Es sind schon fünf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachäfferei! Sogar die Deutschen .... wer hätte das gedacht, daß selbst die Deutschen, dieses gediegene, zu tiefen, ästhetischen Genüssen geneigte Volk, daß die Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte Melodramen zusammenkleistern und für die Bühne bearbeiten. Ja, wenn dieses Miasma noch auf den Wink eines mächtigen Genies hergetragen worden wäre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies keineswegs lächerlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas Tröstliches. Aber daß Dumas, Dulange und andere — universale Gesetzgeber werden konnten! ... Ich möchte schwören, das XIX. Jahrhundert wird sich dieser fünf Jahre schämen! O Molière! großer Molière! du, der du deine Charaktere so großzügig ausstattetest, mit einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du edel glühender Schiller, der du die Menschenwürde in so poetisch verklärtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf eurer Bühne geschieht, seht, was für ein seltsames Ungeheuer sich unter dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser Leben? wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in unseren Melodramen erblicken könnten! Aber unser Melodrama lügt in der schamlosesten Weise ....

Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das große, tiefe, ungewöhnliche Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltäglich umgibt, was unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewöhnliche; das dagegen, was nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine Häßlichkeit, durch seine Unförmlichkeit inmitten der Ordnung in Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmäßigkeit mit beiden Händen greift. Und so fließt das Leben eines großen Talents wie ein großer breiter Strom in voller Regelmäßigkeit, rein wie ein Spiegel, dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen Wolken: bei der Mittelmäßigkeit dagegen fließt es hin wie eine trübe und schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis.

Das Seltsame ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu, unbedingt merkwürdig, noch nie dagewesen und ganz unerhört sein muß: ein Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Söhne des glühenden Afrika europäische Fräcke angezogen hätten; Henker und Gift — nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das Theater gerührt und tränenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar über sie werden kann. Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten Gesellschaft! Unwillkürlich steigen die blutigen Wettkämpfe, zu denen ganz Rom während der Epoche höchster Macht und stumpfer Übersättigung zusammenströmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine Römer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit gegeben worden sind, zusammennimmt, so könnte man glauben, in ein Museum geraten zu sein, in dem absichtlich alle Mißgeburten und Auswüchse der Natur vereinigt sind, oder besser gesagt — man glaubt einen Kalender vor sich zu haben, in dem mit kalendermäßiger Kaltblütigkeit alle merkwürdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender Spitzbubenstreich; heute wurde der Räuber und Brandstifter Soundso geköpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht .... und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen studieren wollte.

Da ist es denn nicht zu verwundern, daß das Ballett und die Oper noch eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genuß. Die Oper wird bei uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die Begeisterung nicht vorüber, mit der sich ganz Petersburg auf die lebendige, feurige Musik der „Fenella“ und die wilde, von höllischen Genüssen erfüllte Musik „Robert des Teufels“ stürzte. — „Semiramis“, die noch vor fünf Jahren vom Publikum sehr kühl aufgenommen wurde, versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet, dasselbe Publikum in Verzückung. Über den Enthusiasmus, den die Oper „Das Leben für den Zaren“ hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst reden: er ist begreiflich und ganz Rußland bekannt. Über diese Oper müßte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen.

Ich rede jedoch nicht gern über die Musik oder über den Gesang. Mir scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen müssen die Musiker von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich und beruht auf einer unbewußten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker — sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre Stimme nach, um auf sie gestützt, sich wie ein perlender, singender Springquell gänzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphäre emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, daß sich die Melomanie immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart zutrauen würde, sitzen beständig in dem „Leben für den Zaren“, im „Robert“, in der „Norma“, in „Fenella“ und in „Semiramis“. Beinahe zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgeführt; jede von ihnen erlebt unzählige Aufführungen, und trotzdem ist es häufig schwer, ein Billett zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rückkehr zu unserer alten Zeit, nach einer Reise durch das fremde Land der europäischen Kultur, wo alles um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde Menschen um uns drängten — eine Rückfahrt in einem russischen Dreigespann mit seinen klingenden Glocken — ist es nicht so, als erhöben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mützen schwenkend, aus: „In der Fremde ist es schön — aber zu Hause ist’s doch noch besser.“

Was für eine herrliche Oper könnte man nach unseren nationalen Motiven komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder hätte! Unsere Ukraine hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere, ertönen — die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang — die Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Rußland aus Balken von Fichtenholz die Hütten gezimmert. Mit Gesang fliegen die Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Städte wie Pilze empor. Alte Frauen singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und Bürgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart, während er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende Rußlands erlegt der russische Händler rittlings auf einer Eisscholle sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas ist nur ein schöner Anfang. Er hat es mit viel Glück verstanden, in seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hört es deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen hört man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus dem des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka.

Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelegenheit muß ich ein paar Worte über das Ballett überhaupt sagen. Die Ballettaufführungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe Vollendung erreicht; aber man muß gestehen, daß der Fortschritt nur in der wachsenden Pracht der Kostüme und der Dekorationen besteht, das eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hält nicht Schritt mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den Tänzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es überall Nationaltänze; der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates wechseln die Tänze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der Kleinrusse, wie der Südslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen ist ausdrucksvoll, der des andern gefühllos, der eine ist wild und rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfällig, der andere leicht und ätherisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der Tänze? Sie stammt aus dem Charakter der Völker, aus ihrer Lebensweise und der Art ihrer Beschäftigung. Ein Volk, das ein stolzes, kriegerisches Leben führt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den Tänzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit; ein Volk, das in einem heißen Klima lebt, läßt auch in seinen Nationaltänzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spüren. Der Schöpfer eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn er sich nur von einem feinen Geschmack leiten läßt, aus diesem reichen Stoffe wählen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, daß er, wenn er erst einmal den Grundcharakter erfaßt hat, ihn noch weiter entwickeln und sich weit über sein Original emporschwingen kann, so wie ein musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Straße hört, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschränkt erscheint, sich zu höherer Form und Plastik entwickeln.

Die Petersburger sind große Freunde des Theaters. Wenn Sie einmal an einem frischen, kalten Morgen, während der rosig goldene Himmel von durchsichtigen Rauchwolken, die aus den Schornsteinen aufsteigen, durchzogen wird, auf dem Newsky-Prospekt spazieren sollten, dann treten Sie um diese Zeit ins Foyer des Alexandra-Theaters: Sie werden erstaunt sein über die hartnäckige Geduld, mit der die hier versammelte Volksmenge in dichten Haufen den Billettverkäufer belagert, der seine Hand aus dem Kassenfenster herausstreckt. Wie viel Lakaien aller Art drängen sich hier, der eine im grauen Mantel mit einer bunten seidenen Krawatte, aber ohne Mütze, und ein anderer, bei dem der dreistöckige Kragen der Livree einem bunten Tintenwisch aus Tuch in Gestalt eines Schmetterlings gleicht. Hier drängen sich auch jene Beamten, die sich die Stiefel von ihren Köchinnen putzen lassen, und die niemand haben, den sie nach einem Theaterbillett schicken können. Hier können Sie auch sehen, wie ein echtrussischer Held plötzlich die Geduld verliert, auf den Schultern der ganzen Menge bis zur Kasse vordringt und sein Billett empfängt. Dann erst wird Ihnen klar werden, wie sich bei uns die Liebe zum Theater bemerkbar macht. Und was wird auf unseren Bühnen gegeben? — Melodramen und Vaudevilles! ... Ich hasse diese Melodramen und Vaudevilles.

Die Lage der russischen Schauspieler ist sehr traurig. Vor ihnen zittert und brodelt ein aufnahmefähiges Publikum, und sie müssen Leute darstellen, die sie noch nie gesehen haben. Was sollen sie mit diesen seltsamen Helden anfangen, die weder Franzosen noch Deutsche sind, sondern halbverrückte Leute, die weder eine bestimmte Leidenschaft noch eine charakteristische Physiognomie haben? Wie soll man da zeigen, was man kann, wie sollen sich unter solchen Verhältnissen Talente entwickeln? Gebt uns um Gottes willen wahrhaft russische Charaktere, gebt uns uns selber, unsere Gauner und unsere Querköpfe! herauf mit ihnen auf die Bühne und gebt sie dem Gelächter aller preis! Das Lachen — ist etwas wahrhaft Großes, es raubt uns weder das Leben, noch unser Eigentum, und doch steht der Schuldige da wie ein Hase, dem man die Beine zusammengebunden hat. Wir haben uns so sehr an die farblosen französischen Stücke gewöhnt, daß wir uns beinahe fürchten, unsere eigenen zu sehen. Wenn man uns einen lebendigen Charakter vorführt, so glauben wir gleich, das sei eine persönliche Anspielung, weil die dargestellte Person weder einem Paysan, einem Theater-Tyrannen, einem Reimschmied, einem Richter oder dergleichen verbrauchten Typen gleicht, die von zahnlosen Autoren förmlich in ihre Stücke geschleppt werden, so wie man etwa einen jener unvermeidlichen Figuranten auf die Bühne schleppt, die vor dem Publikum mit dem gleichen stereotypen Lächeln ihre im Laufe von vierzig Jahren bis zur Virtuosität einstudierten „Pas“ herunterholzen. Wenn man z. B. sagt, daß es in einer Stadt einen nicht ganz nüchternen Hofrat gibt, so fühlen sich gleich alle Hofräte beleidigt, und manch ein anderer „Rat“ sagt wohl gar: „Wie ist das nur möglich, ich habe einen Verwandten, der ist Hofrat: ein vortrefflicher Mensch! wie kann man denn sagen, daß es einen betrunkenen Hofrat gibt!“ Als ob ein einziger einen ganzen Stand um seine Ehre bringen könnte! Und solch eine Empfindlichkeit ist bei uns tatsächlich in allen Gesellschaftsklassen verbreitet. Braucht es etwa noch der Beispiele? Man denke nur an den „Revisor“.

Es ist wirklich peinlich. Es wäre doch wirklich höchste Zeit, einzusehen, daß nur eine getreue Darstellung von Charakteren — nicht in ihren längst bekannten immer aufs neue wiederholten allgemeinen Zügen — sondern in einer Form von wahrhaft nationalem Gepräge, die uns durch ihre Lebendigkeit überrascht, so daß wir ausrufen: „Ja aber, mir scheint, das ist doch ein Bekannter von mir!“ — daß nur solch eine Darstellung einen wesentlichen Nutzen bringt. Wir haben aus dem Theater ein Spielzeug in der Art jener Rasselchen gemacht, womit man Kinder herbeilockt, wir haben vergessen, daß das Theater ein Katheder ist, von dem aus man einer ganzen großen Menge eine lebendige Lehre vorträgt, auf ein Beispiel hinweist, wo uns beim festlichen Lichterglanz, beim Lärm der Musik, unter einstimmigem Gelächter, ein weitbekanntes, verstecktes Laster gezeigt wird, und wo, begleitet von der geheimen Stimme der allgemeinen Teilnahme, ein allbekanntes, sich ängstlich verbergendes, edles Gefühl ans Licht gezogen wird.