Aufsätze aus Puschkins „Zeitgenossen“ („Sowremennik“)

I
Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur
der Jahre 1834-1835

Die Zeitschriftenliteratur, diese lebendige, frische, geschwätzige, feinfühlige Literaturgattung, ist ebenso notwendig für die Wissenschaft und die Kunst, wie die Verkehrsmittel für einen Staat, und wie die Messen und die Börsen für den Handel und die Kaufmannschaft. Sie leitet und lenkt den Geschmack der Menge, setzt alles in Umlauf und bringt alles in Verkehr, was sich in der Bücherwelt ans Licht wagt und was ohne sie in der einen wie in der anderen Beziehung nur totes Kapital wäre. Sie stellt den schnellen, eigenwilligen Austausch aller Anschauungen, das lebendige Wechselgespräch alles dessen dar, was unter der Buchdruckerpresse hervorkommt; ihre Stimme ist die wahre Repräsentantin der Ansichten einer ganzen Epoche und eines Jahrhunderts, solcher Ansichten, die ohne sie ungehört verhallen würden. Sie ergreift und zieht mit Absicht oder selbst, ohne es zu wollen, neun Zehntel alles dessen in ihr Bereich, was Eigentum der Literatur wird. Wie viele Leute gibt es nicht, die nur deshalb reden, kritisieren und Urteile fällen, weil alle diese Urteile ihnen schon beinahe fertig zugetragen werden, und die von sich aus nie eine Ansicht geäußert, über etwas geredet oder etwas kritisiert hätten! Und daher hat die Zeitschriftenliteratur jedenfalls ein Recht auf unsere größte Aufmerksamkeit.

Vielleicht hat sich der Mangel einer journalistischen Betätigung und einer lebendigen modernen Bewegung bei uns seit langem nicht so deutlich bemerkbar gemacht, wie in den zwei letzten Jahren. Der größte Teil unserer Zeitschriften zeichnete sich durch eine große Farblosigkeit aus. Viele von den alten Journalen waren eingegangen, andere vegetierten matt und langsam weiter, neue erschienen nicht, außer etwa der „Lesebibliothek“ und dem neueren „Moskauer Beobachter“, obgleich sich gerade um diese Zeit ein allgemeines Bedürfnis nach geistiger Nahrung fühlbar machte, und die Zahl der Leser um ein bedeutendes zugenommen hatte. So arm diese Epoche auch war, sie hat dasselbe Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, wie vielleicht eine solche voller Leben und Bewegung, denn sie gehört in gleicher Weise unserer Literaturgeschichte an. Die Leser hatten völlig recht, wenn sie sich über die Dürftigkeit und Armut unserer Zeitschriften beklagten: „Der Telegraph“ hatte schon längst den scharfen Ton nicht mehr, der durch seine feindliche Stellung gegenüber den Petersburger Journalen bedingt war. „Das Teleskop“ war mit Aufsätzen angefüllt, denen es an jeder Frische und lebendigen Aktualität fehlte. Um diese Zeit entschloß sich der Buchhändler Smirdin, der sich schon längst durch seine Regsamkeit und Gewissenhaftigkeit bekannt gemacht hatte, all seine kurzsichtigen Kollegen durch seine Unternehmungslust beschämte und durch seine Wirksamkeit eine gewisse Bewegung in den Buchhandel gebracht hatte, zu der Herausgabe einer großen allumfassenden Zeitschrift; dazu wollte er sämtliche Literaten, die es in Rußland gab, gewinnen und sie veranlassen, sich an seinem Unternehmen zu beteiligen. Der Prospekt umfaßte nahezu alle Namen unserer russischen Schriftsteller. Der Professor der arabischen Literatur, Herr Ssenkowski, erklärte sich bereit, die Leitung der Zeitschrift zu übernehmen. Herr Gretsch, der bereits seit langem als Herausgeber zweier Journale, der „Nordischen Biene“ und des „Sohnes des Vaterlandes“ bekannt war, wurde ihm als Redakteur zur Seite gestellt. Wir wissen nicht, ob sie sich dieser Sache freiwillig annahmen, oder ob Herr Smirdin sie durch sein Bitten dazu bewogen hatte; wie dem auch sei, jedenfalls war man im allgemeinen darüber einig, daß der Buchhändler ein wenig unvorsichtig vorgegangen sei. Da er eine so große Anzahl von Literaten für seine Zeitschrift gewonnen hatte, hätte er die Wahl eines Redakteurs ihrem Gutachten überlassen müssen. Überdies ließen alle Beteiligten eine sehr wichtige Frage außer acht: sollte die Zeitschrift auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein, sollte sie eine bestimmte, im voraus festgelegte Richtung vertreten oder sollte sie ein Sammelplatz aller möglichen Anschauungen und Meinungen werden? Die Antwort, die die Zeitschrift auf diese Frage gab, war sehr zweifelhaft; wie gewöhnlich erklärte sie, die Kritik werde sehr wohlwollend und unparteiisch sein und sich jeder persönlichen Invektiven und unvornehmer Allüren enthalten; ein Versprechen, das jeder Journalist abzugeben pflegt. Aber schon mit dem Erscheinen des ersten Heftes überzeugte sich das Publikum sofort, daß die Zeitschrift durch den Ton, die Meinung und die Gedanken „eines einzelnen“ beherrscht wurde, und daß die Namen der Schriftsteller, deren glänzende Reihen eine halbe Seite des Titelblatts einnahmen, nur leihweise ausgeborgt worden waren, um eine größere Zahl von Abonnenten anzulocken.

Der Buchhändler Smirdin tat seinerseits alles, was das Publikum von ihm zu erwarten berechtigt war. Die Ehrlichkeit, die ihn immer ausgezeichnet hatte, bewies er auch wieder bei der Herausgabe der Zeitschrift. Die Zeitschrift erschien mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit: am Ersten jedes Monats erhielten die Abonnenten einen so dicken Band zugesandt, wie ihn ehedem keine von unseren Druckereien in zwei Monaten hätte herstellen können. Statt der angekündigten achtzehn Bogen gab er manchen Monat doppelt so viele. Sehen wir nun aber zu, ob auch die Männer, denen er die innere Organisation der Zeitschrift anvertraut hatte, ihre Pflicht erfüllten. Die Hauptperson, der Spiritus rector der ganzen Zeitschrift war Herr Ssenkowski. Der Name des Herrn Gretsch war nur pro forma mit herangezogen; jedenfalls war nichts davon zu merken, daß er an der Sache beteiligt war. Herr Gretsch ist schon seit langem der unvermeidliche Ehrenredakteur jeder neubegründeten Zeitschrift: wie man gewöhnlich einen würdigen, älteren Herrn auffordert, bei allen Hochzeiten den Brautvater zu spielen. Aber was für ein Ziel hatte die Redaktion dieser Zeitschrift im Auge, welches Problem beabsichtigte sie zu lösen? Hier werden wir unwillkürlich nachdenklich, und ebenso wird es wohl auch dem Leser ergehen. Herr Ssenkowski hat im Programm nichts davon gesagt, was er sich für ein Ziel gesteckt habe und welche Richtung er einzuhalten gedenke; nur das eine war für alle klar ersichtlich, daß er sich sozusagen unbemerkt in die erste Nummer einschlich, um sich am Ende des Bandes ganz als Herr im Hause zu gebärden.

Übrigens darf man sich hierüber nicht beklagen: vielleicht ist ein gewisser scharfer Ton, und sogar eine gewisse Frechheit für den Journalisten unentbehrlich, was wir freilich keineswegs billigen, obgleich es uns bekannt ist, daß ein Journalist durch derartige Eigenschaften im Urteil der Menge immer nur gewinnt. Worauf aber richtete dieser neue Herr seine besondere Aufmerksamkeit? welch ein Gedanke beherrschte bei ihm alle anderen? wofür hatte er eine besondere Vorliebe? war etwas zu merken von jenen unverrückbaren Grundsätzen, ohne die ein Mensch charakterlos wird, die ihm eine gewisse Originalität verleihen und die seine Physiognomie bestimmen?

Wenn man alles, was er in dieser Zeitschrift veröffentlicht hat, durchliest, wenn man allen Worten, die er sagt, tiefer nachgeht, so kann man sich unwillkürlich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren: was hat das zu bedeuten? was veranlaßt diesen Mann zum Schreiben? Wir sehen einen Menschen vor uns, der sich sein Geld keineswegs ohne Gegenleistung erwirbt, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, der sich nicht nur um seine eigenen Aufsätze kümmert, sondern auch die fremden korrigiert und verbessert — mit einem Wort: einen Menschen, der unermüdlich tätig ist. Wozu dient nun diese ganze Tätigkeit? Sehen wir uns einmal den Leiter der Zeitschrift, wie er sich uns in den verschiedenen Gattungen seiner literarischen Werke darstellt, näher an, und sagen wir dann einige Worte über die Haupteigenschaften seiner Aufsätze, denn das ist durchaus und in jeder Beziehung eine Notwendigkeit.

Herr Ssenkowski tritt in seiner Zeitschrift auf als Kritiker, als Erzähler, als Gelehrter, als Satiriker, als Verkünder der neuesten Ereignisse usw. usw., und zwar unter den Namen Brambeus, Morosow, Tjutjundschu Oglu, A. Belkin und endlich in eigner Person. Als Gelehrter hat Herr Ssenkowski einen recht umfangreichen Aufsatz über die Sagen verfaßt — einen Aufsatz, der voller Hypothesen ist, und zwar nicht seiner eigenen, sondern solcher, die er auf gut Glück bei der flüchtigen Lektüre einiger Bücher aufgelesen hat; diese Hypothesen gehören nicht der russischen Geschichte an. Diese Sagen, die der scharfsinnige Schlözer, der bis jetzt in bezug auf die Strenge und die Tiefe seines kritischen Blicks nicht seinesgleichen gesunden, für Märchen erklärt hat, die keine Beachtung verdienen, diese Sagen macht Herr Ssenkowski zum Ecksteine der russischen Geschichte, ohne auch nur einen Beweis dafür anzuführen, der der Kritik standhält; es fällt ihm nicht ein, ihren einzigartigen, wahren Wert festzustellen. Die Sagen sind poetische Erzeugnisse eines Volkes, das eine große Rolle in der Geschichte gespielt hat. Dieser Aufsatz, der voll theoretischer Figuren ist, hat vielen braven, aber ein wenig beschränkten Leuten gefallen, und Herr Bulgarin hat sogar eine Rezension über ihn geschrieben, in der er Herrn Ssenkowski noch über Schlözer, Humboldt und alle Gelehrten stellt, die jemals existiert haben. Ein anderer Gegenstand, auf den Herr Ssenkowski sich sehr viel einbildet, und der sein eigentliches Steckenpferd ist, ist der Orient. Hier hat er schon von jeher seine Stimme erhoben, und sobald irgendein Artikel über den Orient erschien, oder dieser irgendwo erwähnt wurde, und sei es auch nur in einem Gedicht, wurde er zornig und behauptete, der Autor könne kein Urteil über den Orient haben, er dürfe nicht über ihn urteilen, denn er kenne den Orient gar nicht. Man verzeiht einem Menschen, der in seinen Gegenstand verliebt ist und der erkennt, wie wenig die anderen ihn verstehen, gern ein Wort der Empörung; aber dieser Mensch muß doch wenigstens eine anerkannte Autorität sein. Herr Ssenkowski hätte tatsächlich etwas über den Orient veröffentlichen sollen. Einem Menschen, der noch nichts geleistet hat, glaubt man nicht so leicht aufs Wort, besonders wenn seine Urteile so leichtfertig und vom Geist der Unduldsamkeit erfüllt sind; übrigens findet man in seinen kleinen Aufsätzen über den Orient dieselben Fehler, die er beständig bei anderen tadelt. In diesen Aufsätzen sagt er tatsächlich nichts Neues über den Orient — da findet man auch nicht einen kräftigen Zug, keinen großen Gedanken, ja nicht einmal eine geniale Vermutung! Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr Ssenkowski ein großes Wissen hat; im Gegenteil, man merkt sofort, daß er viel gelesen hat; aber man spürt nirgends etwas von jener bewegenden, alles beherrschenden Kraft, die ihn auf ein bestimmtes Ziel hin dirigiert. Dieses ganze Wissen ist in einer Art Gärung begriffen, eins widerspricht dem andern und verträgt sich nicht mit dem andern. Untersuchen wir einmal seine Ansicht über die moderne schöne Literatur. In seinen Kritiken läßt Herr Ssenkowski einen vollständigen Mangel an einer festen Anschauung erkennen, so daß keiner seiner Leser mit Bestimmtheit zu sagen vermöchte, was dem Rezensenten am besten gefällt, wovon seine Seele ergriffen ward, woran er Geschmack findet: er verrät in seinen Rezensionen weder einen positiven noch einen negativen Geschmack — sondern gar keinen. Das, was ihm heute gefällt, wird morgen zur Zielscheibe seines Spotts. Er war der erste, der Herrn Kukolnik neben Goethe gestellt hat, um dann zu erklären, er hätte dies nur aus einer gewissen Laune heraus getan. Folglich sind seine Rezensionen nicht die Frucht seiner Überzeugung oder seines Gefühls, sondern nur das Produkt von Stimmungen und Verhältnissen. Walter Scott, dieses große Genie, dessen unsterbliche Werke ein so umfassendes und vollendetes Bild des Lebens geben, Walter Scott wurde von ihm ein Charlatan genannt. Und das mußte Rußland lesen — das wurde zu Leuten gesagt, die bereits eine gewisse Bildung besaßen und die Walter Scott gelesen hatten. Man darf überzeugt sein, daß Herr Ssenkowski das unabsichtlich und nur aus Übereilung gesagt hat, denn er hat sich noch nie viel darum gekümmert, was er sagt, und er weiß im folgenden Artikel schon nicht mehr, was er im vorhergehenden geschrieben hat.

In seinen Analysen und Kritiken sprach Herr Ssenkowski auch niemals von dem inneren Charakter des Werkes, das er gerade untersuchte; nie gab er eine genaue und präzise Bestimmung seines wahren Wertes: seine Kritik bestand entweder in einem bedingungslosen Lob, in dem der Rezensent sich von Herzen an seinen eigenen Phrasen berauschte, oder in einem Tadel, aus dem eine seltsame Bitterkeit sprach. Sie drehte sich um lauter Kleinigkeiten und beschränkte sich darauf, zwei oder drei Sätze zu zitieren und sie dem Spott und Hohn preiszugeben. Nie wurde etwas davon erwähnt, was sich der Schriftsteller in seinem Werke für eine Aufgabe gestellt, wie er sie ausgeführt, und wenn er sie nicht ausgeführt hatte, wie er sie hätte ausführen sollen. Vor allem aber beschäftigte sich Herr Ssenkowski mit allerhand literarischem Unrat und einer großen Menge aller möglichen seichten Bücher — über sie machte er sich lustig, ergoß er seinen Spott und ließ bei dieser Gelegenheit jenem Witz freien Lauf, der einigen Lesern so wohl gefällt. Schließlich erhob er sogar ein großes Geschrei wegen der zwei Fürwörter „dieser“ und „jener“, die ihm aus einem unbekannten Grunde mit dem Geiste der russischen Sprache unvereinbar schienen. — Über diese zwei Fürwörter schrieb er ganze Traktate, und alle Aufsätze, die er über irgendein Thema verfaßte, schlossen immer damit, daß die Fürwörter „dieser“ und „jener“ durchaus zu verwerfen wären. Dies erinnerte an den alten Prozeß Tredjakowskis gegen den Buchstaben y (is hiza) und das i (den zehnten Buchstaben des russischen Alphabets), eine Sache, die erst vor kurzem von einem Professor von neuem aufgenommen wurde. Ein Buch, in dem Herr Ssenkowski diesen beiden Wörtlein begegnete, wurde feierlich als schlecht geschrieben abgelehnt.

Seine eigenen Werke, seine Erzählungen und dergleichen erschienen unter der Firma Brambeus. Diese Erzählungen und Aufsätze in Form von Erzählungen fielen allgemein auf durch ihre sklavische und übertriebene Nachahmung moderner französischer Autoren, besonders weil Herr Ssenkowski die ganze zeitgenössische französische Literatur schlecht zu machen suchte. Es ist unbegreiflich, wie wenig Scharfsinn er in diesem Fall entwickelte und für wie einfältig er seine Leser hielt. Außerdem ist es ganz unverständlich, weshalb er einigen seiner Aufsätze das Prädikat „phantastisch“ verlieh. Ein absoluter Mangel an Wahrheit, Natur und Wahrscheinlichkeit genügt noch nicht, um das Prädikat „phantastisch“ zu rechtfertigen. Die phantastischen Werke des Barons Brambeus erinnern an jene Bücher, die einige Zeit lang in großer Menge erschienen, wie etwa das folgende: „Wenn’s dir nicht paßt, so hör’ nicht zu, doch stör’ mich nicht im Lügen“ und ähnliche. Hier finden wir dieselbe Leichtfertigkeit, ja, der Autor macht nicht einmal den Versuch, seine Gedanken zu rechtfertigen. Erfahrene Leser wollen oft eine ganze Reihe von Entlehnungen entdeckt haben, die sich der Autor in der Eile und in der Hast, mit der er weiterstürmte, gestattete; er kümmerte sich nur wenig um ihren Zusammenhang, und so verlor das, was im Original noch einen Sinn hatte, in der Kopie jegliche Bedeutung.