Große und kolossale Türme gehören unbedingt zu einer Stadt, ganz abgesehen von der großen Bedeutung, die sie für die christlichen Kirchen haben — sie bieten nicht nur einen schönen Anblick dar und dienen ihnen nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer Stadt ein scharfes charakteristisches Gepräge geben und die Rolle eines Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich zu verirren. Noch notwendiger sind sie für die Hauptstädte, da sie günstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten kann. Bei uns begnügt man sich gewöhnlich schon mit einer Höhe, die gerade ausreicht, das Stadtbild zu überblicken. Und doch wäre es für eine große Stadt von hervorragender Bedeutung, einen Überblick über eine Fläche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu würden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr genügen, und das Bild würde sich sofort ändern, denn bei der Erhöhung des Standortes nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die Hauptstadt gewinnt damit einen großen Vorteil, wenn ihr der Überblick über die Provinz gewährleistet wird und wenn sie die Dinge schneller vorauszusehen vermag; ein Gebäude, das das gewöhnliche Maß übersteigt, nimmt sogleich ein majestätisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur Vorteil davon, denn die Größe des Baues spornt seine Begeisterung zu höherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an.

Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Größe wie mit Absicht verbergen zu wollen, während sie doch gerade ihre Raumwirkung um so stärker hätte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Größe ist ein anderes: ein Gebäude muß sich fast unmittelbar über dem Haupte des Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf daß sich ein plötzliches Staunen seiner bemächtige, und er muß kaum imstande sein, die ganze Höhe mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebäude auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Straße münden, so daß man den Bau von ferne in perspektivischer Verkürzung übersehen kann; in der Nähe aber muß er eine überwältigende Größe haben. Es ist auch gut, wenn eine Straße an ihm vorbeiführt, wenn an seinem Eingangstor Wagen donnernd vorüberrollen, wenn sich Menschen um ihn drängen und durch ihre Kleinheit seine Größe noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt nur dem Menschen mehr Raum, und er wird höher und stolzer emporblicken auf die vor ihm liegenden Gegenstände. Alles wird ihm klein erscheinen. Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwürdig eingerichtet, daß nur das Plötzliche, das uns beim ersten Blick Betäubende uns erschüttert. Daher muß die Höhe eines Gebäudes im Verhältnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom äußersten Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst näher herankommen muß, dann ist es nichts mit dem Gebäude, und zugleich damit sind die Mühen und die Kosten, die es verursacht hat, dahin.

Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurück, der unser XIX. Jahrhundert beeinflußt hat. Selbst die Griechen fühlten es, daß die ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebäude gar zu platt wirken müssen, besonders wenn eine größere Anzahl solcher Bauten nebeneinander stehen. Sie fühlten, daß die strenge Regelmäßigkeit und Einfachheit unbedingt in der nächsten Umgebung irgendeinen Gegensatz herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher überwölbten sie ihre Häuser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das blendende Weiß der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen Säulen hebt sich überaus schön von dem grünen Dunkel des Laubes ab. Denn es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bäume, die ihre Zweige fast immer unregelmäßig, aber darum um so schöner darüber ausbreiten. Auch wenn ihre Gebäude von anderen Bauten umgeben waren und mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies Übermaß an Schlichtheit und versuchten es daher, ihnen möglichst viel Abwechslung zu geben. Zunächst dachten sie an die Natur und an Bäume; aber in der Stadt ist der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der glatten dorischen Säulen immer häufiger korinthische mit Kapitälen aus krausem Blattwerk zu verwenden; überhaupt kamen alle Völker instinktiv darauf, ihre Gebäude mit Blättern oder Weinranken und -trauben oder anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmücken. Sie folgten dabei blind und unwillkürlich einer dunkeln Eingehung ihres Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von einem dunklen Urwaldgestrüpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der Schlag einer Axt ertönte, am deutlichsten wieder. Diese sich in unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den Baumstamm mit seinen Ästen, Zweigen und Blättern. Daher stelle man ruhig neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung von herrlichen, majestätischen Bäumen, und der griechische wie auch der gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die höchsten Effekte werden durch schroffe Gegensätze erzielt. Die Schönheit wirkt nie glänzender und auffälliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort häßlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung für alles andere und da wirkt er in gleichem Maße auf alle Menschen. Die einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhältnis, nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der dunkelblauen, die weiße mit der hellblauen, die hellrote mit der grünen usw. harmonieren.

Alles hängt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur muß man es vermeiden, bei ein und demselben Gebäude verschiedene Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein jedes für sich ein Ganzes und Ursprüngliches bilden, dann darf der Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhältnis zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmäler der verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter ist sie, um so häufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben und zu genießen. Wäre es denn etwa wünschenswert, daß der Spaziergänger in einem englischen Garten statt der langen Reihe überraschender Bilder immer nur denselben Weg wiederfände oder doch immer solche Alleen, die durch ihre Ausblicke so sehr an schon früher Gesehenes erinnern, daß sie einem längst bekannt vorkommen.

Wir bedürfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schön, wenn sie in ihrer Art schön sind. Jeder Stil, der glatte und massive der Ägypter, der kolossale und bunte der Indier, der prächtige maurische Stil, der finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil — sie alle sind schön, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle wirken majestätisch, wenn sie nur richtig verstanden werden.

Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so würde ich immer den gotischen wählen. Er ist rein europäisch, ein reines Erzeugnis des europäischen Geistes — und darum steht er uns auch am besten an. Seine wunderbare Erhabenheit und Schönheit übertrifft alle andern, aber ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert ihn nicht. Blickt häufiger hin auf den berühmten Kölner Dom, — da habt ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestät. Weder die Antike noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Künstlern mehr Spielraum gewährt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in die Höhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen Pilaster müssen eng gedrängt das ganze Gebäude durchziehen. Keinesfalls dürfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Länge des Gebäudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal überragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es dies verlangt, höher, immer höher, laßt seine Mauern emporstreben und dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Föhren, von unzähligen Eckpfeilern umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben, nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die Dimension des Gebäudes verringern. Alle Linien müssen vom Fundament bis zur Spitze ihre Richtung bewahren. Größere Fenster, von mannigfaltigster Form und kolossalen Verhältnissen! Eine leichte ätherische Spitze, und je mehr sich der Bau in die Höhe schwingt, um so durchsichtiger, schwebender muß er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache nicht: es darf kein Verhältnis zwischen der Höhe und der Breite bestehen. Das Wort „Breite“ muß völlig verschwinden. Hier gibt es nur eine gesetzgebende Idee: die Höhe.

Ich bin überzeugt, daß mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Höhe habe keinen Wert für uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material. Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei Theatern, Börsen oder Vereinshäusern, wie überhaupt bei Bauten anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelplätze für das Amüsement, für Händler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein, daß es keinen erhabeneren, großartigeren und passenderen Stil für ein Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber würden wir dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von seiner niederen Hütte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich der alten großen Wahrheit zu erinnern, daß das Volk nicht imstande ist, die Religion in derselben Reinheit und Körperlosigkeit zu erfassen, wie ein Mensch von höherer Bildung, daß auf den gemeinen Mann die sichtbaren Gegenstände den stärksten Eindruck machen und daß, je geringer diese Wirkung auf ihn, desto schwächer auch seine Begeisterung und sein einfältiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine Art von Betäubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt. Das Ungewöhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur dann, wenn es von schroffer Kühnheit ist und einem in die Augen sticht. Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr würde die Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der Vorteil, der sich aus ihr ergäbe, käme dem eines einzelnen Menschen gegenüber dem der ganzen Menschheit gleich.

Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil entfernte und die Welt auf seine Vorzüge hinwies. Von da ab begann er sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hübsch, sehr gefällig für das Auge, aber ach! es fehlt die wahre Größe, die uns in den großen Baudenkmälern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbögen über den Fenstern und trotz der Türme ist der wahrhaft gotische Charakter in ihnen nicht überall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und für sich schon nicht kolossal genug (ein großer Mangel bei einem gotischen Gebäude!) und ferner fehlt jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich einträchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit Bewußtsein beiseite gelassen worden, und die daher rührende Glätte verleiht ihnen unwillkürlich einen anderen Charakter.

Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich schnell überall zu verbreiten und überall einzudringen. Noch ehe er Zeit hatte, sich zu wahrer Größe zu erheben, wurde er kleinlich und spielerisch. Landhäuser, Schränke, Paravents, Tische, Stühle — alles wurde gotisch. Und die mächtigen und herrlichen Ornamente wurden zu allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere Wünsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so enzyklopädisch, daß wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen Gegenstand zu konzentrieren vermögen. Und daher zerstückeln wir alles, was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und Gewöhnliche herabzuziehen. Die ägyptische Architektur, deren ganze Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau von kleinen Brücken und Torbögen, deren Spitze ein vorüberfahrender Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehängen und Uhrgehäusen und den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir uns bei großen öffentlichen Gebäuden einer Architektur, der man kaum einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrät einen solchen Mangel an Phantasie, daß man sie unmöglich als einen eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann.

Es gibt eine Goldader, von der man jedoch kaum weiß, daß sie existiert. Es gibt eine ganz eigene, besondere Welt, aus der Europa noch so gut wie gar nicht geschöpft hat. Das ist die orientalische Architektur, dieses Erzeugnis der reinen Phantasie, einer wunderbaren, glühenden orientalischen Einbildungskraft, die sich in Hyperbeln und Allegorien hüllt und das Leben und seine prosaischen Nöte flieht. Das Leben der Asiaten konnte sich nie so vielseitig entwickeln, wie das der Europäer, ihre Bedürfnisse waren nie so mannigfaltig und zahlreich wie die unsrigen, und daher ist es nur natürlich, daß ihre einfachen Wohnhäuser der Buntheit, Klarheit und Anmut entbehren. Sie stehen isoliert da, haben etwas Monotones und wirken ebenso langweilig durch den Mangel an jeglicher Idee, wie der Asiate selbst, während er ruht. Aber überall, wo die asiatische Prachtliebe, dieser herrliche, mächtige Prunk, der in ihren Märchen aufleuchtet, hingedrungen ist, überall, wo diese perlengeschmückte Tochter der orientalischen Phantasie hingelangte, da stehen auch heute noch wundersame, prächtige Paläste. Ihr Bau währte ganze Jahrhunderte. Ein ganzes Volk, eine ganze Nation arbeitete an ihrer Aufrichtung, und die Vorfahren glaubten an eine Vollendung durch die kommenden Generationen, wie an eine unausbleibliche Vorherbestimmung. Überall, wo diese allmächtige massive Prachtliebe oder der wilde Enthusiasmus ihrer ursprünglichen Religion Boden gewann, da türmten sich, durch ihre Riesendimensionen furchterzeugende Denkmäler auf, vor denen der Gedanke staunend verstummt, wenn man bedenkt, wie unbedeutend ihre Mittel und ihr Wissen und wie armselig ihre Maschinen waren, die sie zum Heben und Befestigen dieser schrecklichen Massen benutzten. Aber eine noch größere Bewunderung ergreift uns, wenn wir sehen, wie der halbwilde und noch ganz unkultivierte Mensch sich bei der Errichtung dieser gigantischen Bauten plötzlich entwickelt, von der Idee der Gottheit durchdrungen und begeistert wird, so daß er unwillkürlich seinen Geist aufleuchten läßt und der allmählichen jahrhundertlangen Bildungsarbeit vorauseilt.