II
Schlözer, Müller und Herder

Schlözer, Müller und Herder sind die großen Baumeister der Weltgeschichte. Der Gedanke an diese war ihr Lieblingsgedanke und verließ sie keinen Augenblick während der ganzen Zeit ihres so verschiedenartigen Lebenslaufes. Man kann sagen, daß Schlözer der erste war, der von der Idee eines einigen großen Ganzen, einer Einheit durchdrungen war, zu der alle Zeiten und alle Völker zusammengefaßt und zusammengeschmolzen werden müssen. Er wollte die ganze Welt und alles Lebendige mit einem Blick umspannen. Es schien, als wünschte er hundert Argusaugen zu besitzen, um mit einem Blick alle Geschehnisse in den entlegensten Teilen der Welt zu übersehen. Sein Stil ist ein Blitz, der fast plötzlich bald hier, bald dort zündet und die Gegenstände momentan, aber mit blendender Klarheit, beleuchtet. Ich weiß nicht, ob er selbst das hätte leisten können, was er den anderen so scharf vorgezeichnet hat; jedenfalls aber war niemand so stark von seinem Objekt ergriffen wie er. Er hatte die Gabe, alles in einem kleinen Brennpunkt zu konzentrieren und oft mit zwei, drei scharfen Strichen, ja zuweilen durch ein einziges Epitheton, ein bestimmtes Ereignis oder ein ganzes Volk zu charakterisieren. Seine Epitheta sind wunderbar, temperamentvoll und kühn und erscheinen als die Frucht eines glücklichen Augenblicks, einer momentanen Eingebung; sie sind von so scharfer verblüffender Wahrheit, daß selbst eine tiefe und dauernd in ihrer Richtung beharrende Forschung sie nicht entdeckt hätte, es sei denn, daß sie von Schlözer selbst ausgeführt worden wäre. Er war nicht eigentlich Historiker, und ich glaube sogar, daß er gar nicht Historiker hätte sein können. Seine Gedanken sind zu sprunghaft, zu leidenschaftlich, um sich zu einer harmonisch und gemächlich dahinfließenden Erzählung zu formen. Er analysierte die Welt und alle verschwundenen und noch lebenden Völker, aber er beschrieb sie nicht; er sezierte die ganze Welt mit dem Messer des Anatomen, zerschnitt und zerlegte sie in massive Teile, er gruppierte und klassifizierte die Völker wie ein Botaniker die verschiedenen Pflanzen nach bestimmten Merkmalen ordnet. Und daher sollte man glauben, daß durch diese Art der Behandlung seine geschichtlichen Aufzeichnungen etwas Skelettartiges und Trockenes erhalten hätten; aber merkwürdigerweise leuchtet alles bei ihm in so grellen Farben, der machtvolle Blitz seines Auges hat etwas so Sicheres, daß man beim Lesen seiner gedrängten Weltskizze erstaunt bemerkt, wie unsere Phantasie sich entzündet, erweitert und alles nach demselben Gesetze ergänzt, das Schlözer mit einen gewaltigem Wort gekennzeichnet hat; zuweilen aber eilt unsere Einbildungskraft die kühn vorgezeichneten Wege noch weiter. Da er einer der ersten war, der von der Größe und dem wahren Ziel der Weltgeschichte beunruhigt wurde, mußte er unbedingt ein oppositionelles Genie werden. Diese seine Stellung gab ihm die große Energie, das Feuer und sogar den Ärger über die Kurzsichtigkeit seiner Vorgänger, die sehr häufig in seinen Schriften zum Ausbruch kommen. Mit einem Donnerwort vernichtet er sie und in diesem einen Wort verbindet sich der Genuß und ein sardonisches Lächeln über den Besiegten mit einer sieghaften Wahrheit. Man könnte ihn mit mehr Recht noch als Kant den Alleszermalmer nennen. Fast immer lassen sich die Männer der Opposition zu sehr von ihrer Stellung hinreißen, indem sie sich in ihrem enthusiastischen Übereifer nur an eine Regel halten — allem Vorangegangenen zu widersprechen. Doch dieser Vorwurf trifft Schlözer nicht: sein germanischer Geist beharrt unerschütterlich auf seinem Standpunkt. Er ist ein strenger, allwissender Richter; seine Urteile sind scharf, kurz und gerecht. Vielleicht werden einige sich darüber wundern, daß ich von Schlözer wie von einem großen Baumeister der Weltgeschichte rede, während doch die Gedanken und Werke, die er diesem Gegenstande gewidmet hat, in einem kleinen Leitfaden für Studenten bestehn; aber dieses kleine Büchlein gehört zur Zahl der Werke, nach deren Lektüre man glaubt, ganze Bände gelesen zu haben; ich möchte es mit einem kleinen Fenster vergleichen, durch das man, wenn man sein Auge nur nahe genug heranbringt, die ganze Welt erblicken kann. Er wirft ein helles Licht auf die Gegenstände, lehrt sie uns begreifen, und schließlich gelangt man dazu, alles mit eigenen Augen zu sehen.

Müller ist ein Historiker ganz anderen Schlages. Still, ruhig und bedächtig, ist er das volle Gegenteil von Schlözer. Mit einer eigenartigen, bezaubernden Liebe gibt er sich seinem Gegenstande hin. Sein Vortrag glänzt nicht durch eine scharf ausgeprägte Eigenart wie der Stil Schlözers; er kennt weder die leidenschaftlichen Ausbrüche, noch den prägnanten Lakonismus, der den Vortrag Schlözers auszeichnet. Er umfaßt nicht alles so momentan, so mit einem Blicke wie jener, umspannt es nicht mit gewaltiger Hand, er erforscht alles, was die Welt erfüllt, ruhig, in bestimmter Reihenfolge, ohne jene Überstürzung und Hast, mit der ein Autor sich ausspricht, der sich fürchtet, jemand könnte ihm seine Gedanken entwenden und ihm zuvorkommen. Das Wort „Untersuchung“ paßt so recht zu seinem Stil; seine Darstellungen sind wahrhafte Untersuchungen. Als Staatsmann beschäftigt er sich vorzüglich mit der Erörterung der Staatsformen und mit den Gesetzen der gegenwärtigen und der untergegangenen Reiche; aber er betont diese Seite nicht in dem Maße, um darüber andre Seiten ganz im Schatten zu lassen, ein Fehler, dessen nur einseitige Historiker fähig sind und in den auch Heeren mitunter verfallen ist; im Gegenteil, er wendet seine Aufmerksamkeit auch allen Grenzgebieten zu. Alles, was in der Geschichte nicht ganz klar ist, was noch wenig erforscht ist, das alles unterwirft er einer Untersuchung. Man fühlt sogar, daß er sich mit Vorliebe mit der Urgeschichte und überhaupt mit den Epochen beschäftigt, wo das Volk noch nicht von der Kultur und ihren Lastern berührt ist und noch seine einfachen Sitten und seine Unabhängigkeit bewahrt. Diese Perioden schildert er mit einer leuchtenden Ausführlichkeit, mit einer sanften Wärme, wie wenn er sich selbst dabei vergäße und sich mitten unter seinen braven Schweizern zu befinden wähnte. Das wichtigste Resultat, das er aus seiner Geschichtsdarstellung zieht, ist dieses, daß ein Volk nur dann glücklich ist, wenn es die alten Sitten des Landes treu befolgt und seine einfache Lebensweise und Unabhängigkeit beibehält. Überall schimmert seine reife Weisheit und seine kindliche Seelenklarheit durch. Der Adel seiner Gedanken und die Freiheitsliebe durchdringen all seine Werke. Nicht der Gedanke an die Einheit und an ein unzertrennliches Ganzes ist das Ziel, nach dem seine Darstellung bewußt hinstrebt; er spricht eigentlich nie darüber, aber sein ganzes Werk läßt uns diese Einheit fühlen, obgleich er über der Betrachtung eines Volkes die Sache der ganzen Welt zu vergessen scheint. Seine Geschichte ist keine ununterbrochene, bewegliche Kette von Begebenheiten; hier gibt es keine dramatischen Effekte; aus allem spricht die bedächtige Weisheit des Autors. Er gibt seinen Gedanken keine scharfen prägnanten Formulierungen: sie scheinen sich bescheiden und häufig wie in einem unbeachteten Winkel zu verbergen, so daß man sie nur entdeckt, wenn man sie sucht; aber dafür sind sie so erhaben und zugleich so tief, daß nach einem Ausdruck Wagners im „Faust“ der ganze Himmel zu dem glücklichen Finder niedersteigt. Dieser bescheidene, prunklose Vortrag und der Mangel an blendenden Lichtern weckt unwillkürlich unser Mitleid; sie sind der Grund, warum Müller so wenig bekannt oder besser gesagt nicht so bekannt ist, wie er es verdient. Nur solche Menschen, die tief durchdrungen von der Idee der Geschichte und einer edleren Bildung fähig sind, können ihn ganz verstehen; den übrigen erscheint er unbedeutend und oberflächlich.

Herder vertritt eine ganz andere Art der Geschichtsauffassung. Er betrachtet alles mit geistigen Augen. Bei ihm verschlingt die Macht der Idee völlig die greifbare Form. Stets sieht er einen Menschen als Vertreter der ganzen Menschheit an. Er forscht tief und begeistert gleich einem Brahmanen der Natur — wie man ihn in Deutschland zu nennen pflegt. Bei ihm werden die Ereignisse bedeutender durch ihre Gruppierung, all seine Gedanken sind erhaben, tiefsinnig und weltumspannend. Sie erscheinen bei ihm nur selten in Beziehung zu der sichtbaren Natur und steigen gleichsam unmittelbar aus ihrem reinen Feuer empor. Daher fehlt es ihnen auch an historischer Greifbarkeit und Plastik. Wenn ein Ereignis riesengroß ist und eine Idee einschließt — dann entfaltet es sich bei ihm mit all seinen geheimsten Nebenwirkungen; aber wenn es zu nah mit dem Leben und der Praxis in Berührung kommt, dann mangelt es ihm am bestimmten Kolorit. Wenn er sich herabläßt, einzelne Persönlichkeiten oder die Lenker der Geschichte zu schildern, dann erscheinen sie bei ihm lange nicht so deutlich wie die allgemeinen Gruppen und sie nehmen eine zu allgemeine Physiognomie an; sie sind entweder ganz gut oder ganz böse; alle die zahllosen Schattierungen der Charaktere, alle Verquickung und Mannigfaltigkeit der Eigenschaften, deren Erkenntnis nur einem Forscher zuteil wird, der die Menschen mit Mißtrauen betrachtet, alle diese Abstufungen verschwinden völlig bei ihm. Er ist unendlich weise in der Erforschung des idealen Menschen und der Menschheit, aber ein Kind in der Erkenntnis des wirklichen Menschen, und dies ist nur natürlich —, da ein Weiser immer groß ist in seinen Gedanken und unwissend in den Kleinigkeiten, die das Leben ausfüllen. Als Dichter steht er weit höher als Schlözer und Müller. Aber gerade weil er Poet ist, so erschafft und erarbeitet er alles in seinem Innern in seinem einsamen Arbeitszimmer; ganz ergriffen von einer höheren Offenbarung, wählte er stets nur das Schöne und Große, weil das nun einmal der Natur seiner erhabenen, reinen Seele entspricht. Aber das Hohe und Schöne reißt sich manches Mal von dem niedren und verachteten Leben los oder wird durch den Druck jener zahllosen und verschiedenartigen Erscheinungen, die soviel Buntheit in das menschliche Leben hineinbringen und deren Erkenntnis nur selten dem weltabgewandten Weisen zufällt, hervorgerufen. Sein Stil zeichnet sich vor dem der anderen durch Bilderreichtum und breite Pinselführung aus, er ist eben Dichter und hebt sich daher deutlich von dem ewig ruhigen und bedächtigen Müller, diesem Philosophen und Gesetzgeber, sowie von dem fast immer schroffen und unzufriedenen kritischen Philosophen Schlözer ab.

Mir scheint, wenn man Herders tiefe Schlüsse, die bis in die fernsten Anfänge der Menschheit reichen, mit dem schnellen, feurigen Blick Schlözers und der erfinderischen, weltgewandten Weisheit Müllers vereinigen könnte, dann hätten wir erst einen Historiker, der da fähig wäre, eine Weltgeschichte zu schreiben. Und doch würde ihm noch manches dazu fehlen; es würde ihm noch an jener dramatischen Kraft mangeln, die wir weder bei Schlözer, noch bei Müller, noch auch bei Herder finden. Ich verstehe unter dem Wort „dramatische Kraft“ nicht die Kunst, die darin besteht, einen guten Dialog zu führen, sondern die Fähigkeit, einem ganzen Werke jenen mitreißenden Schwung und jenes dramatische Interesse mitzuteilen, das manche von Schillers historischen Fragmenten, besonders die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ausströmen und das fast jedes einfache Geschehnis auszeichnet. Doch zu allem Genannten möchte ich noch gern das Anziehende der Erzählergabe eines Walter Scott und seinen starken Sinn für alle feinen Nuancen hinzufügen. Nehmen wir dann noch Shakespeares Talent für die Entwicklung großer Charaktereigenschaften in den engsten Grenzen hinzu, dann, will es mir scheinen, hätten wir einen Historiker, wie er für eine Darstellung der Weltgeschichte erforderlich ist. Bis dahin aber werden Müller, Schlözer und Herder noch lange unsere großen Wegweiser bleiben. Sie haben viel, sehr viel Licht in die Weltgeschichte gebracht. Und wenn wir heute schon ein paar beachtenswerte geschichtliche Werke besitzen, so verdanken wir diese ihnen allein.

1832.

III
Der Newsky-Prospekt

Es gibt in Petersburg nichts Schöneres als den Newsky-Prospekt; für Petersburg wenigstens bedeutet er alles! Gibt es einen Vorzug, der dieser Schönen unter den Straßen, dieser Zierde unserer Hauptstadt, fehlte! Ich bin überzeugt, daß kein einziger von den blassen Beamten, die ihre Einwohnerschaft bilden, den Newsky-Prospekt — auch nicht für alle Herrlichkeiten der Welt — eintauschen würde. Sie alle sind ganz begeistert für den Newsky-Prospekt; nicht nur die Fünfundzwanzigjährigen, die prachtvolle Schnurrbärte und einen wundervoll sitzenden Rock tragen, nein, auch jene, denen schon weiße Haare ums Kinn sprießen, und deren Köpfe glatt sind wie silberne Schüsseln. Und erst die Damen! Oh! die Damen schwärmen noch viel mehr für den Newsky-Prospekt. Wem kann er denn auch nicht gefallen! Sobald man nur auf die Straße heraustritt, so erfaßt einen schon eine Feiertagsstimmung. Selbst wenn man etwas sehr Wichtiges vorhat, so vergißt man sicherlich sein Geschäft, sobald man den Newsky betritt. Dies ist der einzige Ort, wo die Menschen erscheinen, nicht, weil sie dort sein müssen, und wo sie weder die Notwendigkeit noch das Geschäftsinteresse hintreiben, die doch sonst ganz Petersburg gefangen halten. Es kommt einem so vor, als sei der Mensch, der einem auf dem Newsky begegnet, weniger egoistisch als der auf der Morskaja, der Gorochowaja, Liteinji, Meschtschanskaja und den anderen Straßen, wo der Geiz, die Habsucht und Geschäftigkeit auf allen Gesichtern ausgeprägt ist, die man vorbeikommen oder in Wagen und Droschken einherjagen sieht. Der Newsky ist der wichtigste Verkehrspunkt Petersburgs, wo alles sich begegnet. Der Bewohner der Petersburger oder der Wiborger Seite, der seinen Freund auf Peski oder am Moskauer Tor schon seit vielen Jahren nicht mehr besucht hat, kann ganz sicher sein, ihn hier zu treffen. Kein Adreßbuch und keine Auskunftsstelle kann einem so zuverlässige Nachrichten vermitteln, wie der Newsky-Prospekt. Der Newsky-Prospekt ist allmächtig. Er bildet die einzige Zerstreuung für das an Spaziergängen so arme Petersburg. Wie ist sein Trottoir so rein gefegt und, o Gott! wie viele Füße haben ihre Spuren auf ihm hinterlassen! Der plumpe, schmutzige Stiefel des verabschiedeten Soldaten, unter dessen Wucht scheinbar jeder Granitblock bersten müßte, der kleine, an Leichtigkeit einer Rauchwolke vergleichbare Schuh der jungen Dame, die ihr zierliches Köpfchen nach den glänzenden Ladenfenstern hinwendet, wie die Sonnenblume ihr Antlitz der Sonne zukehrt, und der rasselnde Säbel des hoffnungsvollen Leutnants, der eine tiefe Furche in das Pflaster gräbt — hier tritt alles zutage: die Gewalt der Kraft, wie die Macht der Schwäche. Welch schnelles phantastisches Spiel rollt sich im Lauf eines einzigen Tages hier ab! Wie viele Veränderungen erlebt er im Lauf von vierundzwanzig Stunden! Fangen wir mit dem frühen Morgen an, wenn ganz Petersburg nach heißem, frischgebackenem Brot riecht, und von alten Weibern in zerlumpten Kleidern und Mänteln angefüllt ist, die ihre Streifzüge durch die Kirchen beginnen und die weichherzigen Fußgänger überfallen. Ein wenig später ist der Newsky wieder ganz leer: noch liegen die wohlgenährten Ladenbesitzer und Kommis in ihren holländischen Hemden da und schlafen oder sie seifen ihre ehrwürdigen Backen ein und trinken ihren Kaffee; vor den Türen der Zuckerbäcker versammeln sich Bettler, und der schlaftrunkene Ganymed, der gestern noch gleich einer Fliege mit seiner Schokolade herumschwirrte, kriecht ohne Halsbinde und mit einem Besen in der Hand hervor und wirft ihnen altgebackene Kuchen und Brotreste zu. Auf der Straße trabt arbeitendes Volk einher, manches Mal überschreitet ein Haufen russischer Bauern, die zur Arbeit eilen, den Newsky; ihre Stiefel sind ganz mit Kalk beschmiert, und selbst der Katharinenkanal, der wegen seiner Sauberkeit bekannt ist, wäre nicht imstande, sie rein zu waschen. Um diese Zeit würde ich keiner Dame raten, dort spazierenzugehen, da das russische Volk sich solcher Ausdrücke zu bedienen pflegt, die sie wahrscheinlich nicht einmal im Theater zu hören bekäme. Manches Mal begegnet man auch einem schläfrigen Beamten mit einem Portefeuille unter dem Arm, wenn ihn der Weg nach dem Departement zufällig über den Newsky führt. Man kann wohl sagen, daß um diese Zeit d. h. bis 12 Uhr der Newsky für alle nur ein Mittel und nicht das eigentliche Ziel ist; er füllt sich allmählich mit Leuten, die sich durchaus nicht um ihn kümmern und nur an ihre Beschäftigung, ihre Sorgen und ihren Verdruß denken. Ein russischer Bauer läßt sich über ein Zehnkopekenstück oder gar über eine Kupfermünze im Werte von sieben Kopeken aus, Männer und alte Weiber gestikulieren mit den Händen oder halten Selbstgespräche, wobei sie mitunter recht bezeichnende Gesten machen, aber niemand hört auf sie oder lacht über sie, abgesehen etwa von ein Paar Jungen in buntgestreiften Kitteln mit leeren Flaschen oder neuen Stiefeln in den Händen, die wie ein Blitz auf dem Newsky hin und her schwirren. Um diese Zeit wird niemand darauf achten, wie Sie angezogen sind, selbst wenn Sie statt eines Hutes eine Mütze auf dem Kopfe hätten oder wenn Ihr Kragen aus ihrer Halsbinde hervorkröche.

Um 12 Uhr machen die Gouverneure und Erzieher aller Nationalitäten mit ihren Zöglingen, die Batistkragen tragen, ihren obligaten Spaziergang. Die englischen Johns und die französischen Hähne gehen Arm in Arm mit den ihrer väterlichen Obhut anvertrauten Zöglingen auf und ab und erklären ihnen voller Anstand und Würde, die Schilder seien deshalb über den Kaufläden angebracht, damit man von ihnen ablesen könne, was in einem jeden Laden zu haben sei. Zahlreiche Gouvernanten, blasse Misses und rosige Mademoiselles gehen wichtig hinter leichtfüßigen, koketten Fräuleins einher und schärfen ihnen ein, die linke Schulter höher zu ziehen und sich einer besseren Haltung zu befleißigen, kurz gesagt: um diese Zeit trägt der Newsky-Prospekt einen pädagogischen Charakter.

Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrückt, um so mehr verringert sich die Zahl der Pädagogen, Gouvernanten und Kinder und schließlich werden sie ganz von ihren zärtlichen Vätern verdrängt, die ihre buntgekleideten, nervenschwachen Gefährtinnen am Arme führen. Allmählich gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen häuslichen Angelegenheiten erledigt haben: sie mußten mit ihrem Arzt über das Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase gebildet hatte, mußten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde erkundigen, welch erstere übrigens eine große Begabung an den Tag legten; dann mußten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen Zeitungsartikel über die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen und endlich mußten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den segensreichen Beruf eines Beamten für besondere Aufträge bescherte; auch die schließen sich ihnen an, die in den ausländischen Ämtern dienen und sich durch die Vornehmheit ihrer Beschäftigung und ihrer Manieren auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch für herrliche Ämter und Berufe, wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergnügen, die feinen Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf dem Newsky sieht, strotzt förmlich von Würde und Wohlanständigkeit; die Herren in ihren langen Röcken mit den Händen in den Taschen und die Damen in ihren rosa, weißen oder hellblauen Atlasjacken und ihren koketten Hütchen! hier kann man ganz ungewöhnlichen Backenbärten begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen sammetweichen Backenbärten, die wie Atlas glänzen, und schwarz sind wie der feinste Zobel oder ein Stück Kohle; aber ach! leider gehören diese immer nur Ausländern an. Denen, die in den andern Departements dienen, hat die Vorsehung die schwarzen Bärte versagt, und sie müssen zu ihrem großen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche Schnurrbärte, daß keine Feder und kein Pinsel imstande wären, sie abzuschildern; Schnurrbärte, deren Pflege weitaus die größere Hälfte des Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht und bei Tage sind; Schnurrbärte, die mit den herrlichsten Parfüms und Düften getränkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt werden, die sich der rührendsten Anhänglichkeit ihrer Besitzer erfreuen und die den Neid aller Vorübergehenden erwecken. Hier wird jedermann geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hüten, Kleidern und durch all die bunten und leichten Tücher, denen ihre Besitzerinnen häufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als hätte sich ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblüten erhoben und schwebe nun als leuchtende Wolke über den schwarzen Käfern, die durch das männliche Geschlecht repräsentiert werden. Hier begegnet man solchen Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen, schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so daß man bei einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhöflichen Ellbogen gegen sie anzustoßen; es übermannt einen eine Schüchternheit und eine wahre Angst, daß man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstören könnte. Und was für Frauenärmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei Luftballons, daß man meint, die Dame müßte sich plötzlich in den Äther emporschwingen, wenn der Herr sie nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in die Höhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu setzen. Nirgends begrüßt man sich so würdevoll und so ungezwungen wie auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lächeln begegnen, einem Lächeln, das einzig in seiner Art und über alle Kunst erhaben ist; man möchte mitunter dahinschmelzen vor Vergnügen über solch ein Lächeln; aber es gibt auch ein Lächeln, vor dem man ganz klein wird und zusammenknickt wie ein Grashalm, so daß man das Haupt senkt, und dann gibt es wieder eines, bei dem man sich höher fühlt als der Admiralitätsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hört man mit außergewöhnlichem Anstand und einem hohen Gefühl der eigenen Würde von Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl unergründlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was für sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Füße sehen, und wenn wir vorübergegangen sind, sich umkehren und unsere Frackschöße betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu bedeuten hat. Anfänglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine Spur davon! Gewöhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behörde an die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von Journalen beschäftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags könnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen. Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschönsten Erzeugnisse der Menschheit. Der eine läßt seinen feinen Rock mit dem schönsten Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare Augen und ein reizendes Hütchen, ein fünfter einen Ring mit einem Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trägt, eine sechste einen Fuß in einem entzückenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende Halsbinde, ein achter einen verblüffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr schlägt drei — die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung verödet.