Völlig hingenommen von herzzerreißendem Mitleid, saß Piskarjow vor der zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war längst vorüber, die Turmuhr schlug halb eins, aber er saß noch immer unbeweglich, schlaflos und gedankenlos vor sich hindämmernd da. Schon wollte der Schlummer seine Unbeweglichkeit benützend, ihn leise überwältigen, das Zimmer fing an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch leise durch die ihn gefangen haltenden Träume, als plötzlich ein Klopfen, das an der Türe ertönte, ihn aufschreckte und wieder ermunterte. Die Tür öffnete sich, und ein Diener in einer eleganten Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewöhnlichen Stunde ... er begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den eintretenden Diener.
„Die Dame,“ sagte der Diener, sich höflich verneigend, „bei der Sie die Güte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt.“
Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Mißverständnis vor ...
„Hören Sie, mein Lieber,“ sagte er schüchtern, „Sie haben sich gewiß in der Tür geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen Herrn geschickt und nicht zu mir.“
„Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fuß nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in der Liteinaja?“
„Ja, das habe ich getan.“
„Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen.“
Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen. Er setzte sich hinein, die Tür schlug zu, die Pflastersteine erdröhnten unter den Rädern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der Häuser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den Wagenfenstern vorüber. Während der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den Kopf, er wußte nicht, wie er sich dies Abenteuer erklären sollte. Ein eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem Wagen und führte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsäulen verziertes Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mäntel und Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine luftige Treppe, mit einem blitzenden Geländer, führte, umfächelt von aromatischen Düften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurück.
Die ungewöhnliche Buntheit der anwesenden Gäste brachte ihn vollends in Verwirrung; es schien ihm, daß irgendein Dämon die ganze Welt in eine Menge winziger Stücke zerbröckelt und dann diese Stücke ohne Sinn und Verstand durcheinandergewirbelt hätte. Blendende Frauenschultern, schwarze Fräcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende Gazeschleier, ätherische Bänder und ein dicker Konterbaß, der über dem Geländer des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glänzte und glitzerte vor seinen Augen. Plötzlich sah er so viele ehrwürdige Greise und ältere Männer mit Sternen auf den Fräcken, und Damen, die so leicht, stolz und graziös über das Parkett schwebten oder in langen Reihen nebeneinander saßen, er hörte so viele französische und englische Wörter, und die jungen Leute in den schwarzen Fräcken trugen einen so edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Würde, verstanden es so vorzüglich, nur das Allernotwendigste zu sagen, scherzten so herablassend, lächelten so höflich, hatten solch herrliche Backenbärte und wußten so geschickt ihre schönen Hände zu zeigen, indem sie ihre Halsbinde zurecht rückten; die Damen waren so duftig, so ganz hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie senkten so entzückend die Augen, — daß ... Aber schon das völlig verschüchterte Wesen Piskarjows, der sich ängstlich an eine Säule drückte, ließ seine vollständige Verwirrung erkennen. Währenddessen hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die Tänzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schöpfungen der Pariser Modekunst, in Stoffe gehüllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im Kreise herum; sie berührten das Parkett nur ganz oberflächlich mit ihren funkelnden Füßchen und erschienen dadurch noch ätherischer, als wenn sie es überhaupt nicht berührt hätten. Eine von ihnen war noch schöner, kostbarer und glänzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostüm zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und dabei hatte es den Anschein, als kümmerte sie sich gar nicht darum und als hätte sich diese Harmonie von selbst über sie ergossen. Sie schien die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie auch wieder nicht, die schönen, langen Wimpern waren gleichgültig gesenkt, und ihre blendendweiße Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Köpfchens ein schwacher Schatten auf ihre entzückende Stirn fiel.
Piskarjow strengte alle seine Kräfte an, um sich einen Weg durch die Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu können, aber zu seinem größten Verdruß verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem Lockenhaar in einem fort die Tänzerin; dabei sah er sich bald so von der Menge eingezwängt, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte, aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoßen. Endlich jedoch war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrängen und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung zu bringen. Aber allmächtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte er es nämlich ganz vergessen, sich in einen anständigen Anzug zu werfen. Er wurde rot bis über die Ohren, ließ den Kopf hängen und wollte in die Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er hätte verschwinden können: hinter ihm stand eine ganze Mauer von eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformröcken. Er wünschte sich so weit fort als nur möglich von der Schönen mit der herrlichen Stirn und den entzückenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war das? Was war das? — „Sie ist es!“ schrie er fast mit Aufgebot all seiner Kräfte. Es war wirklich dieselbe Schöne, die er auf dem Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte.