Polizeimeister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs unserer sonstigen Zustände und der sogenannten kleinen Schnitzer, von denen Andréj Iwánowitsch in seinem Briefe redet, weiß ich wahrhaftig nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne Sünde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklärungsapostel werden vergeblich darüber wettern.

Kreisrichter. Ja, was nennen Sie Sünde, Antón Antónowitsch? Sünde und Sünde ist zweierlei. Ich für mein Teil gebe ganz offen zu, daß ich hier und da kleine Geschenke annehme, doch was für welche? Jagdhunde! Das ist was ganz andres.

Polizeimeister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben’s doch.

Kreisrichter. O nein, Antón Antónowitsch. Aber wenn einer zum Beispiel einen Pelz für fünfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also bloß Jagdhunde — dafür glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich aber bin ein gläubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst. Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, über die Schöpfung zu reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.

Kreisrichter. Wenigstens bin ich von alleine darauf gekommen, aus eigenem Verstande.

Polizeimeister. Na, manchmal ist viel Verstand schlimmer als gar keiner. Übrigens habe ich nur so nebenbei ans Kreisgericht gedacht; ehrlich gesagt, es wird ja keiner da hineingucken: das ist ein geheiligter Ort, den Gott selber in Schutz genommen hat. Aber Sie, Lúka Lúkitsch, müssen sich durchaus mal um Ihr Lehrerpersonal kümmern. Es sind ohne Frage gelehrte und hochstudierte Leute, haben aber höchst sonderbare Angewohnheiten, die sich kaum mit dem Lehrberuf vertragen. Da ist zum Beispiel einer, der mit dem aufgedunsenen Gesicht, mir ist sein Name nicht gegenwärtig — der muß absolut immer eine Fratze schneiden, sowie er aufs Katheder steigt, ungefähr so (macht eine Grimasse) und dann steckt er die Hand unter die Halsbinde und kraut sich den Bart. Daß er den Schülern solche Fratzen schneidet, ist ja egal und mag vielleicht nötig sein, das geht mich nichts an; aber sagen Sie selbst, wenn er das vor dem Herrn Inspizienten tut, das kann doch sehr fatal werden; der Herr Revisor oder ein andrer könnte das auf sich beziehen. Da kann der Teufel weiß was dabei herauskommen.

Schulinspektor. Ja, aber was soll ich mit ihm machen; ich habe schon mehrfach mit ihm geredet. Noch kürzlich, als gerade der Schulrat die Klasse betrat, hat er eine solche Grimasse aufgesetzt, wie ich sie noch niemals gesehen hatte. Er denkt sich gar nichts Böses dabei, mich aber rüffelt man dann, daß der Jugend revolutionäre Ideen eingeflößt werden.

Polizeimeister. Auch über Ihren Geschichtslehrer habe ich noch einiges zu bemerken. Es ist ein gelehrtes Haupt, das sieht man deutlich, und strotzt von Wissen; aber er doziert mit solchem Feuer, daß er sich ganz dabei vergißt. Ich hörte ihn einmal: na, solange er von den Babyloniern und Assyrern sprach, da ging’s noch, aber als er auf Alexander den Großen kam — ich kann’s kaum beschreiben, wie er da loslegte. Ich glaubte, es brennt, wahrhaftig! Springt vom Katheder und was das Zeug hält — bautz! — den Stuhl an die Erde. Gewiß, Alexander der Große war schon ein Held, aber braucht man da Stühle zu zerkeilen? Der Staat hat nur Kosten davon.

Schulinspektor. Ja, ja, er ist ein Heißsporn. Ich habe ihm das auch schon ein paarmal vorgehalten; aber dann erwidert er: „Wie Sie wünschen, aber für die Wissenschaft opfere ich mein Leben.“