Deutsch von Otto Buek

Sieh dir den Blitz an, wenn er durch kohlschwarze Wolken bricht und schier unerträglich aufleuchtet in einer wahren Flut von Licht: so sind die Augen der Albanerin Anunziata. An ihr erinnert alles an jene alten Zeiten, als der Marmor aufzuleben begann und der Meißel in der Hand des Bildhauers blitzte. Ein schwerer Zopf dichter, pechschwarzer Haare schlang sich in zwei Ringen hoch um das Haupt, um in vier langen Locken auf den Hals herabzufallen. Wem sie den leuchtenden Schnee ihres Antlitzes zuwenden mochte — ihr Bild prägte sich jedem tief ins Herz hinein. Wandte sie jemand ihr Profil zu — so strömte ein wunderbarer Adel von ihm aus, und der schöne Schwung der Linien übertraf alles, was je eines Malers Pinsel geschaffen hat. Oder drehte sie einem den Rücken und ließ sie ihm ihren Hinterkopf mit dem herrlichen, aufwärts gekämmten Haar, den leuchtenden Hals und die überirdische, nie gesehene Schönheit ihrer Schultern sehen — so wirkte sie auch da wie ein Wunder. Aber am herrlichsten war sie, wenn sie ihre Augen auf jemand richtete, ihn ansah und kalte Schauer in sein Herz goß. Hell wie Erz tönte ihre volle Stimme. Kein geschmeidiger Panther hätte es an Kraft, Stolz und Schnelligkeit der Bewegungen mit ihr aufnehmen können. In jedem Teile ihres herrlichen Körpers erschien sie wie die Krone der Schöpfung, von den Schultern bis hinab zu dem lebenatmenden Fuß von antiker Bildung — ja bis zur letzten Zehe dieses Fußes. Wohin sie gehen mochte — stets ließ sie ein Bild vor dem Auge erstehen: wenn sie abends mit der getriebenen Bronzevase auf dem Haupte zum Brunnen eilte, so schien sich die ganze Umwelt mit einer wunderbaren Harmonie zu erfüllen: die herrlichen Linien des Albanergebirges verloren sich sanfter in der Ferne, blauer als sonst erschien die Tiefe des römischen Himmels, schlanker strebte die Zypresse zur Höhe, und der schönste unter den Bäumen des Südens, die römische Pinie, hob sich mit ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden Spitze zarter und reiner vom Himmel ab. Und alles, der Brunnen, wo auf den Marmorstufen die Albanermädchen, eine größer und schlanker als die andre, in Haufen beieinander standen und mit ihren kräftigen, silbernen Stimmen durcheinanderschwatzten, während in klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang und nacheinander die untergehaltenen kupfernen Krüge füllte, — der Brunnen, die Mädchengruppen, — alles schien allein um ihretwillen da zu sein, um ihre sieghafte Schönheit noch heller erstrahlen, um erkennen zu lassen, daß sie über alles herrscht und gebietet, wie eine Königin über ihr Hofgesinde. Oder, wenn an einem Feiertage die dunkle Baumgalerie, die von Albano nach Castel Gandolfo führt, voll festlich gekleideter Menschen ist, wenn unter ihrer dunklen Wölbung die Minenti stutzerhaft in Sammetkleidern mit leuchtenden Gürteln und einer goldfarbenen Blume an ihrem Kastorhut einherspazieren, wenn zahlreiche Esel mit halbgeschlossenen Augen schlanke, kräftige Albanerinnen und Frascatanerinnen in malerischer Haltung mit weithin schimmerndem, weißem Kopfputz im Schritt oder im Galopp vorübertragen, oder mühsam, fortwährend stolpernd und so gar nicht malerisch mit einem langen, unbeweglichen, in einen erbsgrauen, undurchdringlichen Mantel gehüllten Engländer vorüberziehen, der aus Furcht, seine Füße könnten die Erde berühren, mit spitzwinklig emporgezogenen Beinen dasitzt, oder mit einem Künstler in einer schlichten Bluse, einem an einem Riemen befestigten Holzkasten und einem kecken Van-Dyk-Bärtchen vorbeitraben, während Schatten und Sonnenlicht abwechselnd über die ganze Gruppe huschen — selbst dann, d. h. selbst an solch einem Feiertage ist es einem weit wohler zumute, wenn sie da ist, als wenn sie fehlt. Die Passage läßt sie strahlend und ganz in Licht gehüllt aus ihrer finstern, dunklen Tiefe heraustreten. Der Purpurstoff ihres albanischen Kleides flammt wie Gold, das ein Sonnenstrahl berührt hat. Eine wundersame Feiertagsstimmung leuchtet einem jeden von ihrem Anlitz entgegen, und wer ihr begegnet, bleibt wie angewurzelt stehen: der stutzerhafte Minenti mit der Blume am Hut stößt einen Schrei der Überraschung aus, das Gesicht des Engländers im erbsgrauen Mantel verwandelt sich in ein Fragezeichen, und der Künstler mit dem Van-Dyk-Bärtchen ...; doch dieser bleibt viel länger auf einem Flecke stehen, als alle andern, wie wenn er sich dächte: ja, das wäre ein herrliches Modell für eine Diana, eine stolze Juno, eine verführerische Grazie wie überhaupt für jede Frau, die jemals auf einer Leinwand dargestellt ward! Und er fügt wohl in Gedanken kühn hinzu: ja, das wäre ein Paradies, wenn ein solches Wunder mein bescheidenes Atelier für immer schmücken könnte.

Wer aber ist er, dessen Blick sich so viel leidenschaftlicher und wie gebannt an ihre Spuren heftet! Wer ist er, der jedes ihrer Worte, jede ihrer Bewegungen und Gedankenregungen so aufmerksam auf ihrem Gesichte verfolgt. Ein fünfundzwanzigjähriger Jüngling, ein römischer Fürst, der Nachkomme einer Familie, die einst die Ehre, den Stolz und die Schmach des Mittelalters bildete und die nun in einem wunderbaren alten Schloß auf ihr nahes Ende wartete. Dieses mit Fresken von Guercin und Caracci gezierte Schloß beherbergte eine Bildergalerie voll nachgedunkelter Gemälde, verblichener Stoffe, lazurblauer Tische und wurde von einem Maestro di casa verwaltet, der selbst grau wie ein Falke war.

Vor kurzem erst hatten ihn die römischen Straßen erblickt: diese schwarzen Augen, die hinter dem über die Schulter geworfenen Mantel Blitze hervorschleuderten, diese Nase von antiker Kontur, das Elfenbein seiner Stirn und die auf sie herabfallende wehende Locke seidenen Haares. Nach fünfzehnjähriger Abwesenheit war er wieder in Rom aufgetaucht; nun ein stolzer Jüngling, er, der noch vor kurzem ein Kind gewesen war.

Aber der Leser muß unbedingt erfahren, wie das alles geschah, und daher wollen wir schnell die Geschichte dieses jungen, aber an starken Eindrücken schon so reichen Lebens an uns vorüberziehen lassen. Seine frühste Jugend hatte der Fürst in Rom verlebt; er erhielt eine Erziehung, wie sie bei den hohen römischen Würdenträgern, deren Leben sich seinem Ende entgegenneigt, üblich ist. Ein Abbé vertrat bei ihm die Stelle des Lehrers, Aufsehers, Gouverneurs usw.; dieser war ein strenger Klassiker, ein Verehrer der Briefe Pietro Bembos, der Werke des Giovanni della Casa und einiger fünf oder sechs Gesänge Dantes, die er beim Lesen stets mit lebhaften Ausrufen wie: „Dio che cosa divina!“ begleitete, um nach ein paar Zeilen gleich wieder hinzuzufügen: „Diavolo che divina cosa!“ Darin bestand das ganze künstlerische Werturteil und die ganze Kritik der von ihm so bewunderten Werke — im übrigen aber sprach er nur über Broccoli und Artischocken, — dies war sein Lieblingsthema, und er wußte ganz genau, zu welcher Jahreszeit das Kalbfleisch am besten sei und in welchem Monat man damit beginnen könne, junges Ziegenfleisch zu essen; über all diese Gegenstände unterhielt er sich am liebsten auf der Straße, wo er gewöhnlich einen andern Abbé zu treffen pflegte; er trug schwarze seidene Strümpfe, in die er zuvor ein Paar wollene hineinstopfte, wodurch er seine dicken Waden geschickt zur Geltung zu bringen wußte, nahm regelmäßig einmal im Monat eine Portion Olio di ricino in einer Tasse Kaffee als Purgiermittel ein und wurde, wie alle Abbés, mit jedem Tag und jeder Stunde wohlbeleibter. Es ist begreiflich, daß sich der junge Fürst bei einer solchen Erziehung kein großes Wissen aneignete. Er erfuhr nur, daß die lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei, daß es drei Arten von Monsignori gibt: solche in schwarzen Strümpfen, solche in violetten Strümpfen und endlich solche, die beinahe so viel bedeuten, wie ein Kardinal; er lernte einige Briefe Pietro Bembos — meist Glückwunschschreiben an die zu jener Zeit lebenden Kardinäle — kennen, machte nähere Bekanntschaft mit der Corsostraße, wo er häufig mit dem Abbé spazierenging, sowie ferner mit der Villa Borghese und mit zwei bis drei Läden, vor denen der Abbé haltzumachen pflegte, um sich Papier, Federn und Schnupftabak zu kaufen, und endlich noch mit der Apotheke, wo jener sein Olio di ricino bezog. Das war der ganze Horizont, der das Wissen des Zöglings umschloß. Von den anderen Ländern und Staaten hatte der Abbé nur in ganz unklaren und unsicheren Andeutungen gesprochen: er hatte erwähnt, daß es ein sehr reiches Land, Frankreich, gäbe, daß die Engländer gute Kaufleute seien und eine große Vorliebe für das Reisen hätten, daß die Deutschen — sehr viel tränken und daß im Norden ein barbarisches Land Moscovien liege, in dem eine furchtbare Kälte herrsche, bei der ein menschliches Gehirn leicht in die Brüche gehen könne. Wahrscheinlich hätte der Zögling bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre kaum noch etwas über diese Tatsachen hinaus erfahren, wenn es dem alten Fürsten nicht plötzlich eingefallen wäre, die alte Erziehungsmethode fallen und dem Sohne eine europäische Bildung geben zu lassen, was wohl zum Teil dem Einfluß einer französischen Dame zuzuschreiben war, auf die der Fürst seit einiger Zeit überall — im Theater wie auf Spaziergängen — beständig seine Lorgnette richtete, wobei er alle Augenblicke sein Kinn in sein ungeheures weißes Jabot versenkte und sich eine schwarze Locke auf seiner Perücke zurechtstrich. So wurde denn der junge Fürst nach Lucca geschickt, um hier die Universität zu beziehen. Dort entfaltete sich während eines sechsjährigen Aufenthaltes seine lebhafte italienische Natur, die unter der langweiligen Aufsicht des Abbés nur geschlummert hatte: Es zeigte sich, daß der Jüngling eine nach erlesenen Genüssen dürstende Seele und eine starke Beobachtungsgabe besaß. Die italienische Universität, wo die Wissenschaft unter der harten Hülle trockener, scholastischer Formen dahinvegetierte, befriedigte die jüngere Generation nicht mehr, an deren Ohr schon die Kunde von dem lebendigen Geiste gedrungen war, die hie und da über die Alpen kam. Der Einfluß Frankreichs machte sich bereits in Oberitalien bemerkbar: er wurde zugleich mit allerhand neuen Moden, Vignetten, Vaudevilles und gekünstelten Produkten der zügellosen, ungeheuerlichen und leidenschaftlichen französischen Muse, die aber dennoch Spuren eines starken Talentes erkennen läßt, hierher getragen. Die starke politische Bewegung, die sich seit der Julirevolution in den Zeitschriften bemerkbar machte, fand auch hier ihr Echo. Man träumte von der Wiederherstellung der entschwundenen ruhmvollen italienischen Vergangenheit und blickte voller Empörung auf die verhaßte weiße Uniform der österreichischen Soldaten. Aber die zu ruhigen Genüssen reizende italienische Natur machte sich nicht Luft in einem Aufstand, zu dem sich der Franzose ohne lange Bedenken entschlossen hätte: all diese Gefühle strömten nur in dem einen unbestimmten Wunsch zusammen, das wahre Europa jenseits der Alpen kennen zu lernen. Die ewige Bewegung, die es durchflutete, und sein heller Glanz erschienen in lockender Ferne. Dort war alles neu, stand alles im Gegensatz zu dem ehrwürdigen Alter Italiens, dort hatte das XIX. Jahrhundert und das wahre europäische Leben begonnen. Ein heißes Sehnen riß die Seele des jungen Fürsten dorthin; er träumte von hellem Licht und Abenteuern, und jedesmal umwölkte ein drückendes Gefühl der Wehmut seinen Geist, wenn er der Unmöglichkeit inne wurde, seinen Wunsch erfüllt zu sehen: er kannte den unbeugsamen, despotischen Willen des alten Fürsten, und er fühlte sich außerstande, es mit ihm aufzunehmen — da erhielt er plötzlich einen Brief von dem Fürsten, in dem dieser ihm befahl, nach Paris zu reisen, seine Studien in der dortigen Universität zu beendigen und nur in Lucca die Ankunft eines Onkels abzuwarten, um sich mit diesem zusammen auf die Reise zu begeben. Der junge Fürst sprang vor Glück in die Höhe, küßte seine sämtlichen Freunde ab, gab ihnen in einer Osterie, die in der Umgegend der Stadt lag, ein Festmahl und war zwei Wochen später bereits unterwegs mit einem Herzen, das jedem Gegenstand mit frohem Pochen entgegenschlug. Als man den Simplon passiert hatte, leuchtete ein freudiger Gedanke in seinem Kopfe auf; er befand sich auf der andern Seite der Alpen: er war in Europa. Die wilde Unform der Schweizer Alpen, die sich ohne weite Perspektiven und ohne jene weich in der Ferne verlaufenden Tiefen in die Höhe türmten, erschreckte zunächst seinen an die hohe Ruhe und an die heitere wollüstige Schönheit der italienischen Natur gewöhnten Blick. Aber er erheiterte sich mit einem Schlage beim Anblick der europäischen Städte, der prachtvollen hellen Gasthöfe und des Komforts, der jeden Reisenden erwartete, so daß er sich’s bequem machen konnte, wie wenn er zu Hause wäre. Diese kokette Sauberkeit und dieser Glanz — das war ihm alles neu. In den deutschen Städten fühlte er sich ein wenig überrascht durch den etwas seltsamen Körperbau der Deutschen und den Mangel an Grazie, Harmonie und Schönheit, für die der Italiener ein angeborenes Gefühl im Busen trägt; auch die deutsche Sprache machte einen unangenehmen Eindruck auf sein musikalisches Ohr, aber nun lag die französische Grenze vor ihm, und sein Herz erbebte. Die leichten, hüpfenden Laute einer modernen europäischen Sprache trafen zärtlich kosend sein Ohr, und mit Wonne suchte er ihr sanft gleitendes Geräusch aufzufangen; schon in Italien waren ihm diese Laute als etwas Hohes erschienen, befreit von allen krampfhaften Bewegungen, wie sie den starken Sprachen aller Völker der gemäßigten Zone eigen sind, die sich noch nicht gewöhnt haben, sich in maßvollen Grenzen zu halten. Einen noch größeren Eindruck aber machten auf ihn die Frauen, diese seltsamen, leicht dahinschwebenden Geschöpfe. Er war überrascht über diese flüchtigen Wesen mit den kaum hervortretenden zarten Formen, den kleinen Füßen, dem feinen ätherischen Gliederbau, dem Feuer der Augen, das Hingabe und Sympathie ausströmte, und ihrem leichten, kaum über Andeutungen hinausgehenden Geplauder. Voller Ungeduld erwartete er die Ankunft in Paris, das er in seiner Einbildung mit Türmen und Palästen ausschmückte; er machte sich ein eigenes Phantasiebild von dieser Stadt, und mit pochendem Herzen gewahrte er endlich die ersten Anzeichen der Nähe der Hauptstadt: Plakate an den Mauern, Buchstaben von ungeheurer Größe, immer zahlreicher werdende Omnibusse und Diligencen, — und nun erschienen die ersten Häuser der Vorstadt. Doch jetzt war er in Paris und fühlte sich dunkel von der ungeheueren Außenseite der Stadt umfangen; Staunen erfaßte ihn, als er die Bewegung und all den Glanz in den Straßen erblickte, dies wirre Durcheinander der Dächer, den Wald der Schornsteine, die dichten stillosen Häusermassen mit den eng beieinanderstehenden bunten Läden, die häßlichen nackten, zusammenhangslosen Fassaden, diese zahllose bunte Menge goldener Buchstaben, die alle Wände bedeckten, bis auf die Dächer und sogar auf die Schornsteine emporkletterten, die hellen unteren Stockwerke, die aus lauter Spiegelgläsern bestanden, und in die man bequem hineinsehen konnte. Dies also war Paris, dieser ewig kochende Krater, dieser Springbrunnen, der eine wahre Funkengarbe von Neuigkeiten, von Aufklärung, Moden, erlesenem Geschmack und winzigen, aber mächtigen Gesetzen ausspie, denen sich selbst die Tadler nicht zu entziehen vermochten: diese große Ausstellung aller Erzeugnisse der Kunst, höchster Meisterschaft und aller Talente, die sich in den unbedeutendsten Winkeln Europas verbergen, die drängende Sehnsucht und der schönste Traum eines Zwanzigjährigen, diese Wechselstube und dieser Jahrmarkt Europas. Ganz betäubt und unfähig, sich zu sammeln, streifte er durch die Straßen, die von allerlei Volk wimmelten und von zahlreichen Rinnen, die die Räder vorüberrollender Omnibusse hinterließen, durchfurcht waren, bald gefesselt durch den Anblick eines Cafés und seiner wunderbaren, geradezu königlichen Ausstattung, bald wieder überrascht durch die berühmten gedeckten Passagen, wo ihn das dumpfe Geräusch von einigen tausend Fußgängern betäubte, meist jungen Leuten, die sich wie eine kompakte Masse vorwärts bewegten, und völlig geblendet von dem flimmernden Glanz der Kaufläden, die von oben her durch ein auf das Glasdach der Galerie fallendes Licht erleuchtet wurden. Zuweilen auch blieb er vor einem der vielen Plakate stehen, die in Millionen Exemplaren und dicht nebeneinanderhängend, das Auge durch ihre Buntheit beunruhigten: das waren laute Ankündigungen von etwa vierundzwanzig Vorstellungen, die hier täglich stattfanden, und einer schier unendlichen Anzahl aller möglichen Konzerte; und als nun endlich dies ganze märchenhafte Durcheinander gegen Abend bei der zauberischen Gasbeleuchtung aufflammte — als alle Häuser plötzlich gleichsam durchsichtig wurden und von unten herauf lebhaft zu leuchten begannen, da geriet er vollends in Verwirrung: die Fenster und die Gläser der Magazine schienen ganz verschwunden, ja überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein, und das ganze Innere schien unbewacht unmittelbar an der Straße zu liegen, einen flimmernden Glanz um sich zu verbreiten und sich tief innen in den Gläsern zu spiegeln. Ma quest’ è una cosa divina! wiederholte der lebhafte Italiener fortwährend.

Sein Leben floß schnell dahin, wie das Leben vieler Pariser und das der zahlreichen jungen Ausländer, die nach Paris kommen. Bereits um neun Uhr befand er sich, kaum, daß er aus dem Bett gesprungen war, in einem prachtvollen Café mit modernen Fresken unter Glas und einer von Gold strotzenden Decke. Auf den Tischen lagen ganze Stöße von Zeitungen und Zeitschriften gewaltigen Formats, und ein Kellner von vornehmem Äußern schritt mit einer wundervollen Kaffeekanne in der Hand an den Gästen vorbei. Hier trank er mit der Genußsucht eines Sybariten aus einer ungeheuren Tasse den fetten Kaffee, lehnte sich wohlig in das weiche elastische Sofa zurück und dachte an die niedrigen, dunklen italienischen Cafés mit ihren unsauberen Bottegas und ihren schmutzigen, ungewaschenen Gläsern. Dann vertiefte er sich in die Lektüre der ungeheuren Zeitungen und gedachte der schwindsüchtigen kleinen Zeitschriften Italiens, des „Diario di Roma“, des „Il Pirato“ und ähnlicher, in denen nichts wie harmlose politische Nachrichten und womöglich Anekdoten über die Thermopylen und den Perserkönig Darius zu lesen waren. Hier dagegen spürte man überall die glühende Leidenschaft, die dem Schriftsteller die Feder geführt hatte. Hier überstürzten sich die Fragen förmlich, jede Erwiderung rief eine neue hervor — hier schien sich ein jeder nach Kräften durchzusetzen, sich recht breit zu machen und großzutun: irgendeiner drohte mit einer baldigen politischen Umwälzung und verkündigte einen Zusammenbruch des Staates, jede kaum merkliche Bewegung in der Kammer und im Ministerium, jede ihrer Aktionen wuchs sich zu einer gewaltigen, machtvollen Bewegung der hartnäckigen Parteien aus und hallte als lautes, wütendes Geschrei aus den Journalen wider. Ja, der Italiener verspürte etwas wie Furcht, wenn er dies las und daran dachte, daß vielleicht schon morgen die Revolution ausbrechen könnte; wie von einem Dunst umnebelt verließ er das Lesezimmer, und erst die Straßen von Paris vermochten es, den ganzen Ballast in einem Augenblick aus seinem Kopfe zu vertreiben. Dieser über alle Gegenstände dahinhüpfende Glanz, diese bunte Bewegung erschienen ihm nach der schweren Lektüre fast wie zarte Blumen, die sich an dem Rande eines Abgrundes angesiedelt hatten. Mit einem Schlage befand er sich wieder ganz auf der Straße und war bald gleich allen andern in jeder Hinsicht ein müßiger Flaneur. Er sah sich die fröhlichen, graziösen Verkäuferinnen an, die gleich kaum erblühten Knospen im ersten Lenz der Jugend prangten, und die alle Pariser Kaufläden anfüllten, als wenn die rauhe Gestalt des Mannes etwas Anstößiges an sich hätte und hinter den großen Fensterscheiben wie ein schwarzer Fleck erschienen wäre. Er sah, wie die bis zur Koketterie schmalen, mit den feinsten Seifen gewaschenen Händchen ihm lockend entgegenglänzten, wie sie damit beschäftigt waren, das Konfektpapier zu falten, während die Augen hell und unverwandt auf die Vorübergehenden gerichtet waren; er sah, wie sich an einer andern Stelle ein blondes, lieblich geneigtes Köpfchen, die langen Wimpern tief in die Seiten eines Moderomans versenkt, am Fenster abzeichnete, und wie die Schöne gar nicht bemerkte, daß bereits ein ganzer Haufen junger Leute vor ihr stand, ihren schneeweißen Hals, ja, jedes Härchen auf dem Kopfe betrachtete, und selbst das leise Wogen des Busens belauschte, das die Lektüre begleitete. Er blieb auch vor einem Bücherladen stehen, wo ihm seltsame Buchstaben gleich Hieroglyphen entgegenblickten, oder wo sich dunkle Vignetten gleich schwarzen Spinnen von dem dicken glänzenden Papier abhoben, Vignetten, die meist mit einem solchen Schwung und einer solchen Leidenschaft hingeworfen waren, daß es oft ganz unmöglich war, herauszubekommen, was sie eigentlich darstellten. Oder er sah sich eine Maschine an, die für sich allein einen ganzen Laden ausfüllte und die hinter der großen Spiegelscheibe in voller Tätigkeit war, indem sie eine ungeheure Walze, die Schokolade zerrieb, hin und her wälzte. Er blickte auch in die Läden hinein, vor denen die Pariser Krokodile, die Hände in den Taschen und mit offenem Munde, stundenlang herumstehen: da sah man wohl einen gewaltigen roten Hummer aus dem grünen Gemüse hervorgucken, oder eine getrüffelte Pute mit der lakonischen Überschrift „300 Frank“ thronen, oder gelbe und rote Fische mit goldigen Flossen und Schwänzen in Glasvasen herumschwimmen. Oder er schlenderte auf den breiten Boulevards herum, die das ganze enge winklige Paris majestätisch durchquerten; da sah man, wie sich mitten in der Stadt gewaltige Bäume bis zur Höhe eines sechsstöckigen Hauses emporreckten, und wie sich Scharen von Fremden und ein Haufen urwüchsiger Pariser Löwen und Tiger, die in den Novellen und Erzählungen nicht immer richtig dargestellt sind, auf dem Asphalttrottoir drängten. Und wenn er genug herumflaniert und des Schauens satt war, dann begab er sich in ein Restaurant, wo die mit Spiegelscheiben ausgeschlagenen Wände längst im Glanze des Gaslichts erstrahlten und unzählige Gruppen von Damen und Herren widerspiegelten, die hinter den kleinen im Saale verstreuten Tischen saßen und sich geräuschvoll unterhielten. Nach dem Diner eilte er sogleich ins Theater, wobei ihm nur die Wahl schwer wurde, für welches er sich entscheiden sollte: denn jedes hatte seine eigene Berühmtheit, jedes seinen hervorragenden Autor, jedes seine besonderen Schauspiele. Überall wurden Novitäten aufgeführt. Dort gab es ein glänzendes Vaudeville, lebensprühend, oberflächlich und jeden Tag neu, wie der Franzose selbst, ein Stück, das vielleicht in drei müßigen Minuten entstanden war, und beim Publikum, dank der unerschöpflichen Laune des Schauspielers, von Anfang bis zu Ende unaufhörliche Lachstürme entfesselte. Dort wieder gab man ein Drama voller Glut und Leidenschaft. — Und unwillkürlich verglich er die trockene, dürftige Schaubühne Italiens, wo der alte Goldoni, den schon alle auswendig konnten, unaufhörlich wiederholt, oder allerhand neue Komödien aufgeführt wurden, deren Harmlosigkeit und Naivität selbst ein Kind hätten langweilen müssen — unwillkürlich verglich er jene mageren Erzeugnisse mit dieser lebendigen, hastigen dramatischen Flut, wo das Eisen geschmiedet wurde, solange es noch heiß, und wo jedermann besorgt war, seine Novität könne vorzeitig kalt werden. Wenn er sich dann gründlich ausgelacht, aufgeregt und satt gesehen hatte, kehrte er müde und ganz überwältigt von all den Eindrücken nach Hause zurück und sank ins Bett, den einzigen Gegenstand, den der Franzose bekanntlich in seiner Stube nicht entbehren kann. Wenn er ein Arbeitszimmer, ein Mittagessen und des Abends einen beleuchteten Raum braucht, dann sucht er ein öffentliches Gebäude auf. Aber der Fürst unterließ es trotzdem nicht, mit diesem abwechslungsreichen Müßiggang auch die geistige Betätigung zu verbinden, nach der seine Seele voller Ungeduld dürstete. Er besuchte auch die Vorlesungen sämtlicher berühmter Professoren. Das lebendige, oftmals Begeisterung ausströmende Wort, die neuen Gesichtspunkte und die neuen Seiten, die der redegewandte Professor den Dingen abzugewinnen wußte, hatten für den jungen Italiener etwas Überraschendes. Er fühlte plötzlich, wie eine Hülle von seinen Augen sank, wie die Gegenstände, die er früher kaum bemerkt hatte, nun plötzlich in einem neuen, hellen Lichte erstrahlten, und wie der alte Plunder von allerhand Kenntnissen, die er sich bisher angeeignet hatte und die bei der übergroßen Zahl der jungen Leute gewöhnlich wieder spurlos in Vergessenheit geraten, da es ihnen an Gelegenheit zur Anwendung fehlt, plötzlich lebendig zu werden begann und nun, mit neuem Auge angesehen, sich für immer in seinem Gedächtnis befestigte. Er unterließ es auch nicht, sich alle berühmten Prediger, Publizisten und Redner, die Diskussionen in der Kammer und überhaupt alles anzuhören, was den Ruhm von Paris bildet und in Europa laut von sich reden macht. Und trotzdem es ihm häufig an den Mitteln fehlte, da er vom alten Fürsten nur einen geringen Wechsel erhielt, wie er wohl einem Studenten, aber keinem Fürsten angemessen ist, fand er dennoch Gelegenheit, sich alles anzusehen, sich Zutritt bei allen Zelebritäten zu verschaffen, deren Ruhm die europäischen Blätter beständig ausposaunen, indem eins das andre wiederholt, ja, er lernte sogar die Modeschriftsteller persönlich kennen, deren seltsame Schöpfungen, wie die vieler andrer, einen so starken Eindruck auf seine junge leidenschaftliche Seele gemacht hatten, und in denen alle Welt eine bisher noch nie angeschlagene Saite und bislang noch von niemand erfaßte Regungen der Leidenschaften zu vernehmen glaubte. Mit einem Wort, das Leben des jungen Italieners nahm eine große, vielgestaltige Wendung und ward von dem mächtigen Glanze europäischen Lebens umstrahlt. Welche Unzahl von Eindrücken an einem einzigen Tage: sorgloser Müßiggang und ein unruhiges Erwachen, eine leichte Beschäftigung der Augen und eine angestrengte Arbeit des Geistes, ein Vaudeville im Theater, eine Predigt in der Kirche, der politische Wirbel in den Zeitschriften und in der Kammer, das Händeklatschen in den Auditorien, der erschütternde Donner des Konservatoriumsorchesters, der ätherische Glanz der tanzenden Bühne, der laute Lärm auf den Straßen — welch ein mächtig flutendes Leben für einen fünfundzwanzigjährigen Jüngling! Es gibt keinen herrlicheren Punkt als Paris, und für nichts in der Welt hätte er ein solches Leben hingegeben. Wie angenehm und lustig ist’s doch, mitten im Herzen Europas zu leben, wo man immer höher emporsteigt, während man vorwärtsschreitet, wo man fühlt, daß man ein Glied der großen universellen Gemeinschaft ist. Ja mitunter kam ihm sogar der Gedanke, Italien gänzlich Valet zu sagen und sich für immer in Paris niederzulassen. Italien erschien ihm jetzt wie ein finsterer, mit Schimmel bedeckter Winkel Europas, wo alles Leben und jede Bewegung erstorben war.

So entflohen vier heiße Jahre seines Lebens — vier Jahre von ungeheurer Bedeutung für einen Jüngling — doch am Schluß dieses Abschnittes erschien ihm gar manches schon nicht in demselben Lichte wie ehemals. Von vielem fühlte er sich enttäuscht. Dasselbe Paris, das unaufhörlich neue Fremde anzog, diese nie erlöschende Leidenschaft der Pariser machte auf ihn längst nicht mehr den Eindruck wie früher. Er sah, wie diese große Vielseitigkeit und Bewegtheit des Lebens verging, ohne Folgen blieb und in der Seele keinen fruchtbaren Niederschlag hinterließ. In dem Wirbel dieser ewigen siedenden Bewegung und Tätigkeit entdeckte er nun eine furchtbare Untätigkeit und ein schreckliches Vorherrschen des Wortes über die Tat. Er sah, wie jeder Franzose scheinbar nur mit dem erhitzten Kopfe arbeitete, wie diese Lektüre der mächtigen Zeitungsblätter den ganzen Tag in Anspruch nahm und keine Stunde für das praktische Leben übrigließ, wie jeder Franzose in diesem seltsamen Strudel einer von Druckerschwärze beherrschten papierenen Politik erzogen wurde und ohne jede Kenntnis des Standes, dem er angehörte, ohne alle die ihm zukommenden Rechte und Lebensverhältnisse auch in der Praxis kennen gelernt zu haben, sich schon der einen oder andern Partei anschloß, sich all ihre Interessen feurig und leidenschaftlich zu Herzen nahm, und seinen Gegnern heftig entgegentrat, ohne seine Interessen, noch seine Gegner von Angesicht zu kennen — und das Wort Politik fing schließlich an, unserem Italiener lebhaften Ekel zu erregen.

In den Bewegungen des Geistes, des Handels ... überall und in allem glaubte er nur gewaltsame Anstrengungen und ein ewiges Streben nach neuen Sensationen zu entdecken. Der eine suchte aus allen Kräften dem andern, wenn auch nur für einen Moment, den Rang abzulaufen. Der Kaufmann verwandte sein ganzes Kapital auf die Ausstattung seines Ladens, um die Menge durch seinen Glanz und seine Pracht anzulocken. Der Buchhandel nahm seine Zuflucht zu allerhand Bildern und Illustrationen, mit denen die Bücher ausgestattet wurden, sowie zu einem luxuriösen Buchschmuck, um hierdurch die erkaltende Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken: In ihren Romanen und Novellen suchten die Schriftsteller den Leser durch die Seltsamkeit unerhörter Leidenschaften und durch Darstellung häßlicher Ausgeburten der menschlichen Natur zu fesseln. Alles schien sich einem frech und ohne Aufforderung von selbst anzubieten und aufzudrängen, wie eine Dirne, die die Männer nachts auf der Straße einzufangen sucht; alles streckte in wildem Wetteifer seine Hand möglichst weit aus, wie ein drängender Haufe zudringlicher Bettler. Selbst in der Wissenschaft und in den so durchgeistigten Vorlesungen, deren Wert er unbedingt anerkennen mußte, glaubte er die Absicht herauszufühlen, Vorzüge ans Licht zu stellen, mit ihnen zu prahlen und sich selbst in Szene zu setzen: überall gab es glänzende Episoden, aber dem Ganzen fehlte doch der mächtige, feierliche, erhabene Fluß. Überall das Bestreben, bisher unbeachtete Tatsachen aufzuspüren und ihnen eine ungeheure Bedeutung beizulegen, oft zum Nachteil der Einstimmigkeit und Harmonie des Ganzen, nur um sich den Ruhm einer Entdeckung zu sichern; und schließlich dieses fast durchgängige, dreiste Selbstbewußtsein, dieser völlige Mangel einer Erkenntnis unserer Unwissenheit — und unserem Italiener fiel ein Vers ein, in dem der italienische Dichter Alfieri in einer boshaften Laune den Franzosen den Vorwurf macht:

Tutto fanno, nulla sanno,

Tutto sanno, nulla fanno.