„Wir kennen euch!“ dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und selbstbewußten Lächeln; er war davon überzeugt, daß es keine Schöne gab, die ihm widerstehen könnte.
Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schüchtern und ängstlichen Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte; wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, daß er die Aufmerksamkeit der sich entfernenden Schönen auf sich ziehen könnte, und noch viel weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die Wohnung dieses herrlichen Geschöpfs merken, das direkt vom Himmel auf den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott weiß wohin, entschwinden würde; und er rannte so schnell vorwärts, daß er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbärten vom Trottoir herunterstieß.
Dieser junge Mann gehörte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine recht merkwürdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner Petersburgs gehören wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man begegnet diesem außerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt, wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind. Das war ein Künstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwürdige Erscheinung? Ein Petersburger Künstler! Ein Künstler im Lande des Schnees! im Lande der Finnen, wo alles naß, eben, glatt, blaß, grau und neblig ist! Diese Künstler haben durchaus keine Ähnlichkeit mit den italienischen Künstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die Petersburger Künstler sind meistens ein braves, schlichtes Völkchen, sie sind schüchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im kleinen Stübchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden von ihrem Lieblingsthema und träumen nicht einmal von Luxus oder Überfluß. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jämmerliches, stumpfes Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt: Gipshände und -füße, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wände, die mit Farbenklecksen beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die Arbeiten dieser Künstler haben fast immer ein graues, trübes Kolorit — diesen unauslöschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie stets mit wahrhaftem Genuß bei der Arbeit. Häufig lebt in ihnen ein echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so würde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln, wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft trägt. Diese Künstler sind sehr schüchtern; ein Stern oder eine dicke Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, daß sie sofort mit dem Preis für ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu putzen und schön zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstück. Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer unvollendeten Landschaften, auf der man häufig eine auf dem Kopf stehende Nymphe entdecken kann, da der Künstler die Landschaft einfach auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere Leinwand zur Verfügung hatte. Solch ein Künstler sieht niemand gerade ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trübe und unbestimmt; er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets Ihre Züge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er demnächst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und unzusammenhängende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn durcheinanderschwirren, vergrößern noch seine Schüchternheit.
Zu dieser Art von Leuten gehörte auch der oben erwähnte junge Mann — der Künstler Piskarjow; er war sehr schüchtern und bescheiden, aber in seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefühl, der im gegebenen Moment zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst über seine Dreistigkeit zu wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefühle und seine Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete plötzlich ihr Köpfchen und sah ihn an! Gott! welch göttliche Züge! Die herrliche, blendend weiße Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren wie Achat; sie kräuselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel unter dem Hut hervor und berührte die von der abendlichen Kälte leicht getöteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm von entzückenden Träumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer Kindheit übrigbleibt — alles, was beim Schein des Lämpchens vor dem Heiligenbilde unsere Schwärmerei und stille Begeisterung weckt — alles dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu vereinigen, ineinanderzufließen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller Strenge an, und ein Gefühl der Empörung über diese freche Verfolgung sprach aus ihren Zügen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schüchternheit übermannt, blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken schossen unserem jungen Schwärmer durch den Kopf, als er sich entschloß, ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt würde, folgte er ihr aus weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die Schilder an den Häusern an, ließ aber dabei die Unbekannte keinen Moment aus den Augen. Die Zahl der Spaziergänger wurde geringer, und auf der Straße wurde es stiller, da sah sich die Schöne um, und es schien ihm, als kräusele ein leichtes Lächeln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trügerischen Licht dies Lächeln vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in ihm erzitterte, alle seine Sinne erglühten, und ein seltsamer Nebel hüllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Füßen, die Wagen und die vorüberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die Brücke dehnte sich immer mehr in die Länge und barst über ihrem Bogen auseinander, die Häuser standen auf dem Kopfe, ein Wächterhäuschen stürzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wächters, die goldenen Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schönen Köpfchens hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren der niedlichen Füßchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach dem Takt seines Herzschlages dahinstürmten, zu mäßigen. Manches Mal packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so freundlich gewesen? — und er blieb einen Augenblick stehn, aber das Pochen seines Herzens, eine unüberwindliche Gewalt, die Erregung all seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwärts. Er merkte gar nicht, wie sich auf einmal ein vierstöckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er plötzlich gegen das eiserne Geländer vor der Einfahrt stieß. Er sah, wie die Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine Knie zitterten ihm, seine Gefühle und Gedanken glühten, ein wunderbares Glücksgefühl traf wie ein Blitz mit schneidender Schärfe sein Herz. Nein, das war doch kein Traum! Gott! so viel Glück in einem einzigen Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten.
Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, für deren himmlischen Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnstätte nahe zu sein, er schon für ein unaussprechliches Glück hielt — war sie denn wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen? Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fähig, und keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jüngling, den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedürfnis erfüllte. Und was in einem lasterhaften Menschen kühne und häßliche Wünsche geweckt hätte, das läuterte seine Gefühle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das herrliche schwache Geschöpf entgegenbrachte, dies Vertrauen verpflichtete ihn zu dem Gelübde, mit ritterlicher Strenge und sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfüllen. Er wünschte nur, daß die Aufgaben, die sie ihm stellen würde, so schwer als möglich, ja, geradezu unausführbar wären, damit er mit voller Anspannung aller seiner Kräfte hinfliegen könnte, sie zu überwinden. Er zweifelte nicht daran, daß irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte bewogen hätte, sich ihm anzuvertrauen, daß sicherlich bedeutende Dienstleistungen von ihm gefordert werden würden, und er fühlte schon die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fähig machte.
Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine Träume und Gedanken im Kreise herum. „Steigen Sie vorsichtiger hinauf,“ erklang eine Stimme gleich einer Harfe und ließ all seine Sinne von neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes klopfte die Unbekannte an die Tür; sie öffnete sich, und sie traten zusammen ein. Eine hübsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen; allein, sie sah Piskarjow so eigentümlich und frech an, daß er unwillkürlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten, die zweite saß vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie eine elende Melodie einer altmodischen Polonäse, die dritte saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschäftigung zu unterbrechen. Überall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut erhaltenen Möbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe überzog die Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeöffnete Tür des benachbarten Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert eine laute männliche Stimme und das Gelächter einer Frau entgegen.
Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen und fing an, sich die Gegenstände im Zimmer genauer anzusehen; aber die nackten Wände, die Fenster, die durch kleine Vorhänge verhängt waren, deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die schlaffen gealterten Züge dieser elenden Geschöpfe, von denen das eine sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles überzeugte ihn davon, daß er in eins jener häßlichen Asyle geraten sei, wo das gemeine Laster, das von einer falschen Überkultur und der großen Übervölkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnstätte gegründet hatte — eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und Heilige, das unser Leben verschönt, schändet und erstickt, wo das Weib, dies schönste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schöpfung, sich in ein merkwürdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in widerwärtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Männer aneignet, und wo es aufhört, das herrliche, schwache Geschöpf zu sein, das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet. Piskarjow maß sie vom Kopf bis zu den Füßen mit seinen Blicken, als wolle er sich noch einmal davon überzeugen, ob sie auch wirklich dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit sich fortgeführt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm stand, noch immer so schön wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft göttlich. Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt — man sah es ihr an, daß das furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schön.
Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in seiner schlichten Weise, wie früher seinen Träumereien hingeben. Aber dieses lange Schweigen langweilte die Schöne; sie lächelte bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lächeln hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und paßte so schlecht zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frömmigkeit zu der Fratze eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten. Piskarjow erbebte. Sie öffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verließe! Er wollte nichts mehr hören ... und machte einen furchtbar komischen und einfältigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen, statt sich über solch einen Zufall zu freuen — über den sich jeder andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut hätte — stürmte er, so schnell ihn seine Füße trugen, wie ein Reh auf die Straße.
Gesenkten Hauptes und die Hände in den Schoß gelegt, saß er in seinem Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen ließ. „So eine Schönheit! Solch göttliche Züge! Doch wo mußte ich sie finden? an welchem Ort! ...“ das war alles, was er sagen konnte.
Wahrlich, nie werden wir mächtiger vom Mitleid erfaßt, als beim Anblick der Schönheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja, wenn sich noch das Häßliche mit ihm verbände, aber die Schönheit, die zarte Schönheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie sich in unseren Gedanken. Das schöne Mädchen, das den armen Piskarjow so bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewöhnliche Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verächtlichen Kreise erschien um so unerklärlicher. Ihre Züge waren so herrlich geformt, der Ausdruck des schönen Gesichts war so edel, daß man durchaus nicht glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie hineingeschlagen. Für einen leidenschaftlichen Gatten wäre sie eine Perle, für die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise hätte sie wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung ihres wunderschönen Mundes ihre süßen Befehle erteilt. In einem von Menschen erfüllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wäre sie eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern hätte in wortloser Anbetung zu ihren Füßen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische Wille des bösen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens zu zerstören, hatte sie mit Hohngelächter in diesen schrecklichen Abgrund gestürzt.