Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird es plötzlich Frühling! er füllt sich ganz mit Beamten in grünen Amtsfräcken. Hungrige Titulär-, Hof- und andre „Räte“ suchen aus allen Kräften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre beeilen sich noch schnell, ihre freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit einem Anstand einhergegangen, als hätten sie bei Leibe keine sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die alten Kollegiensekretäre, Titulär- und Hofräte schnell und mit gesenktem Kopfe vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergänger anzuschauen und haben sich noch nicht völlig von ihren Sorgen losgerissen; in ihren Köpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und statt der Kaufläden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das runde Gesicht ihres Bureauchefs.
Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen Beamten. Höchstens eine Näherin, die mit einem Karton in der Hand über die Straße läuft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife Engländerin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen Bureaudiener, einen Russen mit einem dürftigen Bart, in einem baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rücken, die Hände, die Füße und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann — sonst trifft man um diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt.
Sobald sich jedoch die Dämmerung auf die Häuser und Straßen hinabsenkt und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwächter langsam die Leiter besteigt, um die Laternen anzuzünden, sobald aus den niedrigen Fenstern der Kaufläden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten, meistenteils Hagestolzen in warmen Röcken und Mänteln. Um diese Zeit fühlt man, daß dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt etwas Ähnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmäßiges, Unruhiges in ihre Bewegungen. Lange Schatten huschen über die Mauern und über das Pflaster hin und reichen mit ihren Köpfen fast bis zur Polizeibrücke. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre promenieren lange hin und her, während die alten Kollegienregistratoren, Titulär- und Hofräte größtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie verheiratet sind oder weil ihre deutschen Köchinnen so gut kochen. Jetzt trifft man wieder die alten, ehrwürdigen Herren, die mit so viel Würde und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen. Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen und Wangen gefallen nämlich vielen Spaziergängern, hauptsächlich jedoch den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange deutsche Röcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen.
„Halt!“ rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen befrackten und in einen Mantel gehüllten jungen Mann, der neben ihm daherging, am Arme fest, „hast du gesehn?“
„Gewiß habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka!“
„Ja, von welcher sprichst du eigentlich?“
„Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was für Augen, Gott! was für Augen! diese Figur, diese Züge, dies Oval des Gesichts — ein wahres Wunder!“
„Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite ging. Nun, warum gehst du denn der Brünetten nicht nach, wenn sie dir so gefällt?“
„Ich bitte dich, wo denkst du hin!“ rief tief errötend der junge Mann im Frack. „Als ob sie zu denen gehört, die des Abends auf dem Newsky herumspazieren; das ist gewiß eine feine Dame“ — fuhr er seufzend fort — „ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel.“
„Du Grünschnabel!“ rief Piragow und stieß ihn mit Gewalt nach jener Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. „Geh, Einfaltspinsel, sonst entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach!“ Und beide Freunde trennten sich.