1831.

[Dieser Aufsatz ist vor langer Zeit geschrieben. In den letzten Jahren ist der Geschmack in Europa und besonders in unserem geliebten Rußland besser geworden. Es gibt schon viele Architekten, die unserem Lande Ehre machen. Unter diesen möchte ich Brjulow nennen, dessen Bauten von wahrhaftem Geschmack und echter Originalität erfüllt sind.]

VIII
Al-Mamun
Eine historische Charakteristik

Nie ist ein Fürst während einer solchen Blütezeit seines Reiches zur Herrschaft gelangt, wie Al-Mamun. Das furchterregende Kalifat erhob sich mächtig auf dem klassischen Boden der Alten Welt. Im Osten umfaßte es den ganzen blühenden Südwesten Asiens, Indien mit eingeschlossen; im Westen zog es sich längs den Ufern Afrikas bis nach Gibraltar hin. Seine mächtige Flotte beherrschte das Mittelmeer. Bagdad, die Hauptstadt dieser neuen, wunderbaren Welt, sandte seine Befehle bis in die entlegensten Grenzen seiner Provinzen. Das neu bekehrte Asien strömte in die ausgezeichneten Schulen von Bassor, Nippur und Kufa und reifte nun zu höherer Kultur. Damaskus konnte alle Lüstlinge in seine kostbaren Stoffe hüllen und ganz Europa mit Stahlklingen versorgen; schon dachte der Araber, Mohammeds Paradies auf der Erde zu errichten: er schuf Wasserleitungen, Paläste und ganze Palmenwälder, wo Springbrunnen anmutig spielten und die Wohlgerüche des Orients zum Himmel stiegen. Und doch hatte bei all dem Luxus noch keine der moralischen Krankheiten einer politischen Gesellschaft Zeit gehabt, hier Wurzel zu fassen. Alle Teile dieses großmächtigen Reiches, dieser mohammedanischen Welt, waren eng untereinander verbunden und dieser Zusammenhang wurde durch den Willen des merkwürdigen Harun immer mehr und mehr gefestigt, denn dieser hatte die vielseitigen Fähigkeiten seines Volkes erkannt. Er war weder nur Philosoph auf dem Thron, noch allein Politiker, noch bloß Krieger oder Literat im Kaisermantel. Er vereinigte alles in sich, erstreckte seine Tätigkeit gleichmäßig auf alles und ließ keinen Teil über den andern Oberhand gewinnen. Er impfte seiner Nation nur gerade so viel von der fremdländischen Kultur ein, wie nötig war, um ihre eigene Entwicklung zu fördern. Damals hatten die Araber die Epoche des Fanatismus und der Eroberungen schon hinter sich, waren aber noch immer von Enthusiasmus erfüllt, und die feuersprühenden Seiten des Koran wurden noch mit derselben Begeisterung gelesen und seine Gebote noch ebenso sklavisch befolgt. Harun verstand es, den Gang der Administration und die Regierungsgeschäfte zu beschleunigen und durch die Furcht vor seiner Allgegenwart seinen Befehlen überall Geltung zu verschaffen. Die Statthalter und Emire, die sonst immer darnach strebten, Selbstherrscher und Despoten zu sein, fürchteten sich, dem Blicke des verkleideten Kalifen, dem nichts entging, zu begegnen — und so ging die Regierung ohne Gesetze fest und bestimmt ihren Weg. Unter solchen Umständen trat Al-Mamun die Herrschaft an. Byzanz nannte ihn den hochherzigen Beschützer der Wissenschaft, die Geschichte reihte seinen Namen unter die Wohltäter der Menschheit ein. Dieser Herrscher wollte sein politisches Reich in ein Reich der Musen verwandeln. Er besaß die Lebhaftigkeit und alle Fähigkeiten, die für ein ernstes Studium notwendig waren. Sein Charakter war von einer edlen Vornehmheit, das Streben nach Wahrheit seine Devise. Er war verliebt in die Wissenschaft, und zwar ganz selbstlos, er liebte sie um ihrer selbst willen, ohne an ihren Zweck und ihre Anwendung zu denken. Er gab sich ihr mit einer einseitigen Leidenschaft hin. Damals hatten die Araber erst eben den Aristoteles entdeckt. Ihrer allzu stürmischen, ungeheuren orientalischen Phantasie mußte der allumfassende, scharf denkende, griechische Philosoph fremd bleiben, aber die arabischen Gelehrten, die schon seit langer Zeit an mühsame Arbeit und schon an die Exaktheit und das formale Denken gewöhnt waren, gaben sich mit einem wissenschaftlichen Feuereifer dem Studium hin. Diese endlosen Schlüsse, diese die Ordnung dessen, was sie in ihren Seelen früher nur teilweise und wie durch ein Aufleuchten empfunden hatten, seine Erhebung zur Evidenz, das alles mußte die damaligen Gelehrten bezaubern. Al-Mamun, der unter ihrem Einfluß erzogen wurde, war von einem wahren Hunger nach Kultur erfüllt und gab sich alle erdenkliche Mühe, diese bis dahin unbekannte griechische Welt in sein Reich einzuführen. Bagdad breitete seine Arme freundschaftlich der ganzen gelehrten Welt seiner Zeit entgegen. Die Gnade des Kalifen stand jedem offen, der irgendeinem Beruf angehörte, er mochte die Religion bekennen, die er wollte, und von noch so entgegengesetzten Prinzipien erfüllt sein. Es war nur natürlich, daß vor allem die Männer ihr Wissen nach Bagdad trugen, die in ihren Seelen noch das Bild des in christliche Formen gekleideten Polytheismus trugen, die bereit waren, mit ihrem Herzblut Ammonius Saccas, Plotin und die anderen Bekenner des Neuplatonismus zu verteidigen und die in dem nur zu sehr mit dem Streit um die verschiedenen christlichen Dogmen beschäftigten Byzanz kein Feld für ihre gelehrten Turniere fanden. Bagdad verwandelte sich in eine Republik der mannigfaltigsten Fakultäten, Wissenschaften und Meinungen. Der königliche Araber versenkte sich aufmerksam in die betäubende Musik dieser gelehrten Disputationen und Spitzfindigkeiten. Die höheren Staatsbeamten konnten sich dem Beispiel ihres Herrschers nicht entziehen, und alle höheren Schichten des Reiches wurden von einer Art literarischer Monomanie ergriffen. Die Wesire und Emire versuchten ihrerseits, allerhand gelehrte Fremde an ihren Hof zu ziehen. Es ist selbstverständlich, daß die Administration damit in den Hintergrund gerückt wurde, daß die Würdenträger vieles, was zur Regierung gehörte, dem Gutdünken ihrer Sekretäre oder Günstlinge überließen, daß diese Günstlinge häufig ganz ungebildet waren und ihre Stellung oft nur durch Intrigen erklommen, und daß dies alles nicht ohne Einfluß auf das Volk bleiben und mit der Zeit auf die Regierenden selbst zurückfallen mußte. Die große Zahl theoretischer Philosophen und Dichter, die hohe Regierungsposten einnahmen, ließ im Lande keine starke Regierung aufkommen. Ihre Sphäre liegt ganz wo anders; sie erfreuen sich des allerhöchsten Schutzes und gehen ruhig ihren Weg. Nur die wenigen großen Dichter machen hierin eine Ausnahme, wenn sie den Philosophen, den Poeten und den Historiker in sich vereinigen, sie, die die Natur und den Menschen ergründen, in die Vergangenheit dringen und die Zukunft voraussehen, und deren Worten das ganze Volk lauscht. Sie sind Hohepriester. Kluge Herrscher ehren sie durch ihren Verkehr, behüten ihr kostbares Leben und fürchten sich, dieses Leben durch Beteiligung an der so vielseitigen Tätigkeit des Regierens zu unterdrücken. Sie werden nur bei äußerst wichtigen Ministerräten hinzugezogen, da sie bis in die Tiefe des menschlichen Herzens dringen.

Der edle Al-Mamun hatte den aufrichtigen Wunsch, seine Untertanen glücklich zu machen. Er wußte, daß die Wissenschaften, die die Entwicklung der Menschen fördern, das beste Mittel, der treuste Führer zum Ziel seien. Mit aller Gewalt zwang er seine Untertanen, die von ihm eingeführte Kultur anzunehmen. Aber die Aufklärung, die Al-Mamun zu verbreiten bestrebt war, entsprach am wenigsten dem angebotenen Charakter und der angeborenen Phantasie der Araber. Die wenig kraftvollen Prinzipien des Polytheismus, die sich in ein bloßes Wortspiel verwandelt hatten, die frechen Verstümmelungen christlicher Ideen, die ein so seltsames Licht auf die Wissenschaft jener Zeit warfen, die sich nicht mit dieser verschmolzen, und man kann wohl sagen, sie durch ihr Übergewicht vernichteten, bildeten einen krassen Kontrast zu der feurigen Natur der Araber, deren Phantasie die nüchternen Schlüsse des kalten Verstandes nur allzusehr unterdrückte. Dieses Volk ging nicht, nein, es flog förmlich seinem Entwicklungsziele entgegen. Sein Genius offenbarte sich plötzlich und gleichzeitig im Kriege, im Handel, in den Künsten, in der Manufaktur und in der üppigen Poesie des Orients. Seine reichen Gaben, wie ähnliche in der Geschichte der Menschheit noch niemals dagewesen waren, entfalteten sich reich, strahlend, eigenartig und in höchster Orginalität. Es schien fast, als sollte dieses Volk sich zu einer Nation von höchster Vollkommenheit entwickeln. Aber Al-Mamun verstand es nicht! Er beachtete die große Wahrheit nicht, daß die Bildung aus dem Volke selbst kommen muß, daß eine aufgepfropfte Kultur nur insoweit angeeignet werden darf, als sie die eigene Entwicklung fördert, daß aber die Entwicklung eines Volkes nur aus den eigenen nationalen Elementen hervorgehen kann. Für die Araber aber wurde ihr Betätigungsfeld durch diese unfruchtbare fremdländische Kultur nur versperrt. Der Kosmopolitismus Al-Mamuns, der allen Gelehrten aller Parteien den Eintritt in sein Reich gestattete, ging fast gar zu weit. Die Privilegien, die den Christen im Reiche zuteil wurden, mußten notwendig den Haß der eigenen Untertanen erwecken und hatten selbst die Verachtung nützlicher Einrichtungen zur Folge, — ja, das Volk verlor sogar allmählich die Liebe zu seinem Herrscher. In seinen Regierungsmaßregeln war Al-Mamun mehr theoretischer als praktischer Philosoph, der doch ein Herrscher vor allem sein müßte. Er kannte das Leben seines Volkes aus Beschreibungen und Erzählungen anderer und nicht aus eigener Anschauung wie der große Harun, der es persönlich studiert hatte. Bei den asiatischen Regierungsformen, die keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ganze Verwaltung auf den Schultern des Monarchen selbst, und daher muß seine Tätigkeit eine außergewöhnlich intensive, muß seine Aufmerksamkeit beständig gespannt sein; er darf niemand vertrauen, und sein Auge muß die Vielseitigkeit eines Argus haben; es braucht nur einen Augenblick einzuschlafen, und die mit seinen Vollmachten ausgestatteten Statthalter lehnen sich auf, und das Reich ist von einer Million Despoten erfüllt.

Al-Mamun aber lebte in seinem Bagdad wie in einem Musenreich, das er sich selbst geschaffen hatte und das ganz von der politischen Welt getrennt war. Die Christen, die allmählich auch anfingen, sich in die Verwaltung einzumengen, konnten den Volksgeist und die Landessitten nicht kennen lernen. Außerdem war der fremde Glaube den Arabern, die noch an ihrem Enthusiasmus und ihrer Unduldsamkeit festhielten, unerträglich. Und während der Name Al-Mamuns auf den Lippen aller damaliger Gelehrten schwebte und seine Gastfreundschaft buntbeflaggte Schiffe an die syrische Küste lockte, wurde seine Macht im Innern des Reiches immer schwächer und schwächer. Die Bewohner der Provinzen, die ihren Kalifen nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, schätzten seinen Namen nur wenig. Die militärischen Kräfte nahmen immer mehr ab. Die Kultur, die ihren Ausgangspunkt gewöhnlich von Bagdad, dem Zentrum des Reiches, nahm, verringerte sich und erlosch immer mehr, je mehr sie sich den fernen Grenzen näherte. In den Grenzländern hatte sich der Kulturzustand der Araber noch auf dem Niveau seiner ersten Periode erhalten, hier standen noch von Fanatismus erfüllte Truppen, die jederzeit bereit waren, den Glauben Mohammeds mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Die mächtigen Emire, die bald die unzureichende Verbindung mit Bagdad erkannten, träumten von der Unabhängigkeit, und Al-Mamun mußte noch während seiner Regierung den Abfall Persiens, Indiens und der entlegenen Provinzen Afrikas erleben. Aber vielleicht wäre diese falsche Richtung der Verwaltung noch ein Übel gewesen, das wieder gutzumachen war, wenn Al-Mamun seine Wahrheitsliebe nicht zu weit getrieben hätte. Er wollte der religiöse Reformator seiner Nation werden. Er besaß einen rein theoretischen Verstand, war über jeglichen Aberglauben und alle Vorurteile erhaben, auch war er genauer über einige christliche Dogmen unterrichtet, als seine Vorgänger, und so konnte er seine Augen nicht gegen die zahllosen Widersprüche und den blühenden Unsinn, die in den Verordnungen des fanatischen Schöpfers des Korans überall zum Ausdrucke kommen, verschließen. Er entschloß sich, das heilige Buch Mohammeds zu reinigen und zu reformieren, und das in einer Zeit, als noch alle niederen Regierungsbeamten sowie der ganze Pöbel davon überzeugt waren, daß das Buch vom Himmel stamme, und wo der Zweifel an dem allergeringsten Gebote schon für das größte Verbrechen galt. Der halbgriechischen Denkungsweise Al-Mamuns war der völlig blinde Enthusiasmus seiner Untertanen ganz fremd. Die Unterdrückung des Fanatismus hielt er für den ersten Schritt zur Kultur seines Volkes — und doch bildete dieser Fanatismus das ganze Sein des arabischen Volkes; diesen Fanatismus, dem er seine ganze Entwicklung und seine glänzende Epoche verdankte, zu zerstören, hieß den politischen Bestand des ganzen Reiches untergraben. Al-Mamun erschien das Paradies Mohammeds, in das der Araber sein ganzes sinnliches Leben, dieses nur für den Genuß und für die Wollust bestimmte Leben, hineintrug, als der Gipfel der Torheit. Aber er ließ dabei außer acht, daß diese Gebote ein Produkt des glühenden, arabischen Klimas, des feurigen Temperaments des Arabers waren, daß dies Paradies für den Mohammedaner die große Oase inmitten der Wüste seines Lebens war, daß nur die Hoffnung auf dies Paradies es dem so sinnenfrohen Araber ermöglichte, alle Armut und Unterdrückung zu ertragen und, beim Anblick des in Luxus förmlich versinkenden Sybariten den Neid in seiner Seele zu bekämpfen. Der Gedanke, daß auch er einmal von Huris umringt, in einem Luxus schwelgen werde, der die Pracht aller irdischen Machthaber weit übertrifft, war wohl nur einer Sinnlichkeit und einer blühenden Phantasie faßbar, wie sie die Natur den Arabern verliehen hatte. Und vielleicht hätte sich der Glaube dieses Volkes erst im Verlauf der ferneren Entwicklung ohne allzu empfindliche Störungen reinigen lassen; Al-Mamun aber hatte kein Verständnis für die asiatische Natur seiner Untertanen.

Man kann sich den Grad der Empörung in den zahllosen Schichten des Volkes vorstellen, als das Gerücht von den Neuerungen des Kalifen sich verbreitete. Wie mußte sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen schon allein wegen der Förderung der christlichen Religion und seiner Vorliebe für die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei anklagte? Die rohe Masse der alten strenggläubigen Bekenner des Koran zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die früheren Nomadenvölker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte — sondern einen oppositionellen Fanatismus, — einen Fanatismus, der die Massen auseinanderriß, der Zank und Streit bis in die innersten Gründe des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrührte, der den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner des Islams drückte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen ließ, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange, zur Zeit der Kreuzzüge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des Reiches ausbrachen, inmitten der Empörung und des Parteienzwists starb der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche Mittel für Schulen, Werkstätten und für die Kunst ausgestreut und mit der anderen seine unbotmäßigen, fanatischen Untertanen gezüchtigt hatte — er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller Aufopferungsfähigkeit und seiner außergewöhnlichen Liebe zu den Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewußten Ursachen wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten.

Arabesken
Zweiter Teil

I
Das Leben

Ein armer Wüstensohn hatte einen Traum: Still liegt das große Mittelländische Meer und breitet sich aus in unendliche Fernen, und von drei verschiedenen Seiten blicken nach ihm hin die glühenden Küsten Afrikas mit ihren schlanken Palmen, die nackten syrischen Wüsten und die vom Meer zerklüfteten, dichtbevölkerten Küsten Europas.