Mir scheint, dieses garstige Hündchen spielt auf mich an! Habe ich denn Haare wie ein Heubüschel!
„Sophie kann sich nur mit Mühe des Lachens enthalten, wenn sie ihn ansieht.“
Du lügst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht wüßte, daß dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht weiß, wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs! Dieser Mensch hat mir doch ewigen Haß geschworen — nun schadet er mir bei jedem Schritt, den ich tue. Übrigens will ich mir noch einen Brief ansehn. Vielleicht klärt sich dann die Sache von selbst auf.
„Ma chère Fidel, verzeih’, daß ich so lange nicht geschrieben habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht, der gesagt hat, daß die Liebe das zweite Leben ist. Außerdem gehen große Veränderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht uns jetzt täglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist sehr vergnügt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehört, — der bei uns den Fußboden fegt und immer Selbstgespräche führt — daß die Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, daß Sophie einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militäroberst heiratet ...“
Hol’s der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein Kammerjunker oder General. Alles Schöne, was es auf der Welt gibt — fällt immer den Kammerjunkern oder Generälen zu. Du findest irgendein elendes Ding, das dich glücklich machen könnte, und willst schon mit der Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem General entrissen. Hol’s der Teufel! ... Ich wünschte, ich würde selbst General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. — nein, ich wünschte nur deshalb, ich wäre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und alle diese höfischen Verbeugungen und Equivoquen machen würden, und um ihnen dann sagen zu können, daß ich auf sie beide speie. Hol’s der Teufel — es ist aber doch ärgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen Hündchens in Stücke gerissen.
Den 3. Dezember.
Es kann nicht sein. Das sind Lügengespinste, die Hochzeit wird niemals stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den man in die Hand nehmen könnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer Menschen! Er riecht doch und ißt nicht etwa mit ihr, und er niest und hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergründen, woher diese Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und wozu bin ich Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht weiß ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte genug Beispiele dafür: irgendein ganz gewöhnlicher Mensch, der nicht einmal Edelmann, sondern ein simpler Bürger oder Bauer ist — entpuppt sich plötzlich als hoher Würdenträger, Baron oder ... na, wie sagt man doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wär’s z. B., wenn ich plötzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues Band über der Achsel — was wohl meine Schöne da für Augen machen würde? Und was würde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh — er ist ein großer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer; wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es doch gleich bemerkt, daß er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja — warum sollte ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten oder zu so etwas Ähnlichem ernannt werden! Ich möchte wirklich gern wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat?
Den 5. Dezember.
Heute habe ich den ganzen Tag über Zeitungen gelesen. Was für merkwürdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, daß der Thron erledigt sei, und daß sich die Stände wegen der Wahl des Nachfolgers in einer sehr schwierigen Lage befinden, und daß deswegen sogar Unruhen ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur möglich, daß ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das geht doch nicht! Auf dem Throne muß doch ein König sitzen. Ja aber, wendet man ein, es ist doch kein König da! Das kann aber doch nicht sein, daß kein König da ist! Ein Land kann nicht ohne König existieren. Ein König ist sicherlich da, aber er hält sich irgendwo verborgen. Es ist sehr möglich, daß er im Lande weilt, aber irgendwelche Familienverhältnisse oder Befürchtungen seitens der benachbarten Mächte, wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen — oder gibt es vielleicht noch andere Gründe?