Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem klaren Blick an. „O Gott, wie schön ist sie! ...“ das war alles, was er stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren Augen ab; alle lechzten förmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermüdung und Gleichgültigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows. Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmächtiger Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz vermochte ihn nicht auszuhalten, es mußte zerreißen und die Seele mit sich entführen! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch durch eine Neigung des Kopfes, nein — dieses Zeichen lag in dem Blick ihrer verführerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck, daß niemand ihn bemerken konnte; — er aber bemerkte — er verstand ihn. Der Tanz dauerte lange, die müde Musik schien ersterben und erlöschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tönte kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich — war der Tanz zu Ende! Die schöne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott, was war das doch für eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser Berührung Musik zu entströmen, und die zarte Fliederfarbe ließ das blendende Weiß der schönen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal diese Hände berühren — und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr — jeder andere wäre zu kühn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen — „Sie haben sich wohl gelangweilt?“ fragte sie, „ich habe mich auch gelangweilt. Ich merke es wohl, daß Sie mich hassen,“ fügte sie hinzu und senkte ihre langen Wimpern.

„Sie hassen? ich? ..“ wollte der völlig fassungslose Piskarjow ausrufen und er hätte gewiß noch eine ganze Menge unzusammenhängender Worte hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem sehr schönen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und angenehme Bemerkungen. Er lächelte freundlich, ließ hierbei eine Reihe schöner Zähne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows Herz zu treiben. Zum Glück wandte sich endlich einer von den Anwesenden mit einer Frage an den Kammerherrn.

„Wie unerträglich ist das!“ sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu ihm empor. — „Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen Sie zu mir!“ Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken. Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war gleich darauf an ihrer Seite.

„Ja, das war sie!“ Sie saß da wie eine Königin, schöner und herrlicher als alle andern, und suchte ihn mit den Augen.

„Sie sind hier?“ sagte sie leise. „Ich will aufrichtig gegen Sie sein: die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewiß sonderbar erschienen. Konnten Sie wirklich glauben, daß ich zu jener verächtlichen Menschenklasse gehöre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen merkwürdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch imstande,“ sagte sie und sah ihm forschend in die Augen — „es nie jemand zu verraten?“

„O gewiß, ich schwöre Ihnen ...“

Aber in diesem Augenblick trat ein ältlicher Herr an sie heran, fing an, in einer Sprache, die Piskarjow unverständlich blieb, mit ihr zu reden, und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rückkehr abwarten, aber in seiner Ungeduld fühlte er sich außerstande, irgendeinen Befehl, und wäre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen. Er wollte ihr folgen, doch im Gedränge wurden sie voneinander getrennt. Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in höchster Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stieß alle, die ihm entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saßen nur vornehme und reiche Herren beim Whist und hüllten sich in ein stumpfes Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ältere Leute über die Vorzüge des Militärdienstes gegenüber denen des Zivildienstes, und in einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Fräcken flüchtige Bemerkungen über das mehrbändige Werk eines ernsten Poeten. Piskarjow fühlte, wie ein ältlicher Herr von ehrwürdigem Äußeren ihn bei einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stieß ihn grob von sich, ohne zu bemerken, daß der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug. Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein drittes — auch da war sie nicht zu finden. „Wo ist sie nur? Führt mich zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen, was sie mir zu sagen hatte!“ Aber all sein Suchen war umsonst. Müde und ängstlich drückte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor ihm, doch seine müden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wände seines eigenen Zimmers zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlöschen, das Licht war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich über den alten Tisch ergossen.

Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schöner Traum! warum mußte er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten können! Gewiß wäre sie zurückgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen, das ihn mit seinem trüben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster hinein. Das Zimmer lag grau und trübe da: überall herrschte Unordnung ... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hüllte sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfüllt, das entflohene Traumbild wieder zurückzurufen. Der Traum zögerte auch nicht, sich einzustellen, aber er ließ ihn nicht sehen, was er sehen wollte: bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der Kopf einer Finnländerin, die er einst gemalt hatte, und ähnlicher Unsinn.

Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte — aber die Schöne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur für einen Augenblick ihre wundervollen Züge vor ihm enthüllt, wenn er doch nur für einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen hätte, wenn ihr entblößter Arm nur für einen Moment, wie eine schneeweiße Wolke an seinen Blicken vorübergeschwebt wäre!

Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und saß nun mit einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen; teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof, wo ein schmutziger Wasserträger Wasser ausgoß, das in der Luft gefror, und wo ein Verkäufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: „alte Kleider zu verkaufen.“ Alles Wirkliche und Alltägliche berührte sein Ohr fremd und seltsam. So saß er bis zum Abend da, dann warf er sich leidenschaftlich ins Bett. Lange kämpfte er mit der Schlaflosigkeit, aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu träumen, aber diesmal war es ein fader, häßlicher Traum. „Gott, erbarme Dich! Oh, laß mich sie sehen, wenn auch nur für einen Augenblick, für einen einzigen Augenblick!“ Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und träumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein Fagott war. „Oh! das ist unerträglich!“ rief er da. Endlich erschien sie ihm, ihr Köpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank er in einen dummen Traum.