Aber genug vom Theater. Ich habe schon zuviel davon geredet. Der Winterkarneval schließt mit einer lauten und lärmenden Woche ab; dann fliegt die eine Hälfte der Petersburger auf Schaukeln durch die Luft oder saust wie der Wirbelwind die Rodelbahn hinunter, während sich die andere Hälfte in eine lange Kette von Wagen verwandelt, die sich kaum vorwärtsbewegt, immer wieder aufgehalten von dem für Ordnung sorgenden Gendarmen; da gibt’s den ganzen Tag über und am Abend alle möglichen Vorstellungen, und der ganze Admiralitätsplatz ist mit Nußschalen bedeckt ....

Still und finster ist die Zeit der großen Fasten. Es ist einem, als vernehme man eine Stimme, die einem zuruft: „Halt ein, Christenmensch: sieh zu, wie du lebst.“ Die Straßen sind leer. Man sieht keine Wagen. Ein sinnender Zug liegt auf den Gesichtern der Vorübergehenden. Ich liebe dich, du Zeit der Nachdenklichkeit und des Gebets! Freier und mit mehr Überlegung werden meine Gedanken dahinfließen, und diese ganze seichte, eitle Gesellschaft wird sicherlich müde und verschlafen daliegen und vergessen, zu mir zu kommen und mich mit ihrem trivialen Gerede über Whist, Literatur, Auszeichnungen und Theater zu plagen.

Die Fastenzeit in Petersburg ist das Fest der Musik. Um diese Zeit kommen hier Musiker aus allen Teilen Europas zusammen. Das Monstre-Konzert zum Besten der Invaliden hat immer etwas Gewaltiges; vierhundert Musiker! das macht einen mächtigen Eindruck! Wenn der harmonische Zusammenklang von vierhundert Tönen unter dem dröhnenden Gewölbe emporhallt, dann muß, wie mir scheint, auch die Seele jedes Zuhörers, und wäre sie noch so armselig, von einer ganz ungewöhnlichen Erschütterung durchzittert werden.

Während der Fastenzeit fällt dann und wann ein Sonnenstrahl in die Petersburger Atmosphäre. Der westliche Teil, der dem Meere zugewandt ist, wird heller. Der Norden blickt von der Wiborger Seite weniger finster herüber. Immer häufiger halten die Wagen auf der Straße, und die Insassen steigen aus, um auf dem Trottoir spazierenzugehen. Seit dem Jahre 1836 ist der Newsky-Prospekt, dieser laute, ewig bewegte, emsige, vorwärtsdrängende Newsky-Prospekt ganz heruntergekommen: der Treffpunkt der vornehmen Welt ist an den Englischen Kai verlegt worden. Der verstorbene Kaiser liebte den Englischen Kai. Er ist auch wirklich wundervoll. Aber jetzt, wo der Korso dahin verlegt worden ist, habe ich erst bemerkt, daß der Kai etwas zu kurz ist. Die Spaziergänger sind trotzdem noch im Vorteil, denn die Hälfte des Newsky-Prospekts war immer von Handwerkern und Beamten besetzt, und man hatte hier die Aussicht, dreimal soviel Püffe zu bekommen, wie an irgendeinem anderen Ort.

Warum eilt nur unsere Zeit, die durch nichts zu ersetzen ist, so schnell dahin? Wer ruft sie zu sich? Was bilden doch die großen Fasten für einen ruhigen, stillen Zeitabschnitt! Was kann man in diesen sieben Wochen nicht alles vollbringen? Jetzt will ich mich endlich ernstlich an meine Arbeit machen. Jetzt werde ich endlich vollenden, was mich der Lärm und die allgemeine Unruhe nicht vollenden ließen. Aber ach, die erste Woche geht schon zu Ende! Ich habe noch nicht angefangen und schon kommt die zweite hinter ihr hergejagt, schon ist die erste Hälfte der dritten vorüber, schon kommt die vierte heran, schon beginnt der große Jahrmarkt im Gostinnij Dwor[16], und eine ganze Galerie von jungen Weidenruten mit wächsernen Früchten und Blumen blüht unter den dunklen Hallen auf. Als ich an dieser bunten Allee, in deren Dunkel eine Menge von roh geschnitztem Kinderspielzeug aufgetürmt war, vorüberging, wurde mir recht peinlich zumute. Ich ärgerte mich über die rotwangigen Kinderfrauen, die sich hier in ganzen Trupps herumtrieben, über die Kinder, die ganz glücklich vor diesem Haufen eines ihnen so viel Vergnügen bereitenden Plunders stehenblieben, und über den schwarzen untersetzten Griechen mit dem großen Schnurrbart, der sich moldauischer Konditor titulierte und allerhand zweifelhafte und undefinierbare Leckereien feilbot. Die auf den Tisch ausgebreiteten Stiefelbürsten, bleiernen Äffchen, Gabeln und Messer, Honigkuchen und kleinen Spiegel widerten mich an. Die bunte Menge aber drängt sich und schiebt sich immerfort weiter, überall begegnet man demselben Ausdruck in den Zügen; mit derselben Neugierde wie im vorigen Jahr, wie vor zwei und drei und mehr Jahren, blickt man auf all die Dinge; ich aber und jeder einzelne Mensch von diesem Volk sind schon nicht mehr dieselben, es sind andere Gefühle, die es heute bewegen, nicht die, die es im vergangenen Jahr bewegten, die Gedanken sind finsterer geworden, von den Lippen strahlt uns kein so heiteres Seelenlächeln entgegen wie ehedem, und jeden Tag verliert es etwas von seiner früheren Lebhaftigkeit!

Auf der Newa gab es früh Eisgang. Ohne von den Winden beunruhigt zu werden, taute das Eis noch beinahe vor dem eigentlichen Eisgang auf und war so locker, daß es sich, während es von der Strömung fortgetragen wurde, von selbst auflöste. Bei nahezu gleicher Zeit sandte auch der Ladoga-See seine Eismassen hinunter. Die Hauptstadt war plötzlich wie verwandelt. Die Spitze des Glockenturms der Peter-Pauls-Kirche, die Festung, die Wilhelmsinsel, die Wiborger Seite und der englische Kai — alles nahm ein malerisches Aussehen an. Rauchwolken ausstoßend, kam der erste Dampfer herangeflogen! Von Wassilij Ostrow und nach ihm hin fuhren die ersten, mit Beamten, Soldaten, alten Kinderfrauen und englischen Kanzleibeamten besetzten Kähne über die Newa. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir in jüngster Zeit so ein stilles, heiteres Wetter gehabt haben. Es war am Abend vor Ostersonntag, als ich den Boulevard der Admiralität betrat und auf ihm bis zum Landungsplatz der Dampfer schritt, von dem einem zwei Jaspis-Vasen entgegenleuchten; da lag mit einem Male die Newa offen vor mir, auf der Wiborger Seite schimmerte das helle Rot des Himmels durch einen blauen Nebel hindurch, die Häuser der Petersburger Seite waren in ein beinahe violettes Licht getaucht, das ihr unschönes Äußere verhüllte, die Kirchen, über deren gewölbte Flächen der Nebel seine monotone Decke breitete, schienen wie auf einen Hintergrund von hellrosa Stoff gemalt oder aufgeklebt, und in dieser violetten und hellblauen Finsternis blitzte allein die Turmspitze der Peter-Pauls-Kirche auf und spiegelte sich im unendlichen Wasserspiegel der Newa — da schien mir’s, als sei ich gar nicht in Petersburg, sondern als wäre ich in eine andere Stadt versetzt, in der ich schon einmal gewesen war, wo ich alles kenne und wo es das gibt, was Petersburg nicht hat ... Da war auch der bekannte Ruderknecht, den ich schon mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, er machte sich am Ufer mit seinem Kahn zu schaffen, vertraute Reden klangen an mein Ohr; und dann das Wasser und der Sommer, die es in Petersburg nicht gab.

Ich liebe den Frühling außerordentlich. Sogar hier in diesem rauhen Norden ist er meine liebste Jahreszeit. Mir scheint, kein Mensch in der ganzen Welt liebt ihn so wie ich. Mit ihm kehrt meine Jugend zu mir zurück; im Frühling ist meine Vergangenheit mehr als eine bloße Erinnerung — sie liegt vor meinem Blick und treibt mir Tränen in die Augen. Ich war durch die hellen, klaren Tage des Ostersonntags so berauscht, daß ich den großen Jahrmarkt auf dem Admiralitätsplatz gar nicht bemerkte. Nur ganz von ferne sah ich, wie eine Schaukel einen jungen Burschen, Arm in Arm mit einer Dame in elegantem Hut, hoch in die Luft trug, und an einer Ecke streifte mein Auge das große Schild einer Schaubude, auf dem ein ungeheurer roter Teufel mit einer Axt in der Hand abgebildet war. Sonst habe ich nichts mehr gesehen.

Es ist fast, als ob das Leben der Residenz mit dem Ostersonntag seinen Abschluß findet, und es scheint, als mache sich hierauf alles, was wir auf der Straße sehen, auf die Reise. Die Vorstellungen und die Bälle nach Ostern sind nichts als die Reste von denen, die vor der Fastenzeit stattfanden, oder besser gesagt — sie sind die letzten Gäste, die später aufbrechen als die anderen, am Kamin noch einige Worte wechseln, und die Hand vor den Mund legen, um ihr Gähnen zu verbergen. Die Stadt trocknet ganz aus, auch die Trottoirs sind trocken. Die Petersburger Gentlemen spazieren im bloßen Rock, jeder mit einem andern Spazierstock herum; statt der schweren Kutschen sieht man halbgedeckte Droschken und Kabrioletts über das glatte Straßenpflaster rollen. Jetzt werden auch viel weniger Bücher gelesen. Schon sieht man in den Schaufenstern statt der wollenen Strümpfe Sommermützen und Reitpeitschen ausliegen. Mit einem Wort, während des ganzen Monats April scheint ganz Petersburg im Aufbruch begriffen. Es ist so angenehm, die sitzende, seßhafte Lebensweise aufzugeben und von einem weiten Weg unter einen andern Himmel nach den grünen Hainen des Südens, nach Ländern, in denen eine neue Luft weht, zu träumen. Der hat es gut, dem am Ende einer Petersburger Straße die in die Wolken ragenden Berge des Kaukasus, die Seen der Schweiz, das mit Lorbeeren und Anemonen geschmückte Italien oder das trotz seiner Öde noch herrliche Griechenland winkt .... Aber halt ein, mein Gedanke: noch türmen sich zu meinen beiden Seiten die Häuser Petersburgs empor ....

III
Italienische Sommernächte

Erste Nacht.