Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte, frech ein: „Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer so dasitzen.“ Hierbei verzog sie ihr erbärmliches Gesicht zu einer dummen Grimasse, und dies amüsierte die Schöne aufs höchste und brachte sie zum Lachen.
Oh! das war zuviel! das war unerträglich! Er stürzte hinaus, wie von Sinnen und als ob er den Verstand verloren hätte. Seine Gedanken verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefühllos, so trieb er sich den ganzen Tag über herum. Niemand wußte, ob er irgendwo geschlafen hatte oder nicht, erst am nächsten Tage kehrte er, von einem törichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurück, er war in einem schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren verwühlt, und in seinen Zügen machten sich Anzeichen von Wahnsinn bemerkbar. Er schloß sich in seinem Zimmer ein, ließ niemand zu sich herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne daß sich sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geöffnet hätte, es verging eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rüttelte an der Tür, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich brach man die Tür auf und fand einen leblosen Körper mit einer durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszügen konnte man schließen, daß seine Hand gezittert und daß der Selbstmörder sich noch lange gequält hatte, bevor seine sündige Seele sich von ihrer Hülle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene, schüchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme hätte entwickeln können! Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen Körper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten Gestalten mit ihren gleichgültigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz still ohne jede religiöse Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wächter begleitete ihn — aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps über den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem Leichnam des Unglücklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte übrigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem außerordentlichen Erlebnis beschäftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begräbniszug mit dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel trägt, meinen Weg kreuzt. Ich spüre immer etwas wie Verdruß, wenn ich einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne; aber mein Verdruß mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich führt, begleitet von einer Bettlerin, die zufällig des Weges daherkam und dem Sarge folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte.
Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schönen Blondine nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes Geschöpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den Schaufenstern ausgelegten Gürtel, Halstücher, Ohrringe, Handschuhe und sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen Seiten und sah sich fortwährend um. „Mein Täubchen!“ sagte Piragow selbstbewußt, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist vielleicht Zeit, den Leser etwas näher mit Piragow bekannt zu machen.
Aber bevor wir erzählen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze, etwas über die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehörte. Es gibt in Petersburg Offiziere, die gewissermaßen eine Mittelklasse bilden. In Gesellschaften, bei Diners von Staatsräten oder Wirklichen Staatsräten, die sich diesen Titel durch vierzigjährigen Dienst erworben haben, kann man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen. Ein paar höhere Töchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst, von denen einzelne schon recht verblüht aussehen, ein Teetisch, ein Klavier, ein häuslicher Tanz — dies alles ist nicht denkbar ohne die blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen Blondinen und den schwarzen Fracks der Brüder und Hausfreunde glänzen sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltblütigen Jungfrauen aufzumuntern und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehört eine große Kunst, oder besser gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man muß nicht allzu klug und auch nicht allzu komisch reden, und in allem muß jene Hohlheit und Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in dieser Hinsicht muß man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehör zu verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelächter erstickt werden, wie: „Bitte, hören Sie auf! Schämen Sie sich doch, einen so zum Lachen zu bringen!“ sind häufig die schönste Belohnung für diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten verdrängt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. Übrigens aber hält man sie für gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben es, sich über Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien über A. A. Orlow. Auch versäumen sie keinen öffentlichen Vortrag, ob in ihm nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgültig, was für ein Stück gerade aufgeführt wird, es müßte denn eine ganz dumme Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht genügt; sonst aber sind sie immer im Theater. Für die Theaterdirektionen ist das das beste Publikum. In den Stücken sind es hauptsächlich schöne Verse, die sie schätzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten oder sie bereiten die Zöglinge für diese Anstalten vor, und schließlich schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schluß führen sie eine Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und einen Haufen bärtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre werden sie jedoch nie früher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Bartträger[6] immer noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Töchter mindestens als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die wichtigsten Charakterzüge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persönlich eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus „Dimitri-Donskoj“ und „Wehe dem Gescheiten“ zu deklamieren, und wußte vortrefflich Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzüglich davon erzählen, daß „die Kanone etwas an und für sich und daß das Einhorn auch etwas an und für sich“ sei ... Übrigens ist es außerordentlich schwer, alle Talente aufzuzählen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow ausgestattet hatte. Er sprach gern über eine Schauspielerin oder eine Tänzerin, aber nicht mit der Schärfe, wie sich gewöhnlich Leutnants über solche Gegenstände auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er häufig sagte, während er sich aufs Sofa streckte: „ach ja, alles ist eitel, was hat denn das zu bedeuten, daß ich Leutnant bin“; aber in seinem Innern fühlte er sich doch sehr durch die neue Würde gehoben, und in der Unterhaltung bemühte er sich häufig darauf anzuspielen; ja als ihm einmal auf der Straße ein Schreiber begegnete, der ihm unhöflich zu sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen Worten zu verstehen, daß vor ihm ein Leutnant und nicht ein xbeliebiger Offizier stehe — und da in diesem Moment zwei allerliebste Damen vorübergingen — bemühte er sich, sich besonders hübsch auszudrücken. Piragow trug überhaupt eine Leidenschaft für alles Schöne zur Schau und daher protegierte er auch den Künstler Piskarjow: vielleicht kam es übrigens auch nur daher, weil er es so sehr wünschte, sein männliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen, daß es unmöglich ist, alle seine Vorzüge mit einemmal aufzuzählen, je länger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentümlichkeiten kommen zum Vorschein, und man fände nie ein Ende, wenn man sie alle herzählen wollte.
Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit unverständlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen Tabak- und Kramlädenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen Nymphen bevölkerte Straße, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte sichtlich und schlüpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses. Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, öffnete eine Tür und trat ein, während ihr Piragow mutig folgte. Plötzlich befand er sich in einem großen Zimmer mit schwarzen Wänden und einem verräucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben, Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glänzenden Kaffeekannen und Leuchtern lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen Sägespänen bestreut. Piragow begriff sofort, daß dies die Werkstätte eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine Seitentür. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der russischen Maxime und entschloß sich, „vorwärts“ zu eilen. Er trat in ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht ähnlich sah: es war sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, daß der Wirt ein Deutscher war. Ein überaus merkwürdiges Bild setzte Piragow aufs höchste in Erstaunen: vor ihm saß Schiller — nicht jener Schiller, der den Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben hat, sondern der bekannte Schiller, ein Schlossermeister aus der Meschtschanskistraße. Neben Schiller stand Hoffmann, aber wiederum nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tüchtiger Schuhmachermeister dieses Namens aus der Offizierstraße und ein großer Freund Schillers. Schiller war betrunken, saß auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fuß und sprach mit großem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die höchst merkwürdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller saß da, hielt den Kopf in die Höhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor; Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefaßt und fuhr mit der Schneide eines Schustermessers über ihre Oberfläche hin und her. Beide sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der außer „guten Morgen“ kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen. Im übrigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: „Ich will sie nicht, ich brauche keine Nase!“ sagte er und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Allein für diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden — weil die deutschen Läden keinen russischen Tabak haben — ich zahle in einem elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20 Kopeken — und zwölfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel 40 Kopeken. — Hörst du’s, mein Freund Hoffmann, allein für die Nase 14 Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rapé — denn an einem Feiertage will ich doch keinen scheußlichen russischen Tabak schnupfen. Das Jahr über schnupfe ich 2 Pfund Rapé zu 2 Rubel das Pfund — 4 Rubel und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein für Tabak. Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht recht?“ Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. „20 Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen König in Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da ist meine Nase!“
Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow dazwischengekommen wäre, dann hätte Hoffmann sicherlich ohne viele Umstände Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte.
Schiller war sehr verdrießlich, daß plötzlich ein unbekannter, ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment störte. Obgleich er sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fühlte er doch, daß sein Zustand und die Beschäftigung, bei der er angetroffen wurde, in Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte. Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen Zuvorkommenheit: „Sie entschuldigen doch!“
„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ sagte Schiller gedehnt.
Diese Antwort verblüffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war ihm ganz neu. Das Lächeln, das eben auf seinen Zügen gespielt hatte, verschwand plötzlich. Im Gefühl seiner gekränkten Würde sagte er: „Ich muß mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht bemerkt ... daß ich Offizier bin ...“
„Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier! So mach’ ich’s mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff ....“