3. hat sich hier in hohem Maße die Lektüre von Romanen und trockenen, langweiligen Erzählungen verbreitet; zugleich machte sich eine allgemeine Gleichgültigkeit gegen die Poesie geltend;
4. erschienen neue Auflagen der Werke von Derschawin und Karamsin, die laut nach einer literarischen Kennzeichnung und nach einer wahrhaften, richtigen Bewertung verlangten, wie die aller übrigen älteren Schriftsteller; denn in der literarischen Welt gibt es keinen Tod, und die Toten greifen ebenso in unser Leben ein und handeln und wirken mit uns wie die Lebenden. Sie verlangten nach einer Rückerstattung dessen, was ihnen wirklich gebührt; sie forderten die Zurücknahme ungerechter Anklagen und falscher Wertschätzungen, die ganze Jahre hindurch und auch heute noch gedankenlos wiederholt werden.
Aber haben denn unsere Zeitschriften auch — auf Grund strenger Überlegung — ausgesprochen, wer Walter Scott war, worin seine Wirkung bestanden hat, was die moderne französische Literatur bedeutet, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist, woher sie stammt, was die Ursachen der falschen Geschmacksrichtung waren und worin ihr Wesen bestand; warum die Poesie von Prosawerken abgelöst wurde; auf welcher Bildungsstufe das russische Publikum steht, wer dieses russische Publikum ist, und was die Originalität und Eigenart unserer Schriftsteller ausmacht?
Vergebens wird der Leser in dieser Richtung nach neuen Gedanken oder auch nur nach Spuren eines tiefen, gewissenhaften Studiums suchen.
Auf Walter Scott hat man bei uns nur ein wenig geschimpft. Die französische Literatur wurde von den einen mit einem kindlichen Enthusiasmus aufgenommen; sie erklärten, die modernen Schriftsteller wären bis in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Herzens eingedrungen, die selbst einem Cervantes und Shakespeare verborgen geblieben wären; andere wieder schmähten sie, ohne selbst zu wissen warum, während sie selbst Werke im Geschmack dieser Schule schrieben, nur mit dem Unterschied, daß diese noch mehr Unsinn und mehr Torheiten enthielten. Die Frage: warum bei uns fade Romane und Erzählungen einen solchen Erfolg haben, hat keinen von ihnen beschäftigt, statt dessen brachten sie zu den schon existierenden noch ihre eigenen auf den Markt. Über unser Publikum sagten sie nur, es sei ein hochachtbares Publikum und es müsse sich auf alle Zeitschriften und alle möglichen Blätter abonnieren, denn diese könne ein jeder lesen: der Familienvater wie der Kaufmann, der Militär wie der Literat; über Derschawin, Karamsin und Krylow hatten sie gar nichts zu sagen, oder sie wiederholten einfach dasselbe, was ein Kreisschullehrer seinen Schülern erzählt, und halfen sich mit einem paar banalen Phrasen.
Worüber schrieben also unsere Journalisten? Sie sprachen von den beliebtesten und nächstliegendsten Dingen, sie redeten von sich selbst, lobten in ihren Zeitschriften ihre eigenen Aufsätze, waren ausschließlich mit sich selbst beschäftigt und schenkten allen anderen Gegenständen höchstens eine kühle, leidenschaftslose Beachtung. Alles Große und Außerordentliche schien unsichtbar geworden zu sein. Ihre gleichgültige Kritik richtete sich auf Gegenstände, die kaum der Rede wert waren.
Worin bestand nun der eigentliche Charakter dieser Kritik? Was in ihr am deutlichsten zum Ausdruck kam, war folgendes:
1. Eine starke Mißachtung der eigenen Meinung. Fast nie hatte man den Eindruck, daß der Kritiker seine Tätigkeit für etwas Wichtiges hielt, mit einem Gefühl der Ehrfurcht, und nachdem er sich die Sache zuvor überlegt hatte, an sie heranging; daß er, während er seine Feder führte, an die kleine Zahl seiner Zeitgenossen gedacht hätte, die eine höhere, edlere Bildung besaßen und vor denen er für jedes seiner Worte Rechenschaft ablegen mußte. Die Kritik in unseren Zeitschriften war meist eine Art Possenreißerei. Was tat man, wenn man das Buch eines Schriftstellers lobte, den man protegieren wollte? Man sagte nicht etwa einfach: „dieses Buch ist gut,“ oder „es verdient in dieser und jener Hinsicht Anerkennung,“ o nein: die Rezensenten erklärten, „dieses Buch ist wundervoll, ganz außergewöhnlich, es ist unerhört genial, es ist das beste russische Buch; es kostet fünfzehn Rubel, der Autor steht hoch über Walter Scott, Humboldt, Goethe und Byron. Kaufen Sie dies Buch, lassen Sie es sich einbinden und stellen Sie es in Ihre Bibliothek, kaufen Sie auch die zweite Auflage und stellen Sie sie gleichfalls in Ihre Bibliothek, es kann nie schaden, wenn man zwei Exemplare von einem guten Werk besitzt.“ Der größte Teil der Bücher wurde ohne jede Überlegung und ganz kritiklos verherrlicht. Wenn man alle Bücher zusammenzählen wollte, die als erstklassig angepriesen wurden, so könnte wohl jemand glauben, es gäbe in der ganzen Welt keine reichere Literatur als die russische; wenn ihn nicht — freilich erst nach einiger Zeit — die widersprechenden Urteile derselben Rezensenten über dieselben Werke nachdenklich und stutzig machen müßten. Und dieselbe Maßlosigkeit trat in den abfälligen Urteilen über Werke von Autoren hervor, die sich den Haß oder die Abneigung des Kritikers zugezogen hatten. Und so ergoß sich sein Zorn ebenso rückhaltslos, indem er einem momentanen Gefühl nachgab.
2. Der literarische Unglaube und die literarische Unbildung. Diese beiden Eigentümlichkeiten haben sich in der letzten Zeit in unserer Literatur besonders verbreitet. Nie findet man den Namen von Schriftstellern erwähnt, die ihre Laufbahn bereits vollendet haben, und die, von der Sonne des Ruhmes umstrahlt, von ihrer Höhe auf uns herabblicken. Kein Rezensent hat seine Augen ehrfürchtig zu ihnen erhoben und ihnen Beachtung geschenkt. Fast nie begegnet man den Namen eines Derschawin, Lomonossow, Von-Wisin, Bogdanowitsch, Batjuschkow usw. auf den Seiten unserer Zeitschriften. Nie hört man was über ihren Einfluß, der auch heute noch fortdauert und sich heute noch bemerkbar macht. Nie werden sie zur Vergleichung mit der heutigen Epoche herangezogen. Es ist, als wäre unserem Zeitalter die Wurzel abgeschnitten, als gäbe es keinen Ursprung, von dem wir herstammten, und als gäbe es für uns keine Geschichte unserer Vergangenheit. Diese literarische Unbildung verbreitet sich hauptsächlich unter den jüngeren Rezensenten, so daß unsere zeitgenössische, kritische Literatur wie etwas Fremdes, Angeschwemmtes erscheint. Ein, zwei Jahre vergehen, und die Reden, die anfänglich ziemlich laut und rege waren, verstummten und verhallten wie ein Ton ohne Resonanz oder wie eine Phrase, die auf dem gestrigen Ball fiel. Die Namen der Schriftsteller, die ihren Ruhm längst fest begründet, und die Namen derer, die erst nach einem solchen streben, sind zu einem bloßen Spielzeug geworden. Der eine Rezensent richtet die wieder auf, die sein Gegner fallen gelassen hat, und das alles geschieht ohne jede Kritik ganz gedanken- und ideenlos. Häufig verdankt ein Name seinen Ruhm dem Streit zweier Rezensenten. Von den Schriftstellern unseres Vaterlandes wird nicht geredet, dafür beginnt jeder Rezensent, selbst wenn er über ein ganz unbedeutendes, belangloses Buch schreibt, unbedingt mit Shakespeare, den er nie gelesen hat. Es ist heutzutage eben Mode, von Shakespeare zu reden — also her mit dem Shakespeare! Er erklärt: „Wir wollen das vorliegende Buch von folgendem Gesichtspunkt aus betrachten. Sehen wir zu, inwieweit unser Autor mit Shakespeare übereinstimmt,“ und dabei ist das Buch, das analysiert werden soll, — ein barer Unsinn, der ohne jegliche Absicht, mit Shakespeare zu rivalisieren, geschrieben ist, und höchstens mit dem Geist und der Ausdrucksweise des Rezensenten selbst Ähnlichkeit hat.
3. Der Mangel an einer rein ästhetischen Genußfähigkeit und an Geschmack. In den Moskauer Journalen findet man noch hin und wieder einen gewissen Geschmack oder eine Art Liebe zur Kunst, die Kritik der Petersburger Zeitschriften, besonders die der sogenannten „anständigen“ dagegen ist außerordentlich dürftig. Die besprochenen Werke werden hoch über die Byrons, Goethes usf. erhoben. Aber nirgends gewinnt der Leser den Eindruck, daß dies der Ausfluß eines Gefühls, ein Zeichen des Verständnisses ist, daß es aus der Tiefe einer dankerfüllten, tiefergriffenen Seele hervorquillt. Ihr Stil ist trotz seiner äußeren oft verschnörkelten, glänzenden Prunkhaftigkeit von einer ertötenden Kälte. Nur dann merkt man ihm eine gewisse Lebhaftigkeit und einen leidenschaftlichen Schwung an, wenn sich der Rezensent an einer wunden Stelle getroffen, wenn er sich in seiner persönlichen Würde getroffen fühlt. Die Gerechtigkeit verlangt, daß wir hier die Kritiken von Schewyrjow erwähnen, die eine lobenswerte Ausnahme bilden. Er teilt uns seine Eindrücke in der Form mit, wie seine Seele sie aufnimmt. Aus seinen Aufsätzen spricht stets ein Mensch, der nachdenkt, ja, der sich mitunter vom ersten Eindruck fortreißen läßt.