Wie wunderbar und voll von Widersprüchen ist ferner das Erscheinen der Normannen, dieses Volkes, das der zürnende Norden wütend aus seinen Eisfeldern hervorschleuderte! Eine Handvoll kühner Männer, denen der düstre Odin und die Schneeberge Skandinaviens auf den Fersen zu folgen scheinen, breiten panischen Schrecken über ganze gewaltige Staaten und Reiche aus. Geführt von ihren Königen, kommen ihre beweglichen Königreiche auf dem nördlichen Eismeer dahergeschwommen und alles sinkt nieder vor diesen wenigen, im Strom, im Wellengang, in der furchtbaren Armut Skandinaviens und ihrer wilden Religion gestählten Fremdlingen.

Auch die gewaltigen Eroberungszüge und die weite Verbreitung der mongolischen Völker war beinah etwas Übernatürliches. Die inneren grenzenlosen Gefilde Asiens, bis dahin den Augen aller Völker verborgen, leuchteten plötzlich in schrecklicher Majestät auf, diese endlosen Steppen, Seen und ungeheuren Wüsten, wo sich alles in einer unermeßlichen Breite und in unendlichen Ebenen verläuft, wo der gewaltige Flächenraum durch das vereinzelte Auftreten von Menschen nur noch riesenhafter und elementarer wirkt. Diese Steppen, die von baumhohem Gras oder flutenden Kornfeldern bedeckt sind, die keines Menschen Hand je gesäet und geschnitten hat, diese Steppen, wo Rinder und Roßherden weiden, die von Urzeiten her noch niemand gezählt hatte und deren wahre Anzahl selbst ihren Besitzern unbekannt blieb, diese Steppen erblickten eines Tags einen Tschingis-Chan, der angesichts seiner kleinen, schlitzäugigen, plattnasigen und breitschulterigen Mongolen das Gelübde ablegte: die Welt zu erobern — und das menschenreiche Peking wird im Lauf eines Monats ein Raub der Flammen, ein Millionenvolk wird von mongolischen Pfeilen niedergestreckt, und der König der Tungusen geht mit Hunderttausenden seiner Untertanen auf einem festgefrorenen See zugrunde, die Rinderherden werden bis an die Grenzen Indiens getrieben, und ganze Scharen von Roßherden irren an den Ufern der Wolga herum. Mit einem Worte: es ist, als ob sich in diesen Eroberungszügen die ganze ungeheure Größe Asiens spiegelte. Eine so rapide Überflutung hat weder die alte noch die neue Geschichte je gesehen.

Ich will hier nicht von dem bedeutenden Handelszentrum Venedig reden, diesem kleinen Fleckchen Erde, das von einer einzigen Stadt eingenommen wurde; eine Stadt, eine einzige Stadt, die keinem Reich angehörte, preßte der ganzen Welt ihr Gold aus, und ihre königlichen Kaufleute übertrafen mit ihren Schiffen, die stolz alle Meere durchkreuzten, mit ihren Palästen am Adriatischen Meere den Ruhm so manches Monarchen. Diese Erscheinung halte ich nicht für außergewöhnlich und einzig dastehend. Sie wiederholt sich häufig in der Geschichte, wenn auch mit Abweichungen und in mancherlei anderer Form. Unvergleichlich viel origineller ist das Leben in Europa während der Kreuzzüge und nach ihnen, in jener Zeit, wo die Grenzen der Staaten noch unklar und unbestimmt waren; wo der Königstitel noch ein Name ohne viel Bedeutung war und wo es noch Millionen von Grundbesitzern gab, die in ihren Ländern wie kleine Selbstherrscher regierten, wo ganz Europa von uneinnehmbaren Schlössern mit Türmen und Zinnen und von trotzigen Festungen übersäet war, wo sich die Kraft der Ritter durch den beständigen Kampf und die ewigen Fehden ins Übermenschliche, Löwenhafte steigerte, als sie sich vom Kopf bis zu den Füßen in Eisen hüllten, dessen Last trugen, die vordem kein Mensch hätte heben können, und wo Stolz und Trotz sich zu einem rohen Unabhängigkeitsgefühl entwickelte. Man sollte glauben, dieser rohe Mut hätte die Seele abhärten und erstarren lassen und sie ebenso gefühllos machen müssen, wie ihre undurchdringlichen Panzer. Aber wunderbarerweise wurden diese wilden Männer gezähmt und gebändigt durch eine Erscheinung, die in schroffstem Widerspruch zu ihren Sitten stand: durch die allgemeine und grenzenlose Verehrung der Frauen. Die Frau wird im Mittelalter zur Gottheit; ihr zuliebe werden Turniere veranstaltet und Lanzen zerbrochen, ihr rotes oder blaues Band flattert am Helm oder Panzer und flößt übernatürliche Kräfte ein; um ihretwillen bezwingt auch der wildeste Ritter seine Leidenschaften und bändigt sie machtvoll wie seinen arabischen Hengst; ihr zuliebe legt er sich wundersame Gelübde auf, die an Strenge und Härte gegen sich selbst nicht ihresgleichen haben, und dies alles nur um der hohen Würde teilhaftig zu werden, vor seiner Gottheit in die Knie sinken zu dürfen. Noch bewunderungswürdiger aber als diese begeisterte Liebe ist ihre Wirkung auf die Sitten. Die Vornehmheit der europäischen Gesinnung ist die Folge dieser Liebe. Das Wanderleben, das jedem einzelnen Tausende von Erfahrungen und Abenteuern eintrug und ganz Europa in eine bewegte auf und ab wogende Hauptstadt verwandelte, hat später in den Europäern den Durst nach Entdeckung neuer Welten rege gemacht. Die immerwährenden Fehden und Kriege, die ständige Unsicherheit der Lebensverhältnisse, haben nicht etwa wie das gewöhnlich in den Geschichtsperioden zu geschehen pflegt, in denen der Luxus die Wunden sittlicher Gebreste der Völker zerfrißt, wo die Unersättlichkeit des persönlichen Vorteils, Gemeinheit, Schmeichelei und die Sucht nach verfeinerten Lastern hervorruft, den allgemeinen Geisteszustand und die Spannkraft der Europäer geschwächt, nein, sie haben sie noch gestählt und entwickelt.

Die Laster der kultivierten Völker wagten es nicht, den europäischen Ritterstand anzutasten. Fast scheint es, als hätte die Vorsehung ununterbrochen über ihn gewacht und ihn mit der Sorgfalt eines treuen Erziehers unablässig behütet und geschützt. Zugleich mit dem Aufkommen des neuen Luxus und Lebenskomforts, der durch Venedig und die Hansa in Europa eingeführt wurde und die Ritter immer mehr ihren Gelübden und ihrem strengen Leben entfremdete, ihre Genußsucht schürte und ihren religiösen Enthusiasmus schwächte, begannen sich merkwürdige Verbände, wie man sie nie vorher gekannt hatte, zu bilden, die als strenge Richter, als unerbittliches Gewissen über die Völker Europas wachten. Nie weiß die Geschichte von Gesellschaften zu berichten, die untereinander mit so unlösbaren Banden verknüpft waren, wie diese geistlichen Ritterorden. Jede Tätigkeit um des eigenen Vorteils oder der eigenen Existenz willen, die doch sonst immer der Zweck aller Verbände ist, lag ihnen fern. Allem entsagen, was dem einzelnen wünschenswert ist, und nur für die ganze Menschheit leben; — als strenge Hüter der Welt leben, allein zum Schutz des christlichen Glaubens — sich ihm allein widmen, ihm alles zum Opfer bringen und alles von sich werfen, was im entferntesten dem eigenen Vorteile dient — ist das nicht eine wunderbare Erscheinung! Nur aus dem Mittelalter konnte solch eine Kraft und solche Energie entspringen. Kaum aber fingen die Ritterorden an, von ihren ursprünglichen Zielen abzuweichen und ihre Augen auf andere Zwecke zu lenken, angelockt durch die Habsucht und die Beutegier, da ließen sie Üppigkeit und Luxus immer mehr Gefallen am persönlichen Leben finden, und so wurden sie denen immer ähnlicher, deren Überwachung sie sich selbst zur Aufgabe gemacht hatten, und es entstehen die furchtbaren unerbittlichen Femgerichte, die unabwendbar waren, wie die göttlichen Anordnungen, und nicht mehr die Züge des Gewissens gegenüber der leichtsinnigen Welt trugen, sondern eine furchtbare und grausige Darstellung des Todes und des Gerichtes bildeten. Keine Macht, kein Landbesitz, ja, selbst nicht die Krone auf dem Haupt konnte ihre Urteilsprüche abwenden oder mildern. Unbekannt und unsichtbar wie das Schicksal, irgendwo im Waldesdickicht, in tiefen, feuchten unterirdischen Gewölben wogen und prüften diese Richter das ganze Leben und das Vergehen dessen, der inmitten seiner unermeßlichen Ländereien, im Kreise seiner nach Hunderten zählenden ergebenen Vasallen sich’s nicht einmal träumen ließ, daß es auf der Welt eine höhere Macht geben könnte als die seine. Wenn diese unterirdischen Richter einmal den Urteilsspruch gefällt hatten, — dann war alles verloren. Vergebens versuchten es die Herrscher mit ihrer drohenden Macht, die Annäherung an ihre Person zu erschweren, umsonst schloß ihr Gold die Lippen und zwang alle, ihr Lob zu singen — der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende der Welt, stahl sich durch die glänzende Schar ihrer Höflinge und traf sie hinterrücks an der Seite ihrer Freunde. Mutet es uns nicht wie ein fast märchenhaftes Wunder an! Nur da sind die Handlungen eines Menschen so unabwendlich, so übernatürlich, so ungewöhnlich, wo er außerhalb der Gesellschaft steht, jedes Schutzes einer gesetzlichen Macht entbehrt und nicht weiß, was das Wort „Unmöglichkeit“ bedeutet.

Auch die ganze Art der Tätigkeit, wie sie in der Mitte und am Ende des Mittelalters herrschte — dieses allgemeine Streben nach der geheimnisvollen Wissenschaft, dieser Wunsch nach Erkenntnis und Erforschung der rätselhaften Naturkräfte, diese Unersättlichkeit, mit der sich alle der Zauberei und der Magie hingeben, in alledem gärt und brodelt jene europäische Neugierde, ohne die die Wissenschaft sich nie so entwickelt und die jetzige Vollkommenheit erreicht hätte. Selbst der naive Geisterglaube und die Beschuldigung des Umgangs mit Geistern haben für uns ein ganz besonderes Interesse. Die Beschäftigung mit der Alchimie, der Krone mittelalterlicher Gelehrsamkeit, der Schlüssel alles Wissens, entsprang dem kindlichen Wunsch, das vollkommene Metall zu entdecken, das dem Menschen die Macht über alles verleihen sollte. Man stelle sich nur ein kleines deutsches Städtchen im Mittelalter vor: diese schmalen, unregelmäßigen Straßen, diese hohen, bunten, gotischen Bauten und dazwischen ein uraltes baufälliges Häuschen, das allgemein für unbewohnt gilt und auf dessen von Rissen durchzogenen Mauern Moos und Alter ihre Wohnstätte aufgeschlagen haben; diese zugenagelten Fenster — das ist die Behausung des Alchemisten. Nichts läßt auf die Gegenwart eines lebenden Wesens schließen — aber in dunkler Nacht steigt ein bläulicher Rauch aus dem Schornstein auf und verrät das unermüdliche Wachen des Greises, der über seinem Problem grau ward, aber die Hoffnung noch immer nicht sinken lassen will — scheu schleicht der fromme, mittelalterliche Handwerker an dieser Stätte vorbei, wo seiner Meinung nach Geister ihr Heim aufgeschlagen haben, in Wahrheit aber wirkt dort an Stelle der Geister der ewige Wunsch und der unüberwindliche Wissensdrang, der nur von sich selbst lebt, sich stets von neuem an sich selbst entzündet und selbst durch Mißerfolge noch mächtiger angefacht wird — dieses Urelement des ganzen europäischen Geistes — das von der Inquisition, die bis in die tiefsten Gründe der menschlichen Gedanken eindrang, vergeblich verfolgt wird; aber er reißt sich immer wieder los und er gibt sich trotz Furcht und Schrecken nur noch mit größerem Genuß seinem Studium hin.

Und die Inquisition! Welch düstere, furchtbare Erscheinung! Diese grausige, blinde Inquisition, die über unzählige Gewölbe und unterirdische Klöster gebot, die an nichts anderes glaubte als an ihre furchtbaren Folterwerkzeuge, in deren Erfindung der Mensch einen geradezu höllischen Scharfsinn an den Tag legte. Diese Inquisition, die unter der Mönchskutte ihre eisernen Krallen hervorstreckte und alle ohne Unterschied ergriff, die einer seltsamen oder ungewöhnlichen Beschäftigung nachgingen, sie liefert wieder einen Beweis für die große Wahrheit, daß, wenn auch die physische Natur des Menschen durch Qualen dazu gezwungen wird, die Stimme der Seele zum Schweigen zu bringen, doch in der großen Masse der ganzen Menschheit der Geist noch immer über den Körper triumphiert hat.

Sind das nicht alles ganz einzigartige Erscheinungen? Geben sie uns nicht das Recht, das Mittelalter eine wunderbare Epoche zu nennen? Das Wunderbare bricht sich hier bei jedem Schritte Bahn und gewinnt während dieser jugendlichen zehn Jahrhunderte die Herrschaft über alles! Ich nenne sie jugendlich, weil in ihnen alles Junge lebendig ist: alles, was Mut, Leidenschaft, Begeisterung atmet, was nicht an die Folgen denkt, nie die kalte Berechnung zur Hilfe ruft und noch keine Vergangenheit besitzt, auf die es zurückblicken könnte. Alles am Mittelalter — ist Poesie und Willkür! Man merkt sofort den Umschwung, wenn man das Gebiet der neuen Geschichte betritt. Der Unterschied ist zu auffallend; und unser Seelenzustand gleicht dann den Meereswellen, die sich anfänglich in Bergen und Tälern aufbäumen und senken, um gleich darauf wieder als unendliche Fläche still und ruhig dahinzufließen. Im Mittelalter erscheinen die einzelnen Handlungen und Taten der Menschen ganz unüberlegt, die wichtigsten Ereignisse widersprechen einander in jeder Beziehung und bilden große Kontraste. Fassen wir sie jedoch alle zu einem Ganzen zusammen — so erkennen wir die bewunderungswürdige Weisheit, die darin waltet! Wenn man das Leben des einzelnen Menschen mit dem Leben der Menschheit vergleichen könnte, so müßte man das Mittelalter die Schulzeit des Menschen nennen. Da flossen seine Tage fast unbemerkt von der Welt dahin, seine Taten sind noch nicht so kraftvoll und reif, wie dies für die Welt erforderlich ist, und niemand erfährt etwas von ihnen. Dafür aber entspringen alle seine Handlungen einer triebartigen Leidenschaft und enthüllen mit einem Schlage alle inneren Regungen der Menschen; ohne sie wäre auch seine spätere Wirksamkeit in der Gesellschaft unmöglich.

Sehen wir ferner zu, welch ungeheure Ereignisse das Mittelalter umrahmen: das große Kaiserreich, das die ganze Welt beherrschte, eine zwölf Jahrhundert alte Nation, geht an Erschöpfung und Gebrechlichkeit zugrunde, und mit ihr versinkt die halbe Welt, stürzt das ganze Altertum mit seiner halbheidnischen Denkungsart, seinen geschmacklosen Schriftstellern, seinen Gladiatoren, Statuen, seinem überladenen Luxus und seinen raffinierten Lastern zusammen. Dies ist der Anfang des Mittelalters, und sein Abschluß wird durch ein ungeheures Ereignis gekennzeichnet, eine allgemeine Explosion, die alles in die Luft sprengte und alle jene furchtbaren Gewalten, die bis dahin die Welt so despotisch umklammerten, vernichtete. Die Macht der Päpste wird erschüttert und fällt zusammen, und ebenso geht es mit der Unwissenheit und Unkultur. Die Schätze und der Welthandel Venedigs werden unterminiert, und wenn das allgemeine Chaos nach dieser großen Umwälzung sich klärt und entwirrt, erscheint folgendes Bild vor den erstaunten Augen der Nachwelt: Könige, die ihr Zepter mit kräftiger Hand festhalten; Schiffe, die mit mächtig geblähten Segeln das Mittelmeer durchschneiden und die Wogen des unendlichen Ozeans befahren; statt des ohnmächtigen Schwerts hält der Europäer die Feuerwaffe in den Händen; gedruckte Bogen fliegen von einem Ende der Welt zum andern: und das alles ist ein Ergebnis des Mittelalters. Der ungeheure Druck der Mächtigen und die unerträgliche Knechtung des Volks waren scheinbar nur dazu da, um den allgemeinen Ausbruch hervorzurufen. Nur indem die menschliche Vernunft all ihre Kräfte zusammennahm, konnte sie die harte Rinde, die sie umgab, durchbrechen. Vielleicht hat auch nur daher kein Jahrhundert so viele riesengroße Erfindungen aufzuweisen, wie das fünfzehnte, das das Mittelalter in so glänzender Weise beschließt: diese gewaltige Zeit, die an einen mächtigen, majestätischen gotischen Dom erinnert, finster und dunkel wie die sich durchkreuzenden Gewölbe, bunt wie seine vielfarbigen Fenster und die Menge des ihn schmückenden Zierates, und erhaben und voller Leidenschaft, wie die zum Himmel strebenden Mauern und Türme, die in eine in den Wolken verschwindende Spitze auslaufen.

III
Ein Kapitel aus einem historischen Roman[1]

Unterdessen überschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in Kleinrußland noch keine allgemeine Landstraßen, dafür aber kannte ein jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkürzeste war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Gräben dahin oder an einer Böschung entlang, überschritten eine Schlucht, und nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem Nachtlager vorliebnehmen zu müssen. Die größte Unbequemlichkeit für den Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, daß er sich im Umkreise von 25 bis 30 Schußweiten bei den Bewohnern nach dem Wege erkundigen mußte und daß die Aussagen sich fast immer widersprachen.