Inhalt des sechsten Bandes
| Arabesken (Erster Teil) | [1] |
| Vorwort | [3] |
| Skulptur, Malerei und Musik | [5] |
| Über das Mittelalter | [15] |
| Ein Kapitel aus einem historischen Roman | [37] |
| Über den Unterricht in der Weltgeschichte | [57] |
| Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands | [83] |
| Einige Worte über Puschkin | [103] |
| Über die Architektur unserer Zeit | [115] |
| Al-Mamun | [151] |
| Arabesken (Zweiter Teil) | [163] |
| Das Leben | [165] |
| Schlözer, Müller und Herder | [173] |
| Der Newsky-Prospekt | [183] |
| Über die kleinrussischen Lieder | [243] |
| Gedanken über Geographie | [259] |
| Der letzte Tag von Pompeji | [275] |
| Der Gefangene | [289] |
| Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts | [301] |
| Memoiren eines Wahnsinnigen | [349] |
| Aufsätze aus Puschkins „Zeitgenossen“ | [387] |
| Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835 | [289] |
| Petersburger Skizzen | [427] |
| Italienische Sommernächte | [453] |
| Rom | [459] |
| Anhang | [533] |
Arabesken
I
1835
Erster Teil
Deutsch von Charlotte Lolly Koenig
Diese Sammlung enthält eine Reihe von Schriften, die zu sehr verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen meines Lebens entstanden sind. Sie sind nicht auf Bestellung geschrieben. Sie waren ein Ausdruck meiner Seelenstimmung, und ich wählte mir nur solche Gegenstände, die einen starken Eindruck auf mich machten. In diesen Stücken werden die Leser sicherlich viel Jugendliches finden. Ich gestehe, daß ich einige von diesen Schriften vielleicht garnicht in diese Sammlung aufgenommen hätte, wenn ich sie ein Jahr früher herausgegeben hätte, als ich mich noch viel strenger gegen meine älteren Arbeiten verhielt. Aber statt gar zu streng mit seiner Vergangenheit ins Gericht zu gehen, ist es weit besser, unerbittlich gegen seine gegenwärtigen Leistungen zu sein. Das, was man früher einmal geschrieben hat, zu vernichten, scheint mir ebenso ungerecht, wie die vergangenen Tage seiner Jugend zu vergessen. Und außerdem: wenn ein Werk zwei oder drei noch nicht ausgesprochene Wahrheiten enthält, so hat der Verfasser schon nicht mehr das Recht, sie dem Leser vorzuenthalten, und um zweier oder dreier richtiger Gedanken willen, kann man wohl schon die Unvollkommenheit des Ganzen verzeihen.
Sodann muß ich noch einiges über diese Ausgabe selbst sagen: als ich die gedruckten Bogen las, erschrak ich selbst an vielen Stellen über die Unkorrektheit des Stils, über vieles Überflüssige und Unzureichende, das eine Folge meiner Unvorsichtigkeit war. Aber der Mangel an Muße und andre nicht immer freundliche Lebensumstände erlaubten es mir nicht, meine Manuskripte ruhig und aufmerksam durchzusehen, und so wage ich denn zu hoffen, daß mich der Leser großmütig entschuldigen wird.
I
Skulptur, Malerei und Musik
Dank sei dem Schöpfer der Welten für seine Güte und sein Mitleid mit den Menschen! Drei hehre Schwestern hat er entsandt, die Welt zu verschönen und zu erquicken; ohne sie wäre die Welt eine Wüste, die klanglos ihre Kreise zöge. Laßt uns unsere Wünsche enger, inniger zusammenschließen und unsern ersten Becher der Skulptur weihn. Sie, die schöne Sinnenkunst war es, die zuerst in diese Welt trat. Sie ist ein völlig ursprüngliches Gebilde, die Spur jenes Volkes, das sich ganz, mit seiner ganzen Seele, seinem ganzen Leben in ihr verkörpert hat. Sie ist das klare Abbild jener leuchtenden, griechischen Welt, die vor uns im tiefen Abgrund der Jahrhunderte entschwunden, schon vom Nebel verhüllt wird und nur noch von dem Gedanken des Dichters erreicht werden kann: jene von Weinranken und Olivenzweigen, harmonischen Träumen und prunkendem Heidentum geschmückte Welt. Jene Welt, die sich beim Klang der Zimbeln im gemessenen Tanz wiegte oder in bacchantischem Wirbel dahinraste, wo das Gefühl des Schönen alles durchdrang: die Hütte des Bettlers, die Zweige der Platane, den Marmor der Säulenhallen, den von lebhaften, eigenwilligen Menschen bevölkerten Platz, das Relief, das den festlichen Becher zierte, und die sich lange schlingende Reihe anmutiger mythologischer Gestalten verbildlichte: wo schamhaft die Göttin der Schönheit dem Schaum der Wellen entsteigt, Tritonen dahinjagen und in die Hände klatschen und Poseidon silberklar aus der Tiefe seines herrlichen Elements emportaucht. Jene Welt, in der die Religion nichts war — als Schönheit, als die menschliche Schönheit und die göttergleiche Schönheit des Weibes — jene ganze Welt ward festgehalten von der holden Skulptur; nichts außer ihr konnte das leuchtende Dasein dieser Welt so lebendig zum Ausdruck bringen. Weiß wie Milch, Schönheit, Zartheit und Wollust atmend, bannte die Skulptur eine Idee und einen Gedanken — die Schönheit, die stolze Schönheit des Menschen in den durchsichtigen Marmor. Selbst in der Glut der Leidenschaft und im stärksten Affekt — stets bleibt bei ihr der Mensch stolz und schön und fordert unsere Bewunderung heraus durch seine freie athletische Pose. Hier fließt alles in sinnlicher Schönheit zusammen; nie lassen wir beim Anblick einer schmerzerfüllten Gruppe die bittere Klage unseres Herzens mit ihrer Klage zusammenklingen; ja, man könnte fast sagen, wir genießen den Anblick ihrer Qualen, so sehr wird der Drang unserer Seele durch die plastische, ruhige Schönheit überwältigt. Die Skulptur drückt nie ein anhaltendes, tiefes Gefühl aus, sie gibt nur schnelle spontane Empfindungen wieder: den wilden Zorn, einen rasenden Schmerzensschrei, das furchtbare Grauen, einen plötzlichen Schreck, Tränen, Stolz, Verachtung und endlich die in sich selbst versunkene Schönheit. Sie wandelt alle Gefühle des Beschauers in Genuß, den ruhigen Genuß, der stets mit der Wonne und der Selbstzufriedenheit der heidnischen Welt verbunden ist. Ihr fehlen jene geheimen, schrankenlosen Gefühle, die endlose Träume mit sich führen. In ihr suchen wir umsonst nach dem langen, von Umwälzungen und Erschütterungen erfüllten Leben. Ihre Schönheit hat etwas Momentanes, wie die einer schönen Frau, die einen Blick in den Spiegel wirft, ihrem Bilde freundlich zulächelt und frohlockend weiter eilt, triumphierend eine Schar stolzer Jünglinge nach sich ziehend. Sie ist bezaubernd wie das Leben, wie die Welt, wie die Sinnenschönheit, der sie als Altar dient. Sie wurde zugleich mit der scharf umrissenen und klar gestalteten heidnischen Welt geboren, sie stellte sie dar und ist mit ihr gestorben. Vergeblich versuchte man es, mit ihrer Hilfe die hohen Gestalten des Christentums zu verkörpern, sie stand ihnen so fern, wie der heidnische Glaube.
Nie konnten die erhabenen stürmenden Gedanken des Christentums auf der wollüstigen Außenseite des Marmors Platz finden. Sie wurden ganz von seiner Sinnlichkeit aufgesogen.
Nicht so ihre beiden andern Schwestern, die Malerei und die Musik, die das Christentum aus ihrer Niedrigkeit erhob und ins Gigantische steigerte. Durch seine mächtige Triebkraft blühten sie erst recht empor und sprengten die Fesseln der sinnlichen Welt. Wehmütig gedenke ich meiner herrlichen, wolkenhaften, marmornen Skulptur! Doch ... erklinge heller, mein Becher, kling’ heller in meiner bescheidenen Zelle — und es lebe die Malerei. Erhaben und herrlich wie der Herbst, der reich geschmückt durch das weinlaubumrankte Fenster blickt, fromm und gewaltig wie das Weltall — ja du bist schön, du herrliche Musik der Augen. Nie hat die Skulptur es gewagt, deine himmlischen Offenbarungen darzustellen. Nie hat sie uns jene feinen geheimnisvollen irdischen Züge sehen lassen, bei deren Anblick wir das Gefühl haben, als erfülle der Himmel unsere Seele, und bei denen wir das Unaussprechliche zu empfinden meinen. Wie aus wolkigem Nebel treten die langen Reihen der Bilder hervor, und aus altertümlichen, vergoldeten Rahmen blickst du lebendig, wenngleich die unbarmherzige Zeit deine Leuchtkraft verdunkelte, und wortlos und stumm steht mit gefalteten Händen vor dir der Beschauer. Doch es ist nicht Sinnenglück, was aus seinen Augen strahlt, nein, sein Antlitz ist von einer überirdischen Lust verklärt. Du warst nie der Ausdruck einer bestimmten Nation und ihres Lebens, nein, dazu standest du zu hoch, du warst der Ausdruck alles dessen, was die christliche Welt an erhabenen Geheimnissen in sich birgt. Blickt hin auf das nachdenklich auf die Hand gestützte Haupt; wie begeistert und tief bohrend ist ihr Blick! Sie ergreift nicht nur einen kurzen Augenblick wie der Marmor, sie zieht diesen Augenblick in die Länge, sie setzt das Leben fort bis über die Grenzen des Sinnlichen, sie entreißt einer andern unendlichen Welt Erscheinungen, für die es uns an Worten und Namen fehlt. All jenes Unbestimmbare, was kein vom wuchtigen Meißel des Bildhauers durchfurchter Marmorblock auszudrücken vermag, gewinnt Gestalt unter dem begeisterten Pinsel des Malers. Gewiß weiß auch sie die allen verständlichen Leidenschaften auszudrücken, allein die Sinnlichkeit pulsiert nicht mehr so gewaltig in ihnen, und ein geistiges Element scheint alles zu durchdringen. Das Leiden findet in ihr einen unmittelbareren lebendigeren Ausdruck und ruft nur Mitleid hervor — sie appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genußfähigkeit. Sie nimmt sich auch nicht den Menschen allein zum Vorwurf — ihre Grenzen sind weiter: sie umfaßt das ganze Weltall, alles Herrliche, was den Menschen umgibt, ist ihrer Macht erreichbar. Die geheimnisvolle Harmonie, das wunderbare Band zwischen Mensch und Natur — in ihr allein ist sie zu finden. Sie bindet das Sinnliche an das Geistige.