Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene Gründe und Bedenken hielten mich zurück. Die spanischen Angelegenheiten wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur möglich, daß eine Donna König wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von Österreich und unser Kaiser ... Ich muß sagen, diese Ereignisse haben mich dermaßen erschüttert und niedergeschmettert, daß ich den ganzen Tag zu nichts fähig war. Mawra machte mir gegenüber die Bemerkung, daß ich beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, daß sie zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte über die spanischen Angelegenheiten nach.
Im Jahre 2000, den 43. April.
Der heutige Tag ist ein großer Jubeltag! Spanien hat wieder einen König! Er ist gefunden! Dieser König bin ich! Erst heute habe ich es erfahren. Ich muß gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, daß es damals niemand eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Früher dagegen — ich versteh’ es nicht — früher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, daß das Gehirn des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in Wirklichkeit trägt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst eröffnete ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, daß der spanische König vor ihr steht, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und starb fast vor Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen König gesehn. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gnädigen Worten mein Wohlwollen auszudrücken, indem ich ihr erklärte, ich sei gar nicht böse auf sie, weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht über höhere Dinge reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, daß alle spanischen Könige Philipp II. ähnlich seien. Aber ich setzte ihr auseinander, daß Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander hätten, und daß ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins Departement. Hol’ es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen Papiere abzuschreiben!
Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht.
Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu kommen; es ist schon bald drei Wochen, daß ich nicht in der Kanzlei war.
Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die Juden eingeführt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wäscht! ... Ich ging aber zum Spaß ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich würde ihn begrüßen und würde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgültig an, nicht zu böse, aber auch nicht zu freundlich, und ließ mich auf meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wüßtet, wer mitten unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was hätte sich da für ein Tumult erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef würde sich dann so tief vor mir verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich rührte keinen Finger. Ein paar Augenblicke später entstand eine allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten stürmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber rührte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung hindurchging, knöpften alle ihre Fräcke zu; aber ich tat nichts dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem aufstehen? — niemals! Was ist er auch für ein Direktor! Ein Stöpsel ist er, aber kein Direktor. Ein ganz gewöhnlicher Stöpsel — ein simpler Stöpsel, und weiter nichts — so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am meisten Spaß machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich würde ganz unten in einem Eckchen eine Unterschrift hinsetzen — Tischvorsteher Soundso — fiel mir ja gar nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo gewöhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit kräftigen Zügen: „Ferdinand VIII.“ Man hätte sehen müssen, was für ein ehrfürchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und sagte: „Ich bedarf keiner Zeichen der Untertänigkeit“ und ging hinaus. Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn derartig an, daß er die Hände sinken ließ. Von dort schritt ich geradaus in ihr Ankleidezimmer. Sie saß vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen Schritt zurück. Ich sagte ihr aber nicht, daß ich der König von Spanien bin. Ich sagte ihr nur, daß ihr ein so großes Glück bevorstehe, wie sie es sich wohl nicht träumen lasse, und daß wir trotz aller Intrigen unserer Feinde vereinigt bleiben würden. Mehr wollte ich auch nicht sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtückisches Geschöpf ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist! Bisher wußte noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste, der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hält sich die Lorgnette vor die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern. Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rücken steht. So — jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten — ganz sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Väter, die überall herumscharwenzeln, sich an den Hof drängen und laut erklären, sie seien Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz kommt nämlich daher, weil sich unter der Zunge ein kleines Bläschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Würmchen, so groß wie ein Stecknadelkopf, und das alles rührt von einem Bader her, der in der Erbsenstraße wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht völlig fest, daß er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon ein großer Teil der Bevölkerung den mohammedanischen Glauben bekennen.
Kein Datum, der Tag hatte kein Datum.
Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich ließ mir’s jedoch nicht merken, daß ich der König von Spanien bin. Ich hielt es nicht für angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem muß ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezögert, weil ich bis jetzt noch kein spanisches Nationalkostüm habe. Ich müßte mir wenigstens einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider einen bestellen — aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu kommt noch, daß sie sich gar nicht für ihre Arbeit interessieren, sie wollen nur Geschäfte machen, ihre Haupttätigkeit ist, die Straßen zu pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin entschieden, ihn mir selbst zu nähen, und zwar hinter verschlossenen Türen, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit einer Schere zerschnitten — weil der Schnitt ja ganz anders sein muß.
Des Datums erinnere ich mich nicht,
der Monat war auch ausgeblieben,
weiß der Teufel, was da los war.
Der Mantel ist vollständig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschließen, mich bei Hofe vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch würde mein hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von Stunde zu Stunde.