Man werfe einen Blick auf diesen massiven, majestätischen Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) der Indier, der seiner Größe nach wohl eins der bedeutendsten Gebäude darstellt. Diese pyramidenförmige Verjüngung der Masse nach oben, dieses allmähliche Kleinerwerden der Stockwerke, diese Unzahl indischer Säulengänge, die die Mauern umkleiden, diese übereinander getürmten Pilaster und Säulen, die den Eindruck machen, als klömmen sie aneinander hinauf, nur um so schnell wie möglich den Gipfel des ganzen Massivs zu erreichen — das alles ist das Erzeugnis eines ganz eigenartigen Geschmacks. Aber wenn der Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) allzu schwerfällig ist und einen allzu heidnischen Charakter hat, so sehe man sich den wunderbaren Kutub-Minar an, dessen sich Dehli mit Recht rühmt. Ich kenne in der ganzen Welt keinen zweiten Turm, der bei einer fast attischen Schlichtheit so viel tiefe Schönheit ausströmte und in dem die Phantasie sich so rein und erhaben verkörperte. Wenn wir uns diesen Stil auch nicht vollkommen aneignen können, so könnten die Europäer doch mit Nutzen dieses pyramidale, kegelförmige Streben nach oben, diese charakteristische Eigentümlichkeit des indischen Stils bei ihren Bauten in Anwendung bringen.

Der orientalische Stil der Paläste ist ganz entgegengesetzter Art. Hier herrscht die asiatische Pracht vor. Das Gebäude dehnt sich stark in die Breite aus. Die gewaltige orientalische Kuppel ist entweder ganz rund oder sie wölbt sich wie eine wollüstige umgestülpte Vase; sie hat die Form einer Kugel oder sie beherrscht, reich beladen mit Schmuck und mit Schnitzwerk versehen, wie eine prunkvolle Mitra patriarchalisch das ganze Gebäude. Unten am Fuße friedigt ein ganzes Gehege von kleinen Kuppeln wie ein Reigen demütiger Sklaven die mächtigen Mauern ein. Auf allen Seiten erheben sich schmale Minarets, die durch ihre leichte, heitere Haltung einen wunderbaren Kontrast zu der gewichtigen majestätischen Form des ganzen Gebäudes bilden. So ruht der Mohammedaner in seinem weiten gold- und edelsteingeschmückten Gewande inmitten schlanker nackter Huris mit ihren blendend weißen Leibern.

Nirgends hat die Baukunst so verschiedene Formen angenommen wie im Orient. Man kann wohl sagen, daß hier jedes Gebäude ohne Rücksicht auf schon vorhandene Stilformen seine eigene Architektur ausbildete, oder richtiger, es entsprang aus ganz neuen Voraussetzungen, aus der Ahnung eines eigenen Stilgefühls, das mit den früheren nur eine entfernte Ähnlichkeit hatte und stets auf religiösen und nationalen Prinzipien beruhte. Ganz Indien ist mit herrlichen Bauten übersät; jeder Bau hat eine scharf ausgeprägte Eigenart, er trägt in so hohem Grade den Stempel seines eigenen Wesens, daß man ihn nie in einer gemeinsamen Kategorie mit den anderen unterbringen kann. Diese Unzahl mannigfaltigster Kuppelformen, die einander nie gleichen, diese Ornamente und Zieraten, die immer neu und immer voneinander verschieden sind — alles spricht von einer wunderbaren Phantasie, die sich niemals durch irgendwelche Regeln in Fessel schlagen ließ. Übrigens lag der Grund dieser Mannigfaltigkeit vielleicht in den zahllosen Sekten, die Indien erfüllten und eine ewige Opposition, eine beständige Reizsamkeit der Einbildungskraft zur Folge hatten. Aber von noch herrlicherer Pracht erfüllt, wie sie nur die orientalische Natur ausströmt, sind die Gebäude, die durch den arabischen Stil beeinflußt wurden. In Asien fand während jener verheerenden Zusammenstöße alter und neuer Völker, besonders aber derer, die den Islam bekannten, eine außerordentlich starke Vermischung der Stilarten statt, die besonders kühne Abweichungen zur Folge hatte. Aber niemals und nirgends hat sich die Kühnheit mit einer so wundersamen Pracht verbunden wie bei den Arabern; sie entnahmen der Natur alles, was sie an edelster Schönheit in sich birgt. Ihre Architektur hat nichts von dem Charakter undurchdringlicher Wälder; sie besteht ganz aus Blumen; sie ist mit Blumen geschmückt, sie ertrinkt in einem Meer von herrlichen üppigen Blüten, wie sie das zarte anmutige Tal Kaschmirs übersäen. Ihre geschnitzten Säulen sind mit Tulpen umwunden, ihr Schnitzwerk stellt Vergißmeinnicht, vierblätterige Blüten oder sich entfaltende Rosen dar. Ihre Galerien gleichen Palmenhainen, deren Wipfel sich zu Hallen wölben; alles verrät ihre außerordentliche Prachtliebe und ihren blühenden Geschmack. Diese Architektur scheint wie geschaffen für ein Leben, das dem Genuß geweiht ist, und für heitere, helle Wohnstätten der Menschen. Alles Finstere und Düstere ist hier restlos ausgestoßen. Jeder Baum ist so wunderbar und von einem zauberischen Reiz wie eine orientalische Schöne mit ihren schwarzen Augen, die wie Blitze funkeln, mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide.

Die orientalische Architektur weist etwas auf, was die Europäer noch niemals angewendet haben; das sind ihre Säulen, die nicht glatt, sondern vom Sockel bis zum Kapitäl mit bunten Zieraten versehen sind. Mitunter sind diese Säulen ganz durchbrochen und filigranartig: das Schnitzwerk durchdringt sie vollständig. Es ist dies die wundersamste Erfindung des orientalischen Geschmacks. Ein solcher Bau mag noch so massiv sein, die Säulen lassen ihn trotzdem beinah ätherisch erscheinen. Man könnte sich fragen, warum sollen wir diesen Stil nicht auch auf unsern Boden verpflanzen? Aber der Geist und der Geschmack des Menschen ist ein seltsames Ding: ehe er die Wahrheit erreicht, macht er so viele Umwege, begeht er so viel Torheiten, Verkehrtheiten und Sinnlosigkeiten, daß er sich nachher selbst über seinen Unverstand wundert. Europa hat sich um all diese Baudenkmäler nicht einmal gekümmert. Nur der Stil der Chinesen, den man wohl als den allerarmseligsten und kleinlichsten unter den Stilgattungen der orientalischen Völker bezeichnen kann, wurde gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts durch einen seltsamen Zufall zu uns herübergetragen. Es war noch gut, daß die Europäer ihn nach ihrer Gewohnheit sogleich beim Bau von kleinen Brücken, bei Pavillons, Vasen und Kaminen nachahmten, und daß es ihnen nicht in den Sinn kam, ihn bei großen Bauten anzuwenden. In der Tat hatte dieser Stil manche Vorzüge bei kleinen Nippessachen, weil die Europäer ihn sofort in ihrem Geiste vervollkommneten und ihm eine Anmut verliehen, die er an und für sich gar nicht besitzt. Fehlt es doch auch dem Volk, das ihn hervorbrachte, trotz seiner hohen Bildung, völlig an Energie.

Es gibt noch eine Stilart, die sich grundsätzlich von allen bisher erwähnten unterscheidet; es ist dies die Architektur der indischen und ägyptischen Katakomben, bei denen diese zwei Völker in so wundersamer Weise zusammentrafen und so Anlaß dazu gaben, eine ursprüngliche Verwandtschaft zwischen beiden anzunehmen. Ihr Hauptmerkmal ist ihre Schwere; hier vereinigt sich alles zu einer plumpen Masse, zu einem Klumpen. Das Gebäude ruht gewichtig, wie auf Elefantenfüßen, auf kurzen schweren Säulen, deren Dicke fast ebenso bedeutend ist, wie ihre Höhe. Hier kommt die Breite und die Masse zur absoluten Herrschaft. Es ist, als ob das ganze Gewicht der Erde in ihr zur Darstellung käme, der Erde in deren Innerem sich ihre plumpe Majestät versteckt. Das, was bei andern Stilarten ein Fehler ist, wird hier zu einem Vorzug. Diese unterirdische Architektur hat auch etwas Erhabenes, obwohl sie ganz andere Gedanken anregt. Hier wirkt das Gewicht nicht häßlich, sondern großartig, weil es die Grundidee des ganzen Gebäudes darstellt. Wenn sich ein Künstler die Aufgabe stellt, etwas Massives und Schweres zu schaffen, und wenn es ihm gelingt, so ist sein Werk sicherlich gut. Aber wenn er die Absicht hatte, etwas Schwerfälliges hervorzubringen, und etwas produziert, was gar nicht schwerfällig wirkt, oder umgekehrt, wenn er etwas Leichtes hervorbringen will, und statt dessen etwas erzeugt, was schwerfällig wirkt, so ist das auf jeden Fall vom Übel. Nachdem man die Erde von diesen unterirdischen Bauten entfernt hatte, und diese nun im Lichte der Sonne dastanden, boten sie immer einen seltsamen und zugleich furchterregenden Anblick dar. Es schien fast, als ließe die Erde plötzlich ihr tiefstes Innere sehn, und als läge die Finsternis plötzlich von grellem Lichte beleuchtet da — diese Finsternis, die nur vom Lichte erhellt, nicht aber von ihm vertrieben wird, wie eine ägyptische Urne oder der Kopf eines Toten auf einer festlich geschmückten Tafel. Mir scheint, man tat unrecht, diese Architektur unter die Erde zu verbannen: wenn wir sie plötzlich inmitten heiterer, leichtgebauter Häuser erblicken, kann sie ihren Eindruck auf uns nicht verfehlen, ja, sie wird sicherlich einen starken Effekt hervorbringen. Ein einziges solches Gebäude inmitten einer stark bevölkerten Stadt würde sicherlich wundervoll wirken, aber nur eins und nicht mehr. Bei Bauten dieser Art bestehen die Teile aus schweren Massen, aber bei alledem sind ihre Verhältnisse von einer inneren, wenn auch beinahe schrecklichen Harmonie erfüllt. Und etwas Vollendetes in diesem Stile zu leisten, ist sicherlich nicht ganz leicht.

Die sich über dem Erdboden erhebenden Bauten der Ägypter weisen einen ganz anderen Charakter auf; sie sind gleichfalls massiv, zugleich aber sind höchste Anmut und Schlichtheit zwei Züge, die man nie an ihnen vermissen wird. Ihren Grundcharakter aber bilden ihre kolossalen Dimensionen. Je glatter, je weniger gegliedert und mit auffallenden Verzierungen versehen sie sind, um so besser. Aber man wende sie nur nicht bei kleinen Brücken an, ohne ihre ungeheuren Dimensionen ist diese Architektur weniger als gar nichts. Ich wiederhole noch einmal: jeder Stil ist schön, wenn all seine Voraussetzungen erfüllt und wenn er in strengem Einklang mit seiner Bestimmung gewählt und durchgeführt ist. Ohne diese wohlmeinende und unparteiische Toleranz kann es keine wahrhaften Talente noch auch wirklich großartige Werke geben. Fort mit dieser Scholastik, die jedem Gebäude das gleiche Maß vorschreibt und verlangt, daß alles in demselben Geschmack gebaut werde! Eine Stadt muß aus den verschiedensten Massen bestehen, wenn wir verlangen, daß sie unseren Augen eine Freude sein soll. Mögen sich in ihr die verschiedensten Stilarten vereinigen. Mag sich doch in derselben Straße ein finsteres gotisches Gebäude, ein mit üppigem Zierat geschmückter orientalischer Palast, ein kolossaler ägyptischer Bau und ein von anmutiger Harmonie erfülltes griechisches Haus erheben! Da mögen die leicht gewölbte milchfarbene Kuppel, die andächtige, ins Grenzenlose ragende Turmspitze, die orientalische Mitra, das abgeplattete italienische und das hohe, mit Figuren geschmückte flämische Dach, die vierkantige Pyramide, die runde Säule und der eckige Obelisk uns entgegentreten. Die Häuser dürfen so wenig wie möglich zu einer kompakten einförmigen Mauer verschmelzen, sondern sich bald hoch emporrecken und bald wieder tiefer herabsinken. Türme von verschiedenstem Stil sollen das Straßenbild beleben. Sollte es wirklich jemand geben, der den Mut, oder besser gesagt, die Schwäche hätte, zu behaupten, eine flache Ebene in der Natur ließe sich mit einer Gegend voller sich übereinander türmender Schluchten, Felsblöcke und Hügel vergleichen?

Ein Architekt, der wirklich schöpferische Kraft besitzt, muß eine gründliche Kenntnis aller Baustile besitzen; am wenigsten sollte er den Geschmack der Völker verachten, auf die wir wegen ihrer künstlerischen Rückständigkeit gewöhnlich herabzusehen pflegen. Er muß sie alle umfassen, studieren und all ihre unendlichen Variationen in sich aufnehmen. Was aber die Hauptsache ist, er muß in ihre Idee eindringen und sich nicht nur ihre kleinen äußeren Formen und Teile aneignen. Um jedoch ihr Wesen zu ergreifen, dazu muß er ein Genie und ein Poet sein.

Aber wenden wir uns nun zu der Architektur der Städte. Eine Stadt sollte so gebaut werden, daß jeder ihrer Teile, jede einzelne Häusermasse ein lebendiges Bild darbietet. Jede Häusergruppe muß belebt werden, so daß sie — wenn ich mich so ausdrücken darf — immer neue charakteristische Züge hervorzubringen scheint, damit sie sich unserem Gedächtnisse einpräge und unserer Einbildungskraft keine Ruhe lasse. Es gibt Bilder, die man sein Leben lang nicht vergißt, und es gibt solche, die man trotz aller Anstrengungen nicht im Gedächtnis festhalten kann. Die Baukunst ist gröber, zugleich aber großartiger als alle anderen Künste, wie die Malerei, die Skulptur und die Musik. Und daher liegt ihre Wirkung in dem Effekt, den sie ausübt. Ein Stadtbild hat den Vorzug, daß man es mit einem Schlage verändern und nach eigenem Ermessen umgestalten kann. Häufig braucht man nur ein einziges Gebäude zu den schon bestehenden hinzuzufügen, und es verändert gänzlich seine Form und erhält einen völlig andern Charakter, so wie die Zeichnung eines Schülers plötzlich unter dem Pinsel oder dem Stift des Lehrers Leben gewinnt. Er verstärkt an der einen Stelle die Linie, retuschiert etwas an einer andern, er berührt die dritte kaum, und alles wird anders. Außerdem führen uns häufig die Fehler selbst auf die Idee, wie wir sie vermeiden können. Das Charakterlose bringt uns das Charaktervolle, das Kleinliche und Platte seine Gegensätze, das Kühne und Ungewöhnliche zum Bewußtsein. Eine Vertiefung nach unten erweckt die Idee einer Erhöhung nach oben und umgekehrt. Das Genie ist ein Besitzer unendlicher Reichtümer, vor dem die ganze Welt mit allen ihren Schätzen verblaßt.

Bei der Anlage einer Stadt muß man auch auf die Bodenbeschaffenheit achten. Städte werden entweder auf Anhöhen, auf Hügeln oder in der Ebene erbaut. Eine hochgelegene Stadt erfordert weniger Kunst, weil da die Natur schon selbst bei ihrem Bau mithilft. Sie erhebt die Häuser bald auf ihre majestätischen Hügel und läßt sie mitten unter ihren Nachbarn wie Riesen erscheinen, bald wieder läßt sie sie in die Tiefe herabsinken, um die umstehenden Häuser zur Geltung zu bringen. In solchen Städten ist es nicht notwendig, für eine große Abwechslung zu sorgen. Hier kann man glatte und einförmige Fronten verwerten, weil schon das ungleichmäßige Terrain eine gewisse Abwechslung hineinbringt, indem es ihnen verschiedene Standpunkte anweist. Man muß darauf achten, daß die Höhe der einzelnen hintereinander stehenden Häuser so zur Geltung komme, daß der Beschauer am Fuße eines Hügels den Eindruck gewinnt, als erhebe sich vor ihm eine zwanzigstöckige Masse. Dort bedarf es keiner großen Kunst, wo die Natur noch gewaltiger ist als die Kunst, und da dient die letztere nur dazu, die erstere zu schmücken. Da dagegen, wo das Terrain eben und einförmig ist, wo die Natur schlummert, da muß die Kunst mit voller Kraft einsetzen. Sie muß Farbe und Kolorit in die Landschaft hineinbringen, muß — wenn ich mich so ausdrücken darf — den Boden aufwühlen, die Ebene verschwinden lassen und die tote, flache Wüste beleben. Hier wären Schlichtheit und Einförmigkeit Sünde. Hier muß die Architektur so eigenartig wie nur möglich sein: sie muß bald ein düsteres Äußeres annehmen, bald wieder einen fröhlichen Ausdruck, bald muß sie einen altertümlichen Eindruck machen, bald wieder durch ihre Neuheit verblüffen. Sie muß uns mit Schrecken erfüllen, durch ihre Schönheit blenden, bald düster blicken wie ein von Gewitterwolken verfinsterter Tag, und bald wieder heiter wie ein strahlender Morgen voller Sonnenglanz. Die Architektur ist in ihrer Art auch eine Weltchronik, sie spricht noch zu uns, wenn die Sagen und Gesänge längst verstummt sind und wenn uns nichts mehr von einem untergegangenen Volke berichtet. So mag sie denn, wenn auch nur teilweise, sich mitten in unseren Städten erheben, wie sie einst zu Lebzeiten eines zugrunde gegangenen Volkes existierte, auf daß bei ihrem Anblick uns immer der Gedanke an sein vergangenes Dasein aufsteige, daß wir uns in sein Leben und in seine Sitten und Gewohnheiten, in seinen Bildungsgrad versetzen und mit Dankbarkeit an dies Volk zurückdenken, dessen Auftreten selbst eine Sprosse an der Leiter unseres eigenen Aufstiegs bedeutet[4].

Sollte es wirklich ganz unmöglich sein, sei es auch nur um der Originalität willen, eine völlig neue und eigenartige Architektur zu erschaffen, die allen Einflüssen der älteren entzogen ist! Wenn der wilde, noch wenig entwickelte Mensch, dem nur die Natur, die er selbst noch so schlecht versteht, als Lehrmeisterin und Anregerin dient, ein Werk voller Schönheit, voll unbewußten instinktiven Stilgefühls schafft, woher können denn wir mit unseren so stark entwickelten Fähigkeiten und die wir die Natur in all ihrem geheimen Wirken soviel besser verstehen, — woher können denn wir nichts schaffen, was von dem ganzen Reichtum unseres Wissens durchdrungen ist. Die Idee der Baukunst ward ja aus der Natur selbst geschöpft, aber zu einer Zeit, als der Mensch ihren Einfluß noch lebhaft empfand. Jetzt aber hat er die Kunst noch über die Natur erhoben — könnte er da seine Gedanken nicht aus der Kunst selbst oder richtiger aus der harmonischen Verschmelzung von Natur und Kunst schöpfen! Man sehe nur, welche ungeheure Erfindungskraft er bei der Herstellung all der kleinen Mittel eines verfeinerten Luxus an den Tag legt. Man blicke hin auf all diese modernen Spielereien, die täglich emportauchen und wieder verschwinden. Man betrachte sie meinetwegen durch das Mikroskop, wenn sie anders unsere Aufmerksamkeit nicht fesseln — welch feiner Geschmack spricht aus ihnen, was für herrlichen nie dagewesenen Formen begegnen wir da! Hier finden wir einen Stil, wie er früher noch nie existiert hat. Das Schnitzwerk und die Arbeit sind so originell, so neu und dabei so schön, daß wir uns häufig nicht satt sehen können. Aber ach! wir fühlen nicht das geringste Mitleid, wenn wir bemerken, wie der Geschmack des Menschen sich in der Produktion von Nichtigem und Vergänglichem verbraucht, statt sich in Ewigem und Unwandelbarem zu objektivieren. Könnten wir denn dieses in Stückwerk sich zersplitternde Kunstvermögen nicht auf große Gegenstände richten, muß denn alles, dem wir in der Natur begegnen, durchaus eine Säule, eine Kuppel oder ein Bogen sein? Wieviel Formen gibt es, die noch ganz unberührt daliegen. In wie tausendfältiger Weise kann die gerade Linie sich in die gebrochene wandeln und ihre Richtung ändern! Wie unendlich mannigfaltig kann sich die Krumme wölben und ausweichen, wieviel neue Ornamente und Verzierungen lassen sich einführen, die noch nie ein Architekt in seinen Kodex eintrug! — In unserem Jahrhundert gibt es solche Errungenschaften und soviele ganz neue, nur ihm eigene Elemente, aus denen man das Material zu einer Unzahl neuer noch nie dagewesener Bauten schöpfen könnte! — Nehmen wir z. B. jene herabhängenden Verzierungen, wie sie erst vor kurzem gebräuchlich wurden. Bisher wurde diese hängende Architektur nur bei Theaterlogen, Balkonen und kleinen Brücken angewandt. Aber wenn erst ganze Stockwerke schweben und durch kühne Bogen miteinander verbunden sein werden, wenn ganze Massen statt auf schweren Säulen auf durchbrochenen Stützen von Gußeisen ruhen, wenn zahllose Balkone ein Haus von unten bis oben mit verschlungenem gußeisernem Gitterwerk schmücken und tausenderlei herabhängende gußeiserne Verzierungen es mit einem leichten Netz umgeben werden, so daß es durch sie hindurchschimmert wie durch einen durchsichtigen Schleier, wenn diese diaphanen Verzierungen sich um einen herrlichen runden Turm schlingen und zusammen mit ihm zum Himmel emporfliegen würden, — welch eine Leichtigkeit und ätherische Schönheit würden dann unsere Häuser annehmen. Welch eine Menge von Anregungen finden wir überall verstreut, die im Kopfe eines Architekten ganz unerhörte, lebendige Ideen erzeugen können; aber freilich müßte dieser Architekt ein schöpferisches Genie und ein Dichter sein.