19. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
Podkoliessin. Nun, lieber Freund, ich bin dir wirklich dankbar. Jetzt begreife ich erst, was du mir für einen Dienst erwiesen hast. Mein eigener Vater konnte nicht das für mich tun, was du mir getan hast. Ja, jetzt sehe ich es, du hast dich nur von deiner Freundschaft leiten lassen. Ich danke dir, Bruder! Ja, das werde ich dir nie vergessen. (Gerührt.) Nächstes Frühjahr werde ich dem Grabe deines Vaters einen Besuch abstatten.
Kotschkarjow. Ach, nicht doch, lieber Freund! Ich freue mich ja selber. Komm, laß dich küssen. (Küßt ihn erst auf eine und dann auf die andre Backe.) Gebe Gott, daß du glücklich wirst. (Sie küssen sich.) Hoffentlich schickt er dir nun auch Reichtum und Überfluß und einen ganzen Haufen Kinder.
Podkoliessin. Dank dir, Bruder! Wahrhaftig; jetzt erst fange ich an, zu begreifen, was es heißt, leben! Eine völlig neue Welt tut sich plötzlich vor mir auf ... Nun erkenne ich, daß sich das alles bewegt, sich regt, fühlt, empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weißt du, man weiß sozusagen selbst nicht recht, wie und was eigentlich vorgeht. Früher aber habe ich nichts davon gesehen, nichts von alle dem begriffen. Das heißt, ich war einfach ein unwissender, ahnungsloser Mensch, der über nichts weiter nachdachte, in nichts tiefer hineinblickte, und so dahinlebte ... wie jeder andre Mensch.
Kotschkarjow. Das freut mich, freut mich von Herzen. Doch, ich muß jetzt gehen und mal nachschauen, ob der Tisch auch gut gedeckt ist. Ich bin gleich wieder da. (Beiseite.) Aber seinen Hut will ich doch lieber verstecken, für alle Fälle. (Er nimmt den Hut und trägt ihn mit sich fort.)
20. Auftritt
Podkoliessin (allein).
Podkoliessin. Es ist wahr! Was war ich denn bis auf den heutigen Tag? ... Hatte ich auch nur einen Begriff vom Leben? ... Ach, gar keine Ahnung hatt’ ich! Was war denn schließlich dies mein Junggesellen-Dasein? ... Was galt ich? ... Was tat ich? Ich lebte ... vegetierte so hin ... versah meinen Dienst ... ging ins Departement ... aß und schlief ... mit einem Wort, ich war der hohlste, gewöhnlichste Mensch von der Welt. Jetzt erst sehe ich ein, wie dumm doch die Menschen sind, die nicht heiraten. Und wenn man so zusieht, wie viele so blind dahintrotten. Wenn ich ein König wäre, wahrhaftig, ich erließe ein Gesetz ... alle Menschen in meinem Reiche müßten sich verheiraten. Unter meiner Herrschaft sollte es auch nicht einen Hagestolzen geben! Ja, wenn ich so daran denke, noch ein paar Augenblicke, und ich werde verheiratet sein. Wie lange noch, ... und ich werde alle Wonnen auskosten, wie sie eigentlich doch nur im Märchen vorkommen. Eine Seligkeit, die sich nicht ausdrücken läßt, und für die sich keine Worte finden lassen. (Pause.) Übrigens mag man sagen, was man will, aber es wird einem beinahe unheimlich zumute, wenn man sich das alles so genau vorstellt! ... Sich für immer ... für das ganze Leben, sei dem, wie ihm wolle ... sich für das ganze Leben zu binden. Denn: dann gibt’s keine Reue mehr ... keine Ausrede ... nichts, nichts mehr ... dann ist’s vorbei ... dann ist alles zu Ende! Ja, eigentlich könnte ich ja schon jetzt nicht mehr zurück. Noch ein paar Augenblicke, ... und man steckt im Joch! Nicht mal durchgehen könnte man mehr ... dort unten steht schon der Wagen, ... und ... alles ist schon vorbereitet! ...
Wie? Sollte es denn wahrhaftig kein Zurück mehr geben? Natürlich, jetzt geht’s nicht mehr! Dort in der Tür und überall stehen Menschen. Wie? ... sie würden fragen: ... He, was ist los? ... Nein, nein, es geht nicht mehr! Doch halt, da ist ja ein offenes Fenster! Wie, wenn ... wenn, wenn ich da hinausspränge? ... Nein, unmöglich ... Das würde sich nicht schicken ... Und dann ... ist es ja wohl auch zu hoch ... (Er geht ans Fenster.) Na, gar so hoch ist’s eigentlich nicht! Es sind ja nur die Grundmauern, und die sind ja gar nicht so hoch. Aber nein, ich habe ja nicht einmal meinen Hut bei mir! ... So, ohne Hut ... das würde sich wirklich nicht passen! Hm, wie ... Sollte es wirklich nicht ohne Hut gehen? ... Hm, wie, wenn man es vielleicht doch versuchte! ... Soll ich es wagen? ... Wie? ... (Er steigt auf die Fensterbank und springt hinunter mit den Worten:) Gott steh mir bei! (Man hört ihn draußen ächzen und stöhnen.) Mein Gott, das ist aber verdammt hoch! ... He, Kutscher! ...