Aber schäume noch feuriger, mein dritter Pokal! Noch heller funkle und perle über den goldenen Rand, du schäumendes Blut! — Du funkelst zum Preis der Musik! Denn sie ist noch weit feueriger und stürmischer als ihre beiden Schwestern. Sie ist ganz Leidenschaft! sie entreißt den Menschen plötzlich und wie mit einem Schlage der Erde, betäubt ihn durch den Donner ihrer gewaltigen Töne und versenkt ihn ganz in ihre Welt. Wie in die Saiten des Instrumentes, so greift sie herrisch an seine Nerven, an sein gesamtes Sein und läßt sein ganzes Wesen erbeben. Er genießt schon nicht mehr, er fühlt keine Teilnahme, nein, er selbst wird ganz Leiden; seine Seele betrachtet keine unfaßbare Erscheinung, sie lebt, lebt ihr eigenes Leben, gewaltsam, leidenschaftlich zerstörend. Unsichtbar hat sie auf ihren süßen Klängen die ganze Welt durchdrungen, strömt sie breit dahin und atmet und lebt in tausend verschiedenen Gestalten. Qualvoll und rebellisch ist sie — am mächtigsten und herrlichsten wirkt sie jedoch in den unendlichen Kuppelgewölben eines dunklen Domes, wo sie tausend kniende Gläubige zu einer harmonischen Empfindung verschmilzt und mit sich fortreißt, ihre tiefsten Herzensregungen bloßlegt, ihre Sinne betört und sich mit ihnen in unabsehbare Höhen emporschwingt — ein langes Schweigen und einen lang nachzitternden Ton hinter sich lassend, der in den Tiefen des hohen, spitzen Turmes verklingt. Wie könnte man euch miteinander vergleichen, ihr herrlichen Königinnen der Welt! Der sinnliche Zauber der Skulptur erfüllt uns mit hohem Genuß, die Malerei — mit stiller Begeisterung und Träumereien — die Musik mit Leidenschaft und innerer Unruhe. Wenn wir ein plastisches Kunstwerk aus Marmor betrachten, gerät unser Geist unwillkürlich in Entzücken, vor einem Gebilde der Malerei versinkt er in Betrachtung — beim Klange der Musik — macht er sich Luft in einem Schmerzenslaut — als sei die Seele von einem einzigen Wunsch ergriffen — sich vom Körper loszureißen. Sie — ist unser! Sie ist das Eigentum der neuen Welt! Sie blieb uns, als die Skulptur, die Malerei und die Baukunst uns verlassen hatten. Nie dürsteten wir so nach Begeisterung, die die Seele erhebt, wie in der heutigen Zeit, wo alle die zahllosen kleinen Launen und Genüsse, an deren Erfindung unser XIX. Jahrhundert sich den Kopf zerbricht, uns überwältigen und erdrücken. Alles verschwört sich gegen uns; diese ganze verführerische Kette raffinierter Erfindungen des Luxus sucht unsere Sinne immer mehr und mehr zu betäuben und einzuschläfern. Wir lechzen darnach, unsere arme Seele zu retten, diesen furchtbaren Versuchern zu entfliehen und — so stürzen wir uns in die Musik. O sei unser Schutzengel, unser Heiland, Musik, verlaß uns nicht! rüttle unsere kleinliche habgierige Seele immer häufiger auf! greife mit deinen Tönen kräftiger in unsere schlummernden Gefühle! Rege, wühle sie auf und verscheuche, wenn auch nur für Augenblicke, diesen fürchterlichen kalten Egoismus, der mit aller Gewalt unsere Welt erobern will. O laß bei dem machtvollen Strich deines Bogens die verwirrte Seele des Räubers, wenn auch nur für kurze Momente, von Gewissensbissen gemartert werden, laß den Spekulanten seine Rechnungen vergessen und die Frechheit und Schamlosigkeit vor den Schöpfungen des Genies eine ungewollte Träne vergießen. O verlasse uns nicht, du, die du unsere Gottheit bist. Der große Baumeister der Welt hat uns in seiner unergründlichen Weisheit in stummes Schweigen gebannt, aber dem wilden unentwickelten Menschen pflanzte er den Gedanken der Baukunst ein. Mit einfachen Mitteln, ohne Hilfe des Mechanismus richtet er Berge von Granit auf, türmt sie steil zum Himmel empor und sinkt vor ihrer formlosen Größe in die Knie. Der alten heiteren Sinnenwelt sandte er die herrliche Skulptur, die uns die reine keusche Schönheit brachte, und die ganze antike Welt ward zu einem Loblied auf die Schönheit. Das ästhetische Schönheitsgefühl einte sie zu einem harmonischen Ganzen und hielt sie fern von rohen Gelüsten! Den finsteren, unruhigen Jahrhunderten, wo oft nur die Lüge und die rohe Kraft triumphierten, und wo der Dämon des Aberglaubens und der Unduldsamkeit alle Lebensfreude verscheuchte, schenkte er die begeisternde Malerei, die die Welt die überirdischen Erscheinungen und die himmlischen Genüsse der Heiligen sehen ließ. Aber unserem jungen und zugleich altersschwachen Jahrhundert sandte er die gewaltige Musik — um uns im Sturme zu ihm zu führen. Doch wenn uns auch die Musik noch verläßt, was soll dann aus unsrer Welt werden!?
1831.
II
Über das Mittelalter
Niemals haben die Ereignisse der Weltgeschichte eine solche Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit angenommen, nie hat sie eine so große Zahl von individuellen Erscheinungen gezeitigt, wie im Mittelalter. Alle Weltbegebenheiten strömen, je näher sie diesen Jahrhunderten liegen, nach langer Unbeweglichkeit mit gesteigerter Geschwindigkeit wie in einen Strudel, in einen wildbrodelnden Wirbel zusammen, um, nachdem sie von diesem in Umschwung gebracht, sich untereinander vermischt haben, neugeboren in frischen Wellen wieder emporzutauchen. In diesen Jahrhunderten fand eine große Umwandlung der ganzen Welt statt. Sie sind der Knoten, in dem die alte und die neue Welt zusammentreffen. Man kann dem Mittelalter in der Geschichte der Menschheit dieselbe Bedeutung anweisen, wie sie das Herz im menschlichen Körperbau einnimmt, in das alle Adern einmünden und von dem sie alle ausgehen. Wie ging diese vollständige Umwandlung vor sich? Welches sind die ursprünglichen Elemente, die sich in ihr erhielten? Was kam Neues hinzu? In welcher Weise vermengte sich Altes und Neues? Was entstand aus dieser Vermengung? Wie bildete sich das majestätische, stolze Gebäude der Neuzeit? Dies sind so schwerwiegende Fragen, wie es wohl in der ganzen Geschichte kaum wichtigere gibt. Alles, was wir besitzen, dessen wir uns bedienen, was wir vor den früheren Jahrhunderten voraushaben, der ganze Bau und die kunstvolle Zusammensetzung unserer Administration, die Beziehungen der verschiedenen Stände untereinander, ja diese Stände selbst, unsere Religion, unsere Rechte und Privilegien, unsere Sitten und Gebräuche, selbst unser ganzes Wissen, das sich in so schnellem Fortschritt vorwärts bewegt — dies alles hat entweder seinen Keim und Ursprung in dem dunklen geheimnisvollen Mittelalter oder hat sich doch aus ihm entwickelt und herausdifferenziert. In ihm ruhen die ursprünglichen Elemente und das Fundament alles Neuen; ohne ein eingehendes, aufmerksames Studium dieser Epoche bleibt die neue Geschichte unzulänglich und unklar, der Forscher, der von ihr ausgeht, gleicht dem Besucher einer Fabrik, der sich über die schnelle Herstellung der Produkte wundert, da sie beinahe vor seinen Augen entstehen, und dabei vergißt, in das finstre Erdgeschoß hinabzusehen, wo die großen mächtigen Schwungräder verborgen sind, die den Anstoß zum Ganzen geben; solch eine Geschichte gleicht der Statue eines Künstlers, der keine Anatomie studiert hat.
Warum aber hat man sich trotz der großen Bedeutung dieser merkwürdigen Epoche immer so ungern mit ihrer Erforschung beschäftigt? Warum beeilt man sich, wenn man zum Mittelalter kommt, stets, es so schnell wie möglich durchzunehmen und abzutun? Und warum haben sich nur wenige, sehr wenige Menschen, ergriffen von der Größe des Gegenstandes, die Mühe genommen, einige von den angeführten Fragen zu beantworten? Mir scheint, es liegt daran, weil man dem Mittelalter stets den letzten Platz angewiesen hat. Man hielt diese Epoche eben für gar zu barbarisch und unkultiviert, und infolgedessen blieb sie in der Tat immer dunkel und unerforscht und wurde nie richtig in ihrem Werte erkannt und in ihrer genialen Größe dargestellt. Barbarisch kann man nur ihren Anfang nennen, aber selbst diese finstre Zeit birgt schon mancherlei, was unsere Neugierde zu reizen geeignet wäre. Schon der Prozeß der Vereinigung zweier Welten, der antiken und der neuen, der grelle Widerspruch in ihren Formen und ihren Eigentümlichkeiten, diese altersschwachen, absterbenden Elemente der Antike, die sich durch die neue Umgebung hindurchziehen, wie Flüsse, die ins Meer strömen, aber noch lange ihr süßes Wasser nicht mit den salzigen Wellen vermengen, sind interessanter — diese rohen, mächtigen Kräfte der neuen Zeit, die hartnäckig allen fremden Einflüssen widerstehen, um sie endlich doch unfreiwillig in sich aufzunehmen, die mühevolle Anstrengung, mit der diese europäischen Wilden die römische Kultur für sich zurechtschneiden, diese Bruchstücke, oder besser gesagt Fetzen römischer Formen und Gesetze inmitten der neuen noch unbestimmten, denen es noch an Gestalt, Grenze und Ordnung fehlt, dieses ganze Chaos, in denen die Elemente der furchtbaren Majestät des heutigen Europas und seiner tausendfältigen Kraft ungegliedert durcheinanderbrodeln: dies alles ist fesselnder für uns und regt unsere Neugierde mehr an, als die starre Zeit des römischen Weltreiches unter der Herrschaft kraftloser Imperatoren.
Ein zweiter Grund, warum man sich so ungern mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt, ist — die angebliche Trockenheit, die man mit ihr zu verbinden geneigt ist. Man betrachtet sie wie eine Menge verschiedener ungeordneter Ereignisse, wie einen Haufen unzusammenhängender und sinnloser Begebenheiten, die kein gemeinsames Band umschließt, das sie alle zu einem Ganzen vereinigt. In der Tat, ihre schreckliche und ungewöhnliche Kompliziertheit muß im ersten Augenblick chaotisch erscheinen; aber wenn man nur aufmerksamer und tiefer hineinblickt, so findet man bald Zusammenhang, Zweck und Richtung darin. Übrigens leugne ich nicht, daß man den Instinkt und das Verständnis haben muß, das nur wenigen Historikern verliehen ist, um dies alles zu entdecken. Einigen freilich ward die beneidenswerte Gabe zuteil, alles in bewunderungswürdiger Klarheit und Folgerichtigkeit zu sehen und darzustellen. Von ihrem Zauberstab berührt, beleben sich die Ereignisse und bekommen ihr eigenes Gepräge und Interesse; ohne sie dagegen erscheinen sie einem jeden noch lange trocken und sinnlos. Abgesehen etwa von einem stumpfsinnigen Dahinvegetieren der Völker ist alles, was immer geschehen mag, interessant, sofern es nur in wahrheitsgemäßen Chroniken aufgezeichnet ist. Überall gibt es einen durchgehenden Faden, wie jedes Gewebe seine Struktur hat, obwohl diese häufig vollständig in dem Einschlag verschwindet; und wie ein jeder Edelstein eine unsichtbare Lichtquelle enthält, die erstrahlt, wenn er der Sonne zugewendet wird so verliert sich dieser Faden nur da, wo die Überlieferung aufhört. So zieht sich auch in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters durch die Masse der Ereignisse das unaufhörliche Erstarken der päpstlichen Macht und die Entwicklung des Feudalismus wie ein unsichtbarer Faden hindurch. Fast könnte es scheinen, als kämen die Tatsachen ganz unabhängig voneinander zustande und drängten mit ihrem Glanz den einsamen, noch unbedeutenden römischen Erzbischof in den Schatten; ein mächtiger Herrscher oder sein Vasall tut sich hervor, scheint nur in eigenem Interesse zu handeln, und doch strömten alle wesentlichen Vorteile daraus unbemerkt nach Rom. Alles, was geschah, schien absichtlich und zum Vorteil des Papstes zu geschehen. Hildebrandt hat den Vorhang ein wenig gelüftet und uns die Macht gezeigt, die die Päpste schon frühzeitig errungen hatten. Die Geschichte des Mittelalters verdient am wenigsten den Vorwurf der Langenweile. Nirgends finden wir so viel Buntheit, so viel Handlung und Leben, solch krasse Gegensätze, so viel grelles Licht, wie in diesen Jahrhunderten: man könnte es mit einem gewaltigen Gebäude vergleichen, dessen Fundament aus festem, für die Ewigkeit gefügtem jungem Granit, und dessen dicke Mauern aus allerhand neuem und altem Material zusammengesetzt sind, so daß der eine Ziegelstein gotische Runen, der andere eine römische Vergoldung trägt; arabisches Schnitzwerk, griechische Karniese, gotische Fenster — alles ist hier vereinigt zu einem Turm von außergewöhnlicher Buntheit und Mannigfaltigkeit. Aber man kann wohl sagen, diese Grellheit sei nur ein äußeres Kennzeichen der mittelalterlichen Vorgänge; ihre innere Bedeutung besteht in ihren ungeheuren, gigantischen Dimensionen, in ihrer geradezu unerhörten Kühnheit, wie sie wohl nur der Jugend eigen ist, und ihrer Originalität, die sie zu einer einzigartigen Erscheinung macht; in der Tat treffen wir weder in der alten noch in der neuen Geschichte etwas an, was ihnen gleich oder auch nur ähnlich wäre.
Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse, die einen so mächtigen Einfluß ausübten. Das wichtigste Thema der mittelalterlichen Geschichte ist der Papst. Er ist der mächtige Beherrscher dieser frühen Jahrhunderte, er bewegt alle ihre Kräfte und lenkt, wie der Donnergott, mit einem Wink seiner Hand ihre Schicksale. Mit einem Wort, die ganze Geschichte des Mittelalters ist die Geschichte der Päpste. Ihre unüberwindliche Herrschsucht, ihre nie versagenden Mittel voller Scharfsinn und Weisheit — Folgen ihres hohen Alters — ihr Despotismus und der Despotismus der zahllosen Legionen einer mächtigen Geistlichkeit — dieser eifrigen Untertanen des geistlichen Oberhaupts, die alle Enden der Welt, wo das Zeichen des Kreuzes eingedrungen war, mit stählernen Fesseln an sich banden — das ist eine so ungeheure Erscheinung, die einzig in ihrer Art ist und die sich niemals wiederholt hat. Ich will nicht von den Mißbräuchen und der unerträglichen Schwere dieser Fesseln des geistlichen Despoten sprechen. Wenn wir tiefer in diese großartige Erscheinung eindringen, werden wir in ihr die wunderbare Weisheit der Vorsehung erkennen, hätte diese allbezwingende Macht nicht alles in ihre Hände gebracht, hätte sie die Völker nicht nach ihrem Willen gelenkt und angetrieben, so wäre Europa zerbröckelt, und das gemeinsame Band hätte gefehlt; wahrscheinlich wären einzelne Staaten zu Macht und Ansehen gelangt und dann plötzlich wieder in Verfall geraten und zugrunde gegangen, andere hätten ihre Unkultur zum Schaden ihrer Nachbarn nicht aufgegeben, die Bildung und die Entwickelung der Volksseele hätte sich ungleichmäßig vollzogen; an einem Ende hätten Kultur und Sitte Fuß gefaßt, während am anderen barbarische Finsternis ihr Wesen getrieben hätte. Europa hätte sich nicht in sich festigen, und nie in ein Gleichgewicht kommen können, durch das es sich heute so wunderbar erhält. Es wäre weit länger in einem chaotischen Zustande verblieben und hätte sich nie durch die stählerne Macht des Enthusiasmus zu einem gewaltigen Bollwerk erhoben, das den Eroberern aus dem Osten durch seine Festigkeit standzuhalten vermochte; ohne diese großartige Erscheinung hätte Europa vielleicht ihrem Ansturm nachgegeben, und statt des Kreuzes wäre der mohammedanische Halbmond auf seinen Zinnen aufgepflanzt worden. Wenn wir die wunderbaren Wege der Vorsehung betrachten, so beugen wir unwillkürlich unsere Knie. Es ist, als sei den Päpsten die Macht eigens dazu gegeben worden, damit sich die jungen Staaten während dieser Zeit kräftigen und befestigen könnten; damit sie erst lernen sollten, sich selbst unterzuordnen, um dann später, als sie das notwendige Alter erreicht hatten, auch andere zu beherrschen, und damit sie ihre Energie entwickeln konnten, ohne die das Leben der Völker farblos und kraftlos ist. Kaum waren die Völker imstande, sich selbst zu regieren, da begann auch die Macht des Papstes plötzlich zu schwanken und zu zerfallen, als hätte sie ihre Mission erfüllt und wäre überflüssig geworden, ungeachtet aller Anstrengung und des heißen Wunsches, die sinkende Macht festzuhalten. In dieser Beziehung war die päpstliche Macht dem Gerüst, den Tragbalken eines Gebäudes vergleichbar; anfänglich sind sie höher und erscheinen wichtiger als der Bau selbst, aber sobald dieser eine gewisse Höhe erreicht hat, werden sie als überflüssig abgetragen.
Der Gedanke an das Mittelalter verbindet sich unwillkürlich mit dem an die Kreuzzüge — diese außerordentliche Erscheinung, die sich wie etwas Gigantisches von den anderen wunderbaren und ungewöhnlichen Begebenheiten abhebt. Wo und in welcher Zeit finden wir etwas, was ihnen an Originalität und Größe gleichkäme? Das ist kein Krieg um ein geraubtes Weib, kein Erzeugnis des Hasses zweier unversöhnlicher Nationen, nicht der blutige Kampf zwischen zwei habsüchtigen Herrschern, zwei unersättlichen Eroberern um eine Krone oder einen Fetzen Landes, ja nicht einmal ein Krieg für die Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes — o nein — keine Leidenschaft, kein egoistischer Wunsch, kein persönlicher Vorteil ist die Triebfeder dieser Kämpfe; alles ist nur von dem einzigen Gedanken erfüllt: das Grab des göttlichen Heilandes zu befreien. Von allen Enden Europas strömen die Völker, Kreuze vor sich hertragend, zusammen, Könige und Grafen in schlichten Bußgewändern stellen sich an die Spitze, bewaffnete Mönche treten in die Reihen der Krieger, Erzbischöfe und Einsiedler befehligen, das Kreuz in Händen, zahllose Truppenmengen — und alle stürmen sie fort zum Kampf für ihren Glauben. Die Macht einer Idee umfaßt alle Völker. Liegt nicht etwas ganz Großes in diesem Gedanken? Mit Unrecht nennt man die Kreuzzüge ein sinnloses Unternehmen. Wäre es nicht merkwürdig, wenn der Jüngling schon gleich die Sprache des reifen Mannes spräche? Sie waren das Produkt der damaligen Zeit, und des damaligen Zeitgeistes. Dies Unternehmen war die Tat eines Jünglings — aber eines Jünglings, der ein geborenes Genie war. Was für unzählige, wunderbare, unvorhergesehene Folgen haben die Kreuzzüge gezeitigt! Die ganze Masse mußte erzogen und gebildet werden, sie mußte die Welt kennen lernen, die ihr zum Teil verborgen blieb, weil die Geistlichkeit davor stand, und die ganze Masse stürzt sich in einen andern Weltteil, dorthin, wo die erlöschende arabische Kultur danach strebt, ihr ihre Flamme zu übergeben: ganz Europa streift in Asien herum. Sind wir nicht berechtigt, uns zu wundern! Gewöhnlich ist es irgendein Fremder, der aus einem kultivierten Lande kommt und die Aufklärung und die ersten Kenntnisse in ein unbekanntes Land trägt, er bringt den Wilden allmählich eine gewisse Bildung bei — doch dieser Prozeß vollzieht sich langsam und ungleichmäßig. Hier dagegen sehen wir das Gegenteil; hier kommt das Volk als ganze Masse, um sich die Bildung zu holen, und obgleich es lange im fremden Lande verweilt, verschmilzt es nicht mit seinen Lehrern, nimmt weder deren Luxus noch deren Laster an, bewahrt seine Ursprünglichkeit und kehrt auch nach Aneignung vieler asiatischer Gebräuche nicht als Asiate sondern als Europäer nach Europa zurück. Ich will mich gar nicht einmal über die anderen Folgen, wie z. B. die Veränderungen in der feudalen Verwaltung und Regierung auslassen, die ohne andauernde Entfernung vieler kräftiger Männer aus dem Lande nicht möglich gewesen wären.
Aber werfen wir einen Blick auf die anderen Ereignisse, die die mittelalterliche Geschichte ausfüllen. Wenn sie auch im Vergleich mit den Kreuzzügen nur Erscheinungen zweiten Ranges sind, so sind sie doch nichtsdestoweniger von wunderbarem Reiz und verleihen dem Mittelalter einen gewissen phantastischen Glanz — sie sind ein Produkt einer herrlichen Jugend, die noch von ganz großen und starken Hoffnungen erfüllt ist, einer unvernünftigen Jugend vielleicht, die aber auch in ihrer Unvernunft etwas Bezauberndes hat. Wir wollen die Begebenheiten in chronologischer Reihenfolge betrachten.
Beginnen wir mit jener glanzvollen Zeit, als die Araber — diese Zierde der morgenländischen Völker — auf dem Schauplatz erschienen. Sie verdanken ihre ganze glorreiche Existenz einem einzigen Menschen und der von ihm gestifteten Religion, einer Religion, so reich wie die Nächte und Abende des Orients, so üppig wie die Natur an den Ufern des Indischen Ozeans, so erhaben und grüblerisch, wie nur die gewaltigen Wüsten Asiens sie hervorbringen konnte. Mit unerhörter Schnelligkeit errichten diese braunen Turbanträger ihre Kalifate an drei verschiedenen Enden des Mittelländischen Meeres. Ihre Phantasie, ihr Geist und alle ihre Fähigkeiten, mit denen die Natur die Araber so reichlich beschenkte, entwickeln sich vor den Augen des erstaunten Okzidents und prägen sich in verschwenderischer Fülle in ihren Palästen, Moscheen, Gärten, und Fontänen aus, und zwar ebenso plötzlich wie in ihren Märchen, die nur so von Perlen und Edelsteinen orientalischer Poesie strotzen. Noch ein Jahrhundert, und schon ist es verschwunden, dieses außergewöhnliche Volk, so daß wir uns staunend fragen: hat es wirklich gelebt und existiert oder war es nur eine Schöpfung unserer Phantasie?