Dies waren die Tätigkeit und die Leistungen des Leiters der „Lesebibliothek“. Wir hielten es für nötig, etwas ausführlicher auf sie einzugehen, da er in der „Lesebibliothek“ Alleinherrscher war, und weil seine Ansichten sich mit großer Geschwindigkeit zugleich mit den viertausend Exemplaren des Journals über das ganze Rußland verbreiteten.

Eine Zeitschrift, die mit den vom Buchhändler Smirdin zur Verfügung gestellten Mitteln herausgegeben wurde, konnte unmöglich ganz schlecht sein. Sie hatte schon den großen Vorzug, daß jede Nummer einen großen Umfang hatte und als dicker Band erschien. Das war eine angenehme Neuerung für die Abonnenten, besonders für die Bewohner unserer Städte und die Gutsbesitzer auf dem Lande. Die „Bibliothek“ brachte mitunter interessante Aufsätze aus ausländischen Zeitschriften, und in dem lyrischen Teile begegnete man den Namen der Leuchten unseres russischen Parnasses. Am besten aber war stets die Rubrik „Vermischtes“, die eine bunte Menge der neuesten Neuigkeiten enthielt. Dieser Teil hatte etwas Lebendiges und echt Journalistisches. Die schöne Prosaliteratur, sowohl die Originale wie die Übersetzungen, die Erzählungen usw. ließen auf wenig Geschmack und wenig Verständnis bei der Auswahl schließen. In der „Lesebibliothek“ pflegte auch etwas vorzukommen, was bis dahin in Rußland unerhört war. Der Leiter korrigierte und arbeitete fast alle Aufsätze um, die in ihr zum Abdruck kamen, und merkwürdigerweise gestand er das ganz kühn und offen ein: „Bei uns in der ‚Lesebibliothek‘ herrscht ein anderes Prinzip als bei anderen Zeitschriften,“ erklärte er einmal, „wir behalten keine Erzählung in ihrer ursprünglichen Form bei, alle werden umgearbeitet, zuweilen ziehen wir zwei, zuweilen auch drei zu einer zusammen, und die Aufsätze gewinnen außerordentlich durch unsere Umarbeitungen.“ Solch eine seltsame Bevormundung war bisher in Rußland nicht üblich.

Viele Schriftsteller fingen an zu fürchten, das Publikum könne Aufsätze, die häufig ganz ohne Unterschrift erschienen, oder mit fingierten Namen gezeichnet waren, für Arbeiten von ihnen halten, und zogen sich deshalb von der Mitarbeit an dieser Zeitschrift zurück. Die Zahl der Teilnehmer schmolz so zusammen, daß die Herausgeber bereits im zweiten Jahre keine lange Liste von Namen aufstellen konnten, sondern nur dunkel andeuteten, daß sie die besten Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zählten, ohne sie jedoch zu nennen. Und obgleich die Zeitschrift weder ihr Format noch auch ihr Wesen änderte, wurden doch die Aufsätze merklich schlechter: ein gewisser Mangel an Sorgfalt machte sich fühlbar. Schon wurde die „Bibliothek“ in den Hauptstädten weniger gelesen, in der Provinz dagegen fand sie noch denselben Absatz, und die in ihr vertretenen Anschauungen verbreiteten sich ebenso rasch. Wenden wir uns jetzt zu den anderen Zeitschriften.

„Die Nordische Biene“ brachte alle offiziellen Nachrichten und erfüllte in dieser Beziehung ihre Aufgabe. Sie enthielt politische Mitteilungen und die neuesten Nachrichten des Aus- und Inlands. Ihr Redakteur, Herr Gretsch, erreichte bei ihrer Leitung eine hohe Stufe der Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit, sie erschien immer zur rechten Zeit; in literarischer Hinsicht aber fehlte es ihr an jeder festen und bestimmten Note und sie ließ keine starke Hand erkennen, die den in ihr vertretenen Anschauungen eine bestimmte Richtung gab. Das war eine Art Korb, in den ein jeder hineinwarf, was ihm gerade in den Sinn kam. Die Bücherrezensionen, die fast immer wohlwollend waren, wurden von den Freunden und mitunter von den Schriftstellern selbst geschrieben. In der „Nordischen Biene“ erprobten mancherlei anonyme Autoren, die sich hinter verschiedenen Buchstaben versteckten, die Schärfe ihrer Federn — ohne Zweifel noch recht junge Leute, denn in ihren Aufsätzen machte sich ein erhebliches Maß von Keckheit bemerkbar. Meist richteten sie ihre Angriffe auf Leute, die sich gar nicht verteidigen konnten, und auf arme hilflose Waisen. Auch las man da allerhand geistreiche Bosheiten, die sich übrigens alle ziemlich ähnlich sahen und gegen allerhand unsaubere Publikationen richteten. Das Wesen dieser Rezensionen bestand gewöhnlich darin, daß man das Buch nach allen Richtungen lobte und dann zum Schluß alle Verantwortung mit den Worten ablehnte: „Übrigens wäre es wünschenswert, daß der verehrte Herr Autor einige kleine stilistische und sprachliche Fehler verbessere“ oder „Ein gutes Buch verlangt auch eine gute Ausstattung“ und dergleichen, woraufhin sich der Verfasser des rezensierten Buches gewöhnlich gekränkt fühlte und sich über die Parteilichkeit des Kritikers beklagte. Die Bücher wurden häufig von denselben Rezensenten besprochen, die Berichte über die Eröffnung einer neuen Tabaksfabrik in der Hauptstadt, über Pomoden usw. schrieben; diese Berichte waren mitunter sehr geistreich, und die darin enthaltenen Witze ließen auf wohlerzogene Leute schließen, die ohne allen Zweifel gute Gründe hatten, mit den Fabrikbesitzern zufrieden zu sein. Übrigens konnte man von der „Nordischen Biene“ auch nicht mehr verlangen; dies war eine stets pünktlich erscheinende, alljährliche Affiche, ihre Aufgabe bestand darin, das Publikum einzuladen, das Urteil aber überließ sie dem Leser selbst.

Die Zeitschrift, die den Titel der „Sohn des Vaterlandes“ und das „Nördliche Archiv“ trug, blühte die ganze Zeit über im Verborgenen. Niemand sprach von ihr, niemand berief sich auf sie, trotzdem aber erschien sie regelmäßig einmal die Woche und war auf ihrer Rückseite ein so ungeheures Programm abgedruckt, wie man es schwerlich noch irgendwoanders finden wird. Der „Sohn des Vaterlandes“ (so versprach das Programm) würde Aufsätze über Archäologie, Medizin, Jurisprudenz, Statistik, russische Geschichte, allgemeine Geschichte, russische Literatur, ausländische Literatur und endlich noch über Literatur überhaupt, über Geographie, Ethnographie usw., eine historische Galerie usw. bringen. Manch ein Leser wird die Hände zusammenschlagen, wenn er ein solch fürchterliches Programm liest, und meinen, dies wäre die gewaltigste Enzyklopädie gewesen, die es je in der Welt gegeben hat. Aber keine Spur davon: statt dessen erschien ein mageres, dünnes Büchlein im Umfang von drei Bogen, das meist mit einem Aufsatz über irgendeine Krankheit begann, der nicht einmal von Medizinern gelesen wurde. Kritische Aufsätze und gar solche von lebendigem aktuellem Inhalt gehörten keineswegs zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Die politischen Nachrichten dieser Zeitschrift bestanden in denselben trockenen Fakten aus der „Nordischen Biene“ und waren infolgedessen schon alle bekannt. Dazwischen kamen auch recht merkwürdige Originalerzählungen zum Abdruck; sie waren ungeheuer kurz und völlig farblos. Und selbst wenn dann einmal etwas Bemerkenswertes darunter vorkam, so blieb es doch gänzlich unbeachtet. Die Namen der Redakteure, der Herren Bulgarin und Gretsch, prangten nur auf dem Titelblatt, und es gab nichts, was darauf hindeutete, daß sie wirklich an der Herausgabe mit beteiligt waren. Trotzdem aber existierte das Journal nun einmal, also mußte es doch Leser und Abonnenten haben. Diese Leser und Abonnenten bestanden aus allerhand ehrenwerten, alten Herren, die in der Provinz lebten und die ebensosehr das Bedürfnis hatten, etwas zu lesen, wie nach dem Mittagessen ein Stündchen zu schlafen und sich zweimal wöchentlich rasieren zu lassen.

Während dieser ganzen Zeit erschien in Petersburg noch eine rein literarische Zeitung, die sich gegen das Eindringen wissenschaftlicher Interessen und anderer ernster Beiträge zu schützen wußte; sie war weder politisch noch statistisch noch enzyklopädisch, sie trat für die alten Überlieferungen ein, hatte aber bei alledem einen besonderen Charakter. Diese Zeitung trug den Titel: „Literarische Beilage zum Invaliden“. In ihr erschienen kleine Erzählungen und Unterhaltungen ländlicher Gutsbesitzer über Literatur, diese waren häufig recht trivial, enthielten jedoch mitunter auch allerhand Bosheiten, die der Wahrheit sehr nahe kamen: der Leser bemerkte zu seiner Verwunderung, daß die Gutsbesitzer sich gegen Ende der Artikel in richtige Literaten verwandelten, die sich das Schicksal der modernen Literatur sehr zu Herzen nahmen und ihre Urteile mit ätzendem Spotte würzten. Diese Zeitschrift bekämpfte alle erfolgreichen Literaten, obwohl ihre ganze Taktik darin bestand, irgendeinen Passus zu zitieren, der auf eine gewisse Voreiligkeit, wie sie den Journalisten eigen ist, schließen läßt, und dann von sich aus eine recht boshafte Bemerkung hinzuzufügen, die nicht länger als eine Zeile und mit einem Ausrufungszeichen versehen war. Herr Wojeikow war ein eifriger Jäger; er saß wie ein Fischer mit seiner Angel am Ufer, ohne je die Geduld zu verlieren, obwohl meist nur kleine Fische auf seinen Köder anbissen, während sich die großen wieder losrissen und ins Wasser zurückschwammen. Man fühlte deutlich, daß der Redakteur eine wahrhafte literarische Ader besaß; sein Blick war stets mit nie erlahmender Aufmerksamkeit auf das journalistische Getriebe gerichtet. Ich weiß nicht, ob seine Zeitung viele Leser hatte, jedenfalls aber verdiente sie es, daß man hin und wieder einen Blick in sie warf.

In Moskau erschien nur eine Zeitschrift: „Das Teleskop“ mit einer kleinen Beilage von einigen Seiten, unter dem Namen „Fama“; diese Zeitschrift, die zu Anfang sehr lebhaft einsetzte, flaute jedoch sehr schnell ab und bildete ein buntes Gemisch von allerhand Artikeln ohne jede literarische Bedeutung. Es war augenfällig, daß die Herausgeber sich nicht die geringste Mühe gaben und die einzelnen Nummern auf gut Glück und ohne jede Sorgfalt erscheinen ließen.

Das Monopol, das die „Lesebibliothek“ an sich gerissen hatte, mußte alle übrigen Zeitschriften an ihrer empfindlichen Stelle treffen. Aber die „Nordische Biene“ wurde von demselben Herrn Gretsch herausgegeben, dessen Name eine Zeitlang auf dem Titelblatt der „Bibliothek“ stand, deren Chefredakteur er angeblich war, obgleich dies Amt, wie wir schon gesehen haben, nur ein Ehrentitel war; es war daher nur natürlich, daß die „Nordische Biene“ alles, was in der „Bibliothek“ erschien, loben und ihren wahren Spiritus rector, der unter einer Reihe von Decknamen schrieb, einen russischen Humboldt nennen konnte. Aber auch ohne dies wäre diese Zeitschrift wohl kaum als kräftige Gegnerin in Betracht gekommen, da sie von keinem einheitlichen Willen geleitet wurde; die verschiedenen Literaten blickten dort nur hin und wieder, wenn sie es gerade nötig hatten, hinein. Auch der „Sohn des Vaterlandes“ mußte nachsprechen, was die „Biene“ sagte. Und so konnten nur zwei Zeitschriften gegen seine Anschauungen Front machen. Herr Wojeikow nahm in der „Literarischen Beilage“ einen Anlauf zur Opposition; aber diese Opposition bestand lediglich in kleinen Bemerkungen über allerhand journalistische Schnitzer und in ein paar glücklichen Witzen, die sich in wenigen kurzen Worten und in einem Spott äußerten, der von einzelnen Literaten sehr gut verstanden, von den Uneingeweihten aber kaum bemerkt wurde. Niemals ließ er eine ausführliche und gründliche Kritik erscheinen, die die Richtung der neuen Zeitschrift in irgendeiner Weise kennzeichnete. „Das Teleskop“ arbeitete in Gemeinschaft mit der „Fama“, und zwar gegen die „Lesebibliothek“, aber es tat dies ohne jede Energie, Ausdauer und ohne die dazu notwendige Geduld und Kaltblütigkeit. Seine kritischen Aufsätze waren oft von Ärger über einen glücklichen Neuling erfüllt; es spottete über den Barontitel des Herrn Ssenkowski, machte einige richtige Bemerkungen über sein seltsames Kopieren der französischen Schriftsteller, traf aber nicht den Kern der Sache. In der „Fama“ wiederholten sich dieselben Anspielungen auf Herrn Brambeus, und zwar oft in der Analyse völlig belangloser Werke. Außerdem schadete sich „Das Teleskop“ außerordentlich durch das verspätete Erscheinen der Nummern und die mangelnde Sorgfalt, mit der es redigiert wurde; und so kam es, daß seine kritischen Artikel noch weniger verbreitet waren.

Es ist klar, daß die Kräfte und Mittel dieser Zeitschriften gegenüber der „Lesebibliothek“ kaum in Betracht kamen, die unter ihnen wie ein Elefant unter winzigen Vierfüßlern erschien. Der Kampf war zu ungleich, und, wie es scheint, zog man nicht in Erwägung, daß die „Lesebibliothek“ gegen fünftausend Abonnenten hatte, daß die von ihr vertretenen Anschauungen selbst in solche Gesellschaftskreise drangen, wo man noch nie etwas von der Existenz des „Teleskops“ und der „Literarischen Beilage“ gehört hatte, und daß die Ideen und die in der „Lesebibliothek“ erscheinenden Aufsätze von den Herausgebern derselben „Lesebibliothek“, die sich hinter verschiedenen Namen versteckten, aufs höchste gelobt und herausgestrichen wurden, und zwar mit einem Enthusiasmus, der seine Wirkung auf einen großen Teil des Publikums nie verfehlte; denn was dem Gebildeten lächerlich scheint, das nimmt der beschränkte Leser in all seiner Einfalt für bare Münze, und man konnte annehmen, daß bei der Abonnentenzahl der Bibliothek die Anzahl der letzteren weit größer war; dazu kommt, daß die meisten Abonnenten der „Lesebibliothek“ Neulinge waren, d. h. solche, die früher noch keine Journale gelesen hatten und infolgedessen alles für die lauterste Wahrheit hielten, und daß endlich die „Lesebibliothek“ eine starke Stütze in den viertausend Exemplaren der „Nordischen Biene“ fand.

Die Entrüstung über dies unerhörte Monopol wurde schließlich sehr stark. Endlich entschlossen sich einige Literaten in Moskau dazu, ihre eigene Zeitschrift herauszugeben. Diese neue Zeitschrift war eine Notwendigkeit nicht sowohl für das Publikum, d. h. für die größte Zahl der Leser, als vielmehr für die Literaten, die in verschiedenem Maße unter der „Bibliothek“ zu leiden hatten. Sie war eine Notwendigkeit erstens für die, die einer Freistatt bedurften, in der sie ihre Anschauungen äußern konnten, denn die „Lesebibliothek“ nahm keine kritischen Aufsätze auf, wenn sie nicht dem Geschmack des Chefredakteurs entsprachen, und zweitens für die, die zu ihrem Erstaunen erfahren mußten, wie der Redakteur die Hand an ihre eigenen Werke legte; denn Herr Ssenkowski war bereits so weit gelangt, daß er alle der Bibliothek eingesandten Artikel ohne Ansehen der Person ihrer Autoren einer Bearbeitung unterzog. Er korrigierte Aufsätze militärischen, historischen, literarischen, nationalökonomischen Inhaltes usw., und das tat er alles ohne jede böse Absicht, ohne sich weiter Rechenschaft abzugeben, oder sich dabei von einem Gefühl der Notwendigkeit und des Anstandes leiten zu lassen, ja, er dichtete sogar zu einer Komödie von Von-Wisin einen eigenen Schluß hinzu, ohne zu berücksichtigen, daß diese ja schon ohnedies einen Schluß hatte.