Dies alles war für die Schriftsteller sehr peinlich, die kein einziges Organ hatten, in dem sie ihre Klagen vor der Welt und den Lesern vorbringen konnten.

Aber schon allein das Gerücht von der Gründung eines neuen Journals rief die Empörung der „Lesebibliothek“ wach und veranlaßte sie zu einem völlig unerwarteten Schritt: sie versicherte ihren Abonnenten und Lesern mit ungewöhnlichem Eifer, daß die neue Zeitschrift keineswegs gut gesinnt sei und einen streitsüchtigen Charakter haben würde. Ein Artikel, der bei dieser Gelegenheit in der „Nordischen Biene“ erschien, war anscheinend von einem Menschen geschrieben, der voller Verzweiflung seinen vollständigen Zusammenbruch vor Augen sieht. In ihm wurde dem Publikum mitgeteilt, das neue Journal wolle die „Lesebibliothek“ zugrunde richten, und dies nur deshalb, weil die Herausgeber erklärt hätten, sie würden eine gleiche Anzahl von Bogen erscheinen lassen wie die „Lesebibliothek“. Nicht wahr, ein sehr unvorsichtiges Vorgehen? In solch einem Falle muß man seine selbstischen Gefühle kunstvoll zu verbergen suchen und den richtigen Moment abwarten, um erst dann dem Gegner einen wohlgezielten Schlag zu versetzen. Weil ich eine Zeitschrift herausgebe, soll etwa darum ein anderer keine herausgeben dürfen? Und wie könnte ich zürnen, wenn mir jemand erklärt, er wolle mich zum Vorbild nehmen? Sollte ich ihm nicht vielmehr dankbar sein? Beweist er nicht gerade damit den hohen Grad von Achtung, den ich mir bei dem Publikum erworben habe? Je mehr Wetteifer, desto mehr Gewinn für die Leser und die Literaten.

Aber sehen wir zu, in welchem Maße der „Moskauer Beobachter“ die Erwartungen des nach Neuem lüsternen Publikums, die Hoffnungen der gebildeten Leser, die Erwartungen der Literaten und die Befürchtungen der „Lesebibliothek“ rechtfertigte.

Die neue Zeitschrift hatte, trotz aller ihrer eifrigen Bemühungen, sich überall bekannt zu machen, doch nicht die Mittel, ihr Erscheinen an allen Ecken und Enden Rußlands anzukündigen, da die einzigen Herolde und Verbreiter neuer Nachrichten seine Gegner, die „Nordische Biene“ und die „Lesebibliothek“ waren, die natürlich nie eine in wohlwollendem Ton gehaltene Anzeige über die neue Zeitschrift gebracht hätten. Sie begann auch erst spät zu erscheinen, nicht zu Beginn des neuen Jahres, also nicht zu der Zeit, wo gewöhnlich die Abonnements beginnen, und sie versäumte es, für ein regelmäßiges Erscheinen der Bände und ihre pünktliche Zustellung zu sorgen. Aber der Hauptgrund für den Mißerfolg lag doch im Charakter der Zeitschrift selbst. Schon aus den ersten Bänden, die zur Ausgabe gelangten, konnte man erkennen, daß die Gründung der Zeitschrift nur die Folge einer leidenschaftlichen Wallung war. Auch dem „Moskauer Beobachter“ fehlte es an einer starken Triebfeder, die die ganze Zeitschrift im Gange hielt. Der Redakteur ließ sich nur auf dem Titelblatt sehen. Sein Name war fast völlig unbekannt. Bis dahin hatte er nur einige wertvolle statistische Aufsätze geschrieben, die indessen das rein literarisch gebildete Publikum gar nicht kannte. Seine literarische Richtung war unbekannt. Das war ein großer Fehler der Herausgeber des „Moskauer Beobachters“. Sie hatten vergessen, daß der Redakteur immer eine hervorragende Persönlichkeit sein muß. Das ganze Ansehen einer Zeitschrift ruht auf ihm, auf der Originalität seiner Anschauungen, der Lebhaftigkeit seines Stils, auf seiner Sprache, die allgemeinverständlich und immer unterhaltend sein muß, sowie auf der Frische einer unermüdlichen Wirksamkeit. Aber Herr Androssow trat im „Moskauer Beobachter“ kaum merkbar hervor. Wenn die Herausgeber die Absicht hatten, einen Redakteur an die Spitze des Blattes zu stellen, der nur seinen Namen dazu hergab, wie das bei der allgemeinen Trägheit, die bei uns in Rußland herrscht, üblich geworden ist, dann hätten sie die redaktionelle Arbeit unter sich verteilen müssen. Aber sie überließen dem Redakteur die ganze Verantwortung, und der „Moskauer Beobachter“ glich bald einem jener gelehrten Vereine, deren Mitglieder überhaupt gar nichts tun, ja nicht einmal zu den Sitzungen erscheinen, während sich der Präsident jeden Tag einfindet, in seinem Lehnstuhl Platz nimmt und das Protokoll dieser spärlich besuchten Sitzung abfassen läßt. Immerhin enthielt die Zeitschrift ein paar recht gute Aufsätze und Gedichte von Jasikow und Baratinski; diese Juwelen unserer russischen Literatur gereichten ihr zur höchsten Zierde, dennoch aber spürt man in der Zeitschrift nichts von dem Puls des modernen Lebens oder von einer regen und bewegten Tätigkeit; auch fehlte es ihr an jener Mannigfaltigkeit, an der es einem periodisch erscheinenden Blatte nicht fehlen darf. Die wertvollen Aufsätze, die in dieser Zeitschrift erschienen, glichen wenigen grünen Oasen, die aus einem ganzen Meer sandiger Steppen auftauchten. Auch schienen die Herausgeber nur geringe Kenntnis davon zu haben, was dem Publikum gefällt und was nicht. Oftmals verfielen auch gute Aufsätze der Langenweile, nur weil sie sich durch mehrere Nummern hinzogen und stets mit der Unterschrift versehen waren: „Fortsetzung folgt“. Dies war die Zeitschrift, die die Aufgabe hatte, den Kampf mit der „Lesebibliothek“ aufzunehmen.

Der „Beobachter“ begann mit einem oppositionellen Aufsatz von Schewyrew über die Handelsgeschäfte, wie sie in unserer Literatur aufgekommen waren. Der Autor zog gegen den Handelsgeist in unserer Gelehrtenwelt zu Felde, d. h. gegen das allgemeine Bestreben, sich aus der literarischen Arbeit eine Erwerbsquelle zu schaffen. Der Hauptfehler dieses Aufsatzes lag darin, daß der Autor seine Aufmerksamkeit nicht auf den Kernpunkt richtete. Sodann donnerte er gegen alle, die für Geld schreiben, ohne jedoch die Anschauungen des Publikums über den inneren Wert der Ware zu widerlegen. Dieser Artikel war nur den Literaten verständlich, bereitete der „Lesebibliothek“ ein Ärgernis, bot jedoch dem Publikum keinerlei Belehrung, das nicht einmal begriff, um was es sich handelte. Außerdem war dieser Ausfall sogar völlig unberechtigt, da er sich gegen ein unverbrüchliches Gesetz jeglicher Tätigkeit richtete. Die Literatur mußte sich in ein Handelsunternehmen verwandeln, weil die Zahl der Leser und das Bedürfnis nach Lektüre gewachsen war. Es ist nur natürlich, daß in solch einem Fall die unternehmungslustigen Menschen, ohne viel Talent, stets im Vorteil sind, wie bei jedem Handelsgeschäfte; wo ein gewandter und geriebener Kaufmann einem einfältigen Käufer gegenübersteht, trägt der erstere den Gewinn davon. Man mußte darauf hinweisen, worin der Betrug besteht, und nicht die Höhe der Gewinne abschätzen. Es ist noch kein Unglück, daß ein Literat sich ein einträgliches Haus oder ein paar Pferde anschafft; das Schlimme ist nur, daß dem armen Volk schlechte Ware geliefert wurde, und daß es sich noch etwas auf diese Ware zugute tut. Herr Schewyrew hätte die Aufmerksamkeit auf die armen Käufer und nicht auf die Händler lenken müssen. Die Händler sind meist zugereiste Leute; heute sind sie hier und morgen sind sie weiß Gott wo. Bei dieser Gelegenheit bekam auch der Buchhändler Smirdin einen sehr ungerechten Vorwurf zu hören: dieser hatte sich nichts zuschulden kommen lassen und hätte für seinen Unternehmungsgeist und sein redliches Wirken nichts als Dankbarkeit verdient. Kein Zweifel, er hat manchen Leuten zuviel Freiheit gelassen, die sich lieber mit Handelsgeschäften als mit der Literatur hätten beschäftigen sollen. Das Talent kriecht nicht und schmeichelt nicht, wohl aber die Habgier. Sich hierüber zu beklagen, wäre ebenso komisch und seltsam, wie wenn man sich über die Regierung beklagen wollte, wenn man einmal einem kurzsichtigen Beamten begegnet. Für das Talent ist die Nachwelt da, dieser unbestechliche Juwelier, der nur reinen Brillanten eine Fassung gibt. Herr Schewyrew bewies in seinem Aufsatz zwar einen edlen Zorn gegen die prosaische und unwürdige Richtung in unserer Literatur, aber auf die Mehrzahl des Publikums machte dieser Artikel nicht den geringsten Eindruck. Die „Bibliothek“ antwortete nur kurz und ganz nach der Art ihrer gewöhnlichen Taktik; sie wandte sich an die Zuschauer, d. h. an ihre Abonnenten, und sagte: „Seht, was für eine unvornehme Gesinnung Herr Schewyrew an den Tag gelegt hat, welchen Mangel an Anstand und an vornehmen Gefühlen, indem er uns beschuldigte, daß wir nur für Geld arbeiten, während wir doch ...“ usw. Das ist die allgemeine Taktik unserer Petersburger Zeitschriften und Tagesblätter, sowie ihnen irgend jemand ihre Habgier und ihre Untätigkeit zum Vorwurf macht, beklagen sie sich sofort bei dem Publikum über die unanständige Ausdrucksweise und den unvornehmen Charakter ihrer Gegner und sie erklären, der betreffende Aufsatz sei nur geschrieben worden, um das Publikum zu reizen und ihm das Geld aus der Tasche zu locken. Und daher hielten sie es ihrerseits für ihre heilige Pflicht, das Publikum zu warnen.

Und so kam es denn, daß der Ausfall des „Moskauer Beobachters“ an der „Lesebibliothek“ abprallte wie eine Flintenkugel am dicken Fell eines Nashorns, wobei der plumpe Vierfüßler nicht einmal nieste. Nachdem der „Moskauer Beobachter“ seine Kugel abgeschossen hatte, hüllte er sich in Schweigen — ein Beweis dafür, daß er noch gar keinen wohlüberlegten Aktionsplan entworfen hatte und absolut nicht wußte, wie und womit er anfangen solle. Man hätte entweder gar nicht anfangen sollen, oder, wenn man einmal begonnen hatte, nicht so bald wieder aufhören dürfen. Nur durch eine unablässige Tätigkeit hätte der „Beobachter“ durchdringen und seinen Namen im Publikum bekannt machen können, wie das einstmals dem „Telegraph“ gelungen war, der in der gleichen Weise und unter beinahe gleichen Verhältnissen gewirkt hatte. Der „Beobachter“ ließ bald darauf noch einige Nummern erscheinen, ohne jedoch auch nur in einer etwas zur Verteidigung und zur Begründung seiner Anschauungen zu sagen. Endlich, nachdem schon mehrere Nummern erschienen waren, druckte er einen Aufsatz, der sich gegen Brambeus richtete und sich auf einen vor längerer Zeit in der „Bibliothek“ abgedruckten Artikel bezog. Dieser Aufsatz hatte den Namen „Brambeus und die junge Literatur“ getragen, und Brambeus hatte sich in ihr als Gesetzgeber und Schöpfer einer neuen Schule und als Führer einer neuen Epoche — der russischen Literatur bezeichnet.

Dies war allerdings sehr merkwürdig. Es ist ja schon vorgekommen, daß Literaten sich selbst gelobt haben, indem sie sich entweder den Namen ihrer Freunde beilegten, oder auch in ihrem eigenen Namen; aber wenn sie es taten, so geschah es immerhin mit einer gewissen Schamhaftigkeit, worauf sie es später selbst versuchten, die ganze Sache eigenhändig wieder zu vertuschen, da sie fühlten, daß sie sich etwas vergeben hatten. Noch nie aber hat ein Autor sich selbst so frei, so ungeniert gelobt, wie der Baron Brambeus. Dieser originelle Artikel war allzu aufsehenerregend, als daß er unbemerkt bleiben konnte. Das „Teleskop“ nahm ihn sich vor und spottete recht kurzweilig aber freilich nur ganz flüchtig über ihn. Auch Herr Wojeikow wies mit seiner gewöhnlichen Schlauheit auf ihn hin, und schließlich hatte der Aufsatz auch einen Artikel im „Moskauer Beobachter“ zur Folge. Der Zweck dieses Artikels war, den Beweis zu führen, aus welchen Quellen das Talent und die Berühmtheit des Barons Brambeus herstammen, welche Werke fremder Autoren er benutzt, als ob sie sein eigenes Eigentum wären, kurz, aus was für Lappen sich Baron Brambeus seinen Schlafrock zusammengeflickt hätte. Einige anonyme Bücher, die bald danach erschienen, brachten den „Moskauer Beobachter“ in gänzliche Vergessenheit. Selbst die „Lesebibliothek“ hörte schließlich auf, ihn noch weiter zu erwähnen, ein so ohnmächtiger Gegner war er geworden; sie fuhr nach wie vor fort, über Wichtiges und Unwichtiges zu scherzen, und schrieb über alles, was ihr gerade unter die Feder kam.

Dies waren die Taten unserer Zeitschriften. Nachdem wir diese dargestellt, wollen wir zusehen, ob sie in diesen zwei Jahren etwas geleistet haben, was in der Geschichte der Literatur niedergelegt zu werden verdient oder ihr einen eigenartigen Zug aufzuprägen geeignet wäre, zu was für Anschauungen, was für Meinungsäußerungen sie den Grund gelegt, was sie festgestellt und welchem Gedanken sie Bürgerrecht verschafft haben. Ein langes Programm, das Aufsätze über Statistik, Medizin, Literatur usw. verspricht, hat gar keine Bedeutung. Die Ankündigung, daß die Kritik wohlwollend, frei von persönlicher Gehässigkeit und unparteiisch sein werde, bestimmt auch noch kein festes Ziel. Und doch sollte ein solches Ziel die notwendige Voraussetzung einer jeden Zeitschrift sein. Selbst die große Zahl der in ihr erscheinenden Aufsätze hat noch keine Bedeutung, wenn die Zeitschrift keine eigene Meinung hat, und wenn in ihr keine, und sei es nur eine einzige Richtung, zum Ausdruck kommt, die auf ein bestimmtes Ziel hinweist. Die Herausgabe des „Telegraph“ hatte doch offenbar den Zweck, alle möglichen veralteten eingewurzelten, fast mechanisch gewordenen Gedanken unserer derzeitigen Verfechter des Alten und der Klassiker zu stürzen. Der „Moskauer Beobachter“, eine der besten Zeitschriften, obwohl in ihm nicht viel von einer modernen Bewegung zu spüren war, hätte die Aufgabe gehabt, das Publikum mit den hervorragendsten Schöpfungen Europas bekannt zu machen, den Kreis unserer Literatur zu erweitern und uns neue Vorstellungen über die Schriftsteller aller Zeiten und Völker zu vermitteln. Hier ist nicht der Platz, davon zu reden, inwieweit diese beiden Zeitschriften ihren Zweck erfüllt haben; zum mindesten konnten die Leser in ihnen ein solches Streben bemerken. Aber man sehe sich einmal die Zeitschriften, die in den zwei letzten Jahren erschienen sind, aufmerksam an; man versuche es, den Grundgedanken einer jeden festzustellen. Man wird vergeblich nach einem solchen Grundgedanken suchen. Wenn man einen der Bände aufschlägt, ist man erstaunt über die Armseligkeit und Belanglosigkeit der Gegenstände, die dort behandelt werden. Darnach könnte man meinen, in der literarischen Welt habe auch nicht ein einziges wichtiges Ereignis stattgefunden. Und dennoch ist

1. der berühmte Schotte gestorben, der große Künder des Herzens, der Natur und des Lebens, dieser reichste, mannigfaltigste Genius des XIX. Jahrhunderts;

2. hat in der gesamten europäischen Literatur eine neue Geschmacksrichtung voller Unruhe, Erregung und Bewegung die Oberhand gewonnen. Es erschien eine Reihe unreifer, zusammenhangsloser jugendlicher Werke, die jedoch eine starke Begeisterung und eine mächtige Glut ausströmten: eine Folge der politischen Gärungen des Landes, in dem sie entstanden. Diese seltsame Literatur, unruhig wie ein Komet und ebenso unorganisch wie er, hat Europa lebhaft erregt und sich schnell bis an alle Enden der literarischen Welt verbreitet. Und wenngleich diese Erscheinungen einen universellen europäischen Charakter tragen, so haben sie doch auch auf Rußland einen Einfluß ausgeübt; aber fassen wir einmal die rein russischen literarischen Ereignisse ins Auge;