In einer Bucht an dem unbeweglichen Meer erhebt sich das alte Ägypten. Eine Pyramide steht neben der andern; granitene Sphinxe blicken aus grauen Augen; zahllose Stufen führen zu ihnen hinauf. Genährt von dem großen Nil, geschmückt mit geheimnisvollen Zeichen und heiligen Tieren, thront majestätisch das alte Ägypten unbeweglich und wie verzaubert, gleich einer Mumie, die der Verwesung Trotz bietet.
Zahllose unabhängige Kolonien hat das heitere Griechenland um sich herum gegründet. Das Mittelmeer ist mit Inseln übersät, die in grünen Wäldern ertrinken; Oliven, Weinreben und Feigenbäume schaukeln sich mit ihren honiggetränkten Zweigen im Winde; Säulen, weiß wie die Brüste einer Jungfrau, runden sich im üppigen Dunkel der Bäume; der von wundersamem Meißel erweckte Marmor atmet wollüstig und freut sich schamhaft seiner herrlichen Nacktheit; mit Weintrauben geschmückt, Pokale und Thyrsosstäbe in Händen, hält das Volk im geräuschvollen Tanz inne; schlanke, junge Priesterinnen mit wallenden Locken werfen flammende Blicke aus nachtschwarzen Augen. Efeubekränzte Schalmeien, Zimbeln und andere musische Instrumente erklingen. Wie Fliegen schwirren Schiffe um Rhodus und Korkyra und bieten ihre selig geschwellten Fahnen dem Winde dar. Und alles atmet starr und unbeweglich in seiner steinernen Majestät.
Stolz und unermeßlich dehnt sich das eiserne Rom, ein Wald von Lanzen starrt gen Himmel, und in drohendem Glanze leuchten die stählernen Schwerter. Sein gieriges Auge scheint alles verschlingen zu wollen, und weit ausgestreckt ist seine sehnige Rechte. Aber auch Rom liegt unbeweglich da, wie alles rings umher und rührt seine löwenstarken Glieder nicht.
Die Luft des himmlischen Ozeans lastete dumpf und erstickend auf allem. Kein Wellenschlag bewegte das große Mittelmeer, und es war, als wäre das Jüngste Gericht gekommen für die drei Reiche — vor dem Ende der Welt. Da sprach Ägypten, und die schlanken Palmen, die Bewohner seiner Ebenen, schwankten im Winde, und die Obelisken streckten ihre feinen Nadeln noch höher empor: „Hört mich, ihr Völker! Ich allein drang ein in das Geheimnis des Lebens und in das Rätsel des Menschen. Alles ist vergänglich. Gemein ist alle Kunst, armselig jeder Genuß und noch armseliger die Worte und Taten. Der Tod, der Tod herrscht über die Welt und über den Menschen! Der Tod verschlingt alles, und alles lebt für den Tod. Fern, fern ist die Auferstehung! Gibt es denn überhaupt eine Auferstehung? Fort mit den Wünschen, den Genüssen. Armer Mensch! Errichte immer höhere Pyramiden, um dein elendes Dasein wenigstens etwas zu verlängern.“
Und es sprach das heitere Griechenland, das so klar ist wie der Himmel, wie der Morgen und wie die Jugend, und es war, als vernähme man keine Worte sondern Töne einer Schalmei: „Das Leben ward für das Leben geschaffen. Erweitere und bereichere dein Leben, erweitere mit ihm deine Genüsse. Ihm bringe alles zum Opfer dar. Sieh, wie ist alles so plastisch und schön in der Natur, wie ist alles in Eintracht verbunden. In der Welt ist alles enthalten. Alles, auch alles, worüber die Götter gebieten, enthält sie; lern’ es nur finden. Göttlicher, stolzer Gebieter dieser Erde, bekränze dein herrliches Haupt mit Eichenlaub und Lorbeer und genieße dein Leben; fliege hin auf deinem Wagen bei den rauschenden Spielen und lenke kunstvoll die feurigen Rosse. Fern sei deiner freien, stolzen Seele die Habgier und der Neid! Meißel, Palette und Flöte sind geschaffen, die Welt zu beherrschen, sie aber soll sich der Schönheit beugen. Mit Efeu und Weinlaub umwinde deine duftende Stirn und das liebliche Haupt deiner schamhaften Freundin! Das Leben ward für das Leben und für den Genuß geschaffen — lern’ des Genusses würdig sein.“
Und das in Eisen gehüllte Rom klirrte mit dem leuchtenden Walde seiner Lanzen und sprach: „Ich habe des Geheimnis des Menschenlebens ergründet. Die Ruhe ist des Menschen unwürdig, sie richtet ihn zugrunde in seinem eigentlichen Wesen. Kunst und Genuß sind zu gering für seine Seele. Der wahre Genuß liegt in dem gigantischen Wunsche. Verächtlich ist das Leben der Völker und des Einzelnen ohne ruhmreiche Heldentaten. Dürste nach Ruhm, dürste nach Ruhm, o Mensch! Beim betäubenden Lärme der Waffen im Rausch unbeschreiblicher Lust laß auf die Schilde der lanzentragenden Legionen dich heben! Hörst du, wie sich zu deinen Füßen die ganze Welt, wie sich Millionen versammelten und, die Speere schwenkend, in einen einzigen Ruf ausbrechen? Hörst du’s, wie dein Name furchtverbreitend auf den Lippen der fernsten Völker bebt, die am Ende der Welt wohnen? Alles, was dein Blick umfassen kann, erfülle alles mit dem Klang deines Namens! Strebe unablässig weiter, es gibt keine Grenzen weder der Welt noch deiner Wünsche. Furchtbar und streng schreite vorwärts und erweitere deine Weltherrschaft, dann wirst du zuletzt auch den Himmel erobern.“
Und Rom schwieg und heftete seinen Adlerblick auf den Osten. Auch Griechenland wandte seine herrlichen, vom Genuß feuchten Augen nach Osten, und auch Ägypten wandte seine trüben, farblosen Augen dem Orient zu.
Ein steiniges Land; ein verachtetes Volk; ein paar einsame Hütten stehen an nackte Hügel gelehnt, und hie und da nur fällt der spärliche Schatten eines dürren Feigenbaumes auf sie. Hinter einem niedrigen baufälligen Zaun steht eine Eselin. In der Holzkrippe liegt ein Knäblein; die jungfräuliche Mutter steht über es gebeugt und schaut es mit tränenfeuchten Augen an; hoch über der Krippe aber steht ein Stern, und ein herrliches Leuchten erfüllt die Welt.
Die Pyramiden des hieroglyphengeschmückten Ägyptens senkten sich immer tiefer, und Ägypten versank in Träume; unruhig blickte das herrliche Griechenland, Rom senkte die Augen und schaute auf seine eisernen Lanzen; das große Asien mit seinen zahllosen Hirtenvölkern lauschte gespannt, und der Ararat, der Urvater der Erde, beugte seinen Nacken.
1831.