Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so ’ne Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort.
„..... mein Fräulein Sophie in großer Aufregung. Sie rüstete sich zu einem Ball, und ich war sehr erfreut, daß ich Dir in ihrer Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast immer ärgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das für ein Vergnügen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den Bällen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, daß die Ärmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich muß gestehn, ich könnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine gebratenen Hühnerflügel bekäme, so wüßte ich nicht, was mit mir geschähe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten, Rüben oder Artischocken, die schmecken nie gut.“
Ein sehr ungleichmäßiger Stil. Man sieht doch gleich, daß dies kein Mensch geschrieben hat. Er fängt an, wie es sich gehört, und schließt wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er ist zwar ein bißchen lang, und auch das Datum fehlt.
„Ach, meine Liebe, wie fühlbar macht sich doch das Herannahen des Frühlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren klingt es unaufhörlich, so daß ich häufig minutenlang mit erhobenem Bein lauschend an der Tür stehe! Ich will Dir gestehn, daß ich viele Verehrer habe. Häufig betrachte ich sie, während ich gemächlich am Fenster sitze. Ach, wenn Du wüßtest, was es für Mißgeburten unter ihnen gibt! Der eine, ein plumper Köter, ist furchtbar dumm, die Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf der Straße einher und bildet sich ein, eine höchst bedeutende Persönlichkeit zu sein; er denkt wohl, daß sich alle so ohne weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe ihn gar nicht beachtet und tat so, als hätte ich ihn nie gesehn. Und was für eine fürchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, würde sie Sophies Papa, der doch auch ziemlich groß und dick ist, um Kopfeslänge überragen. Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte ihn an, aber er kümmerte sich absolut nicht drum und verzog keine Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen mächtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! — solch ein Bauer! Aber glaubst Du wirklich, ma chère, daß mein Herz unempfindlich ist für all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur den einen Kavalier gesehen hättest, der mitunter über den Zaun unseres Nachbars klettert — er heißt Tresor — oh, ma chère — was der für ein Schnäuzchen hat!! ....“
Pfui Teufel! .... Was für ein Blödsinn! .... Wie kann man nur ganze Seiten mit solchen Dummheiten anfüllen. Einen Menschen! Ich will einen Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will eine Seite überschlagen, vielleicht wird’s besser!
„... Sophie saß am Tisch und nähte etwas. Ich blickte zum Fenster hinaus, weil ich mir gern die Spaziergänger anschaue, als plötzlich der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. ‚Ich lasse bitten!‘ rief Sophie und umarmte mich stürmisch. ‚Ach, Maggie, Maggie! wenn Du wüßtest, wer das ist: ein brünetter Kammerjunker! und Augen hat er! schwarz und klar wie Achat!‘ und Sophie lief in ihr Zimmer. Einen Augenblick später trat ein junger Kammerjunker mit einem schwarzen Backenbart herein; er näherte sich dem Spiegel, ordnete sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen Platz zurück. Sophie kam bald zurück und beantwortete seinen Kratzfuß mit einem fröhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf etwas zur Seite und versuchte zu hören, was sie sprachen. Ach, ma chère, was das für Banalitäten waren! Sie redeten davon, wie eine Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht hätte, ferner, daß ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche außerordentlich ähnlich gesehen hätte und beinahe auf dem Parkett ausgeglitten und gefallen wäre. Schließlich erzählten sie noch, daß eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, während sie in Wirklichkeit grün seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht, als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnäuzchen und mitten auf der Stirn einen kleinen weißen Fleck. Auch Tresors Taille ist unvergleichlich, viel schöner als die des Kammerjunkers. Auch seine Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem Teplow gefunden hat, und warum sie so entzückt von ihm ist?! ...“
Mir scheint auch, hier muß etwas nicht richtig sein. Es ist unmöglich, daß dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn:
„Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefällt, wird sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer sitzt. Ach, ma chère, wenn Du wüßtest, was das für ein Scheusal ist. Die reine Schildkröte, die man in einen Sack gesteckt hat ...“
Was kann das wohl für ein Beamter sein?
„Sein Familienname ist höchst seltsam. Er sitzt immer da und schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen Büschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu Botendiensten ...“