Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Michailo Sjemjonowitsch, den Schlüssel!
Erster Schauspieler. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen, meine Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen fortschleudern?
Nikolai Nikolajewitsch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts hören. Den Schlüssel!
Alle. Den Schlüssel!
Erster Schauspieler. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben. Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glüht meine Seele, ich fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich auf dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen. Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht anvertraut, aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich erkennt, was vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und mein Herz sagt mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir auf, und meine Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes gemeint haben könne.
Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in ganz Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte gehört, in dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger. Mit einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber nun, wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in einem jeden von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen Augen auf uns schauen — denn kein irdisches Wesen wird dereinst über uns zu Gericht sitzen, — versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen auf uns zu schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird, vor dem auch die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die Blicke zu Boden senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch ein einziger den Mut haben wird zu fragen: „habe ich denn eine Fratze?“ Ob er nicht vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso erschrecken wird, wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten erschrak, die er vorhin im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, sagen Sie mir nicht: „das ist alter Kram“ oder „das wissen wir längst!“ Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn etwa bloß zum Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind, damit wir ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie etwas Neues sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum erstenmal, ohne Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei. Nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es sich handeln, sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für eine Komödie anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende, wie die Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will, furchtbar aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes erwartet. Und Sie wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die Verstellung? Dieser Revisor ist unser erwachendes Gewissen, das uns jählings zwingt, uns mit scharfem Auge selbst zu betrachten. Vor diesem Revisor wird nichts verborgen bleiben, weil er in Sendung des Allerhöchsten kommt und gerade in dem Augenblicke gemeldet wird, wo es keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann wird sich vor uns, wird sich in unserm eignen Innern ein solches Gräuel enthüllen, daß sich vor Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es besser eine Revision von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens vorzunehmen, und nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs und schaler Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere Seelenstadt einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist, und in der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den Schatz unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man einen Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in uns ist, — einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff! Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige irdische Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff wird von den in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen; an seiner Hand werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie doch, wie sich jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet, rechtfertigt und fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist nicht jede unserer Leidenschaften noch viel schlauer als diese schurkischen Beamten? Die Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede beliebige gleichgültige, platte Gewohnheit? Sie weiß sich uns so geschickt zu entwinden und zu rechtfertigen, daß man sie geradezu für eine Tugend hält, sich vor seinem Nächsten noch brüstet und spricht: „sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie alles darin so ordentlich und sauber ist!“ Heuchler sind unsere Leidenschaften, Heuchler, sage ich Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit ihnen zu schaffen gehabt. Nein, mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen entdeckt man in sich nichts davon: dies wird von jenen, und jene werden von diesem geprellt, wie die Beamten von Chlestakóff, und schließlich verflüchtigt es sich auf Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie der Dummkopf Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte, sich schon General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach, und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für sie so von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein Reich sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die Bestechlichen entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus unsrer eigenen Seele vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit man sie austreiben kann: mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit dem Lachen, das all’ unsre niederen Leidenschaften so fürchten, dem Lachen, das uns geschenkt ist, um über alles, was die echte Schönheit des Menschen entstellt, lachen zu können. Geben wir doch dem Lachen seine wahre Bedeutung wieder! Entreißen wir es denen, die es erniedrigt haben zu einem leichtfertigen, weltlichen Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse. In derselben Weise, wie wir über die Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt uns hochherzig lachen über die eigenen Schwächen, welcher Art sie auch sein mögen! Laßt uns nicht nur diese eine Komödie, sondern alles, was aus der Feder jedes beliebigen Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit lachend an den Pranger stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es lediglich für uns geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren, sofern wir unsere Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen und unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns irre machen lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger: der böse Geist selber uns zuraunt: „Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch selbst!“ Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: „Jawohl, wir lachen über uns selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens vernehmen, weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet, besser zu werden als die übrigen!“ Meine lieben Landsleute, seht, in meinen Adern fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut her: ich weine! Ich, der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich weine jetzt. Gönnt mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft ist, wie der eines jeden von euch, daß auch ich meinem Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr andern alle, daß ich kein beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur Kurzweil der gedankenlosen Menge, sondern ein treuer Beamter des großen Gottesreiches; und daß ich ein Lachen in euch erweckt habe — nicht das sündhafte, mit dem ein Mensch den andern verspottet, und das die nichtige Leere des Müßiggangs gebiert, — sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in russischen Landen alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu dienen, dem man auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin aufwärts strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.
VII.
Nachtrag
zur „Deutung des Revisors“.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Was bedeutet das, Michailo Michailowitsch, von was für einer Seelenstadt reden Sie?
Michailo Michailowitsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei dies meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst scharf zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als sei dieser wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der Komödie solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns an der Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel Chlestakóff, dieser Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei unser falsches weltliches Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken zunutze macht, unversehens die Maske des wahren annimmt und sich von unseren Leidenschaften bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten, um dann wie dieser spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener trostlos niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und erschüttert hat, mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das wir gewöhnlich als eine Komödie betrachten, einen solch düster-tragischen Abschluß haben könne. Mir schien, als lehre der gesamte Inhalt der Komödie, daß man die Pflicht habe, zu Anfang jenen Revisor zu nehmen, der uns am Schluß entgegentritt, um an seiner Hand die eigene Seele genau so durchzuprüfen, wie ein gerechter Herrscher sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso gegen die eigenen Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso rücksichtslos die Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und das Vermögen des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil unsere heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die schurkischen Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie für Tugenden zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt zu rühmen, ohne auch nur im entferntesten zu argwöhnen, daß man hinterher der Betrogene sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam es mir vor.
Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier irgendwelche Analogie?