Nikolai Nikolajewitsch. Nicht die geringste.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die Augen aufsperre, ich sehe nichts davon.
Fjodor Fjodorowitsch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.
Nikolai Nikolajewitsch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal eingefallen!
Michailo Michailowitsch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der Autor ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: „Der Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.“ Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen ließe. Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte sich in eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache war es vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen, nicht solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen, irdischen, zur Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer Heimat so zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und nicht etwa für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso unausweichlich zwischen das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem Gemälde. Seine Pflicht war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß ein jeder fühlen soll, es müsse dagegen angekämpft werden; daß den Zuschauer Schrecken erfaßt und ihm der Schauder durch Mark und Bein geht. Das war seine Pflicht. Unsere Pflicht aber ist es, die Moral daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei Dank keine Kinder mehr. Ich habe darüber nachgesonnen, was für eine Moral ich für mich selbst daraus ziehen könnte, und bin auf jene verfallen, die ich Ihnen soeben mitgeteilt habe.
Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komödie wird für alle geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen darf, daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein finden kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral gefunden?
Nikolai Nikolajewitsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt! Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen sie gefunden haben?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb haben Sie und nur Sie allein sie gefunden?
Michailo Michailowitsch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß nur ich allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde halten Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne, ich dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus. Hätten auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch sie gewiß die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber jeder von uns so tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die Blüte? Um herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem eine Moral für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die Allgemeinheit zu behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die Moralität anderer Leute Sorge tragen — und unsere eigene vergessen. Machen wir uns doch gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst; freuen uns, die Fehler der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen. Wie dem nun auch sein mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend Menschen kommen ins Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich zu amüsieren und jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde Gelegenheit finden, sich über andere lustig machen zu können, nicht aber über sich selbst. Die leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar dem ähnele, über den er lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort wütend wiederholen: „habe ich denn eine Fratze?“
Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Michailowitsch, in diesem Sinne meine ich das nicht ...