Herr P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ... Nein, du gehst schon zu weit.
Herr W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht auch das Gute, das, was der Nacheiferung würdig ist?
Herr B. Warum? Eine merkwürdige Frage: Warum? So kann man oftmals „Warum“ fragen. Warum führte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem liederlichen Leben zu entreißen, ohne viele Worte und Moralpredigten in ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?
Herr W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heißt doch gewissermaßen Krankheiten der Gesellschaft entblößen, die man verhüllen, und nicht noch aufzeigen sollte!
Herr P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns muß man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.
Herr B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen hätte, würde ich sagen, daß nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie diktiert habe. Nach Ihrer Meinung muß man die gesellschaftlichen Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhüllen, nur äußerlich heilen, sie sollen nur vorläufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die Krankheit fortwüten — das macht nichts. Es macht nichts, daß sie ausbricht und sich in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung mehr fähig sind. Das macht nichts. Sie wollen nicht wissen, daß wir ohne ein tiefes herzliches Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer Sünden, ohne sie in unsern eigenen Augen zu übertreiben, nicht die Kraft haben, uns über sie zu erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit unserer Seele über die Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie wollen es nicht wissen! Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend durch das Leben wandeln, soll er nie erschüttert werden, nie aus tiefster Seele weinen, soll er seine Seele so einschläfern, daß nichts mehr ihn aufrütteln kann! Nein ... verzeihen Sie mir! Wer so spricht, dessen Lippen werden von kaltem Egoismus bewegt und nicht von heiliger, reiner Liebe zur Menschheit. (Er entfernt sich.)
Herr P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? — Nun wie gefällt er dir? Was er nicht alles erzählt hat! Wie?
Herr W. (schweigt).
Herr P. (fortfahrend). Er mag reden was er will — aber das sind doch immerhin unsere Wunden.
Herr W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen „Wunden“ hat! Jetzt wird er sie jedem vorsetzen, der ihm über den Weg läuft!