Den Ersten.
Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs höchste erstaunt! Was für Gründe mögen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich? Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mächten. Ich ging auf die Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen wären; aber der Postmeister ist furchtbar dumm — er weiß von nichts: „Nein,“ sagt er, „hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten Taxe befördern.“ Hol’ ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein Brief! So ein Unsinn — Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies wäre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt.
Madrid, den 30. Februarius.
Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, daß ich gar keine Zeit hatte, zu mir zu kommen. Heute früh erschienen die spanischen Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich wunderte mich sehr über die ungewöhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so schnell, daß wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze erreicht hatten. Übrigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen, und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge Menschen, die alle rasierte Köpfe hatten. Ich erriet sofort, daß das Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Köpfe zu rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand führte, erschien mir jedoch sehr merkwürdig: er stieß mich in eine kleine Stube und sagte: „Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspüren solltest, dich König Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Späße schon ausprügeln.“ Aber da ich wußte, daß er mich nur auf die Probe stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der Kanzler zweimal auf den Rücken schlug, daß ich vor Schmerz beinah laut aufgeschrien hätte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte, daß dies der Ritterschlag war, den man bei der Übernahme einer hohen Würde erhält — in Spanien haben sich nämlich die alten Rittersitten noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschloß ich, an die Staatsgeschäfte zu gehen. Ich entdeckte, daß China und Spanien ein und dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit für zwei verschiedene Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das morgen stattfinden soll, erfüllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird sich etwas Außerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond setzen. Auch der berühmte englische Chemiker Wellington schreibt hierüber. Ich muß gestehn, beim Gedanken an die außerordentliche Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fühlte ich eine große Unruhe in meinem Herzen. Der Mond wird doch gewöhnlich in Hamburg gemacht, und man muß sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, daß sich England nicht darum kümmert. Er wird von einem lahmen Böttcher hergestellt, und man merkt gleich, daß der Kerl keine Ahnung vom Monde hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Baumöl; daher auch dieser schreckliche Gestank, der sich überall auf der Erde verbreitet, daß man sich die Nase zuhalten möchte. Daher ist der Mond auch eine so zarte Kugel, daß keine Menschen auf ihm leben können und daß er nur noch von Nasen bewohnt wird. Darum können wir ja auch unsere Nasen nicht sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, daß die Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen zu Mehl zermahlen könnte, ergriff mich solch eine Unruhe, daß ich schnell Schuhe und Strümpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief, um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in großer Zahl im Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente Gesellschaft; als ich sagte: „Meine Herren! wir müssen den Mond retten, die Erde will sich auf ihn setzen!“ da erhoben sich alle und stürzten alle fort, um meinen königlichen Willen auszuführen, ja, viele kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick trat der große Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon. Ich, der König, blieb allein da. Aber zu meinem größten Erstaunen schlug mich der Kanzler mit seinem Stock über den Rücken und trieb mich in mein Zimmer. So groß ist die Macht der spanischen Volkssitten.
Im Januar desselben Jahres,
der auf den Februar folgte.
Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien für ein merkwürdiges Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz ungewöhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich — ich verstehe nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus Leibeskräften schrie und rief, ich wolle kein Mönch werden. Aber was dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen ließen, das weiß ich nicht mehr. Solch eine Höllenpein habe ich noch nie gefühlt. Ich wäre fast rasend geworden, so daß sie mich nur mit Mühe bändigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft der Könige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hände der Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, daß der, den ich für den Kanzler hielt, der Großinquisitor in eigener Person ist. Aber ich kann’s nicht begreifen, daß der König der Inquisition verfallen konnte. Es ist zwar möglich, daß Frankreich, und besonders Polignac dahinter steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich weiß wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Engländer sind große Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzüge. Das ist doch weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt — muß Frankreich niesen.
Den 25.
Heute kam der Großinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus der Ferne herankommen hörte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er: „Poprischtschin!“ Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er: „Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann!“ Ich schwieg noch immer. „Ferdinand VIII., König von Spanien!“ Ich wollte meinen Kopf vorstecken, dachte mir aber: „Nein, mein Lieber, du betrügst mich nicht, ich kenne dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gießen.“ Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! Übrigens hat mich eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, für alles entschädigt: ich habe nämlich bemerkt, daß es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nähe der Schwanzfedern. Der Großinquisitor verließ mich übrigens in sehr übler Laune und drohte mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmächtigen Zorn, da ich weiß, daß er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument in Händen Englands ist.
D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349.
Nein, ich kann’s nicht länger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit mir an! Sie gießen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner nicht, sie sehen und hören nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan? Warum quälen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was könnte ich ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich quälen, mein Kopf brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich! Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfüßiger Rosse, die dahinstürmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker! läute, läute, mein Glöcklein, stürmt vorwärts, ihr meine Rosse, und tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit seinen dunkeln Bäumen zieht mondbestrahlt an mir vorüber. Grauer Nebel breitet sich zu meinen Füßen, und eine Saite tönt in ihm. Rechts das Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rußlands Hütten vor mir auf! Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein Mütterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass eine Träne auf seinen kranken Kopf fallen! blick’ hin, wie sie ihn quälen! drück’ ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz für ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, daß der Bei von Algier eine Warze unter der Nase hat?