles gelernt habe und von denen ich jetzt mich trenne, — Freunde! Das Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet mich selber! Entreißt, wenn ich nicht mehr da bin, entreißt dieses Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt haben zu einem Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse! Ich sage euch: glaubt diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist ehrenhaft, dieses Lachen. Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit wir über uns selbst, nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer nicht den Mut hat, über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser überhaupt nicht lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen! ...
Eine Heiratsgeschichte
Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzügen
1833
Deutsch von Carl Ritter und André Villard