Der schönste von allen seinen Träumen war dieser: Er fand sich in seinem Atelier wieder, war froh gestimmt und saß selig mit der Palette in der Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie saß neben ihm, stützte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, müden Augen lag eine lastende Fülle des Glücks, alles im Zimmer war durchtränkt von Seligkeit, überall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit. Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Köpfchen an seine Brust ... Einen schöneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fühlte sich frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten sich in seinem Hirn: „Vielleicht,“ so dachte er, „vielleicht ist sie durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Buße, vielleicht verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Darf man denn gleichgültig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken und sie vor dem Ertrinken zu retten!“ Und seine Gedanken eilten immer weiter: „Mich kennt niemand,“ sagte er zu sich selbst, „wer kümmert sich um mich, und um wen brauche ich mich zu kümmern?! Wenn sie aufrichtig bereut und ihren Lebenswandel ändert, so — will ich sie heiraten. Ja, ich muß sie heiraten, ich werde verständig handeln! Wieviel Menschen gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz verwerfliche Geschöpfe heiraten; meine Tat wird uneigennützig und vielleicht sogar groß sein. Ich werde der Welt eine ihrer schönsten Zierden wiedergeben!“
Während er solch leichtsinnige Pläne schmiedete, fühlte er die Röte in seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak über seine eingefallenen Züge und die Blässe seines Gesichts. Diesmal kleidete er sich sorgfältig an, wusch sich, kämmte sein Haar, warf sich in seinen neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging auf die Straße. Gierig sog er die frische Luft ein und fühlte ein Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu gehn. Als er sich der Straße näherte, die er seit der verhängnisvollen Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu pochen.
Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedächtnis versagte ihm den Dienst. Zweimal ging er die Straße auf und ab und wußte nicht, wo er stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben. Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tür: die Tür öffnete sich, — und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien — sie, die sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so süßes Leben ausmachte — sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz überwältigt von der Freude, konnte er sich vor Schwäche kaum auf den Füßen halten. Sie stand vor ihm, noch ebenso schön wie ehemals; obgleich ihre Augen etwas trübe waren und eine leichte Blässe auf ihren nicht mehr ganz so frischen Zügen lag, war sie doch immer noch wunderschön.
„Oh,“ rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. „Warum sind Sie damals weggelaufen?“
Piskarjow ließ sich ganz erschöpft auf einem Stuhle nieder und blickte sie an.
„Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause gebracht. Ich war ganz betrunken!“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
„Oh! wärest du doch stumm, wärest du der Sprache beraubt, statt solche Reden zu führen!“ Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen keinen Eindruck auf sie ausüben würden. Nachdem er sich ermannt hatte, fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glühenden Farben die Schrecken ihrer Lage zu schildern. Sie hörte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem Gefühl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas völlig Unerwartetem und Merkwürdigem zu äußern pflegen. Mit einem kaum merklichen Lächeln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke saß, in ihrer Arbeit — sie reinigte gerade einen Kamm — innehielt und dem neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhörte.
„Es ist wahr, ich bin arm!“ schloß Piskarjow nach einer langen und erbaulichen Ermahnung, „aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide, einer wie der andere, um die Wette bemühen, unsere Lage zu verbessern. Es gibt nichts Schöneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken. Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschäftigt neben mir sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen.“
„Wie wäre das möglich!“ unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem Ausdruck tiefer Verachtung. „Ich bin doch keine Wäscherin oder Näherin, daß ich arbeiten sollte!“
Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Häßlichkeit dieses verächtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und Müßiggangs, dieser treuen Gefährten des Lasters.