Gira volta son Francesi,

Piu gli pesi, men ti danno.

Eine trübselige Stimmung bemächtigte sich des jungen Fürsten. Vergebens versuchte er es, sich zu zerstreuen und Menschen aufzusuchen, die er achtete, aber seine italienische Natur wollte nicht mit der französischen zusammenstimmen. Er schloß zwar schnell Freundschaften, aber ein Tag genügte, um den Franzosen bis zur letzten Faser seines Wesens kennen zu lernen; am nächsten Tage gab es schon nichts mehr an ihm zu erforschen. Weiter als bis zu einer gewissen Tiefe konnte man keine Frage in seine Seele versenken, und die scharfe Klinge des Gedankens wollte nicht weiter eindringen, und doch hatte der Italiener ein viel zu tiefes Gefühl, um eine ihm völlig befriedigende Antwort bei einem leichtsinnig veranlagten Menschen finden zu können. So stieß er auf eine seltsame Leere, selbst in den Herzen derer, denen er seine Achtung nicht versagen konnte. Und er erkannte zuletzt, daß die ganze Nation, bei all ihren glänzenden Eigenschaften, ihrem edlen Streben, ihren ritterlichen Aufwallungen, dennoch blaß und unvollkommen blieb: ein leichtes Vaudeville, daß sie selbst geschaffen hatte. Über ihr ruhte keine erhabene Idee von hoher Würde. Überall gab es nur Andeutungen von Gedanken, aber die eigentlichen Gedanken fehlten: überall gab es nur halbe und keine ganzen Leidenschaften, alles blieb unvollendet, flüchtig hingeworfen, mit rascher Hand skizziert; die ganze Nation war eine glänzende Vignette, und nicht das Bild eines großen Meisters.

War es nur eine melancholische Stimmung, die ihn plötzlich überfallen hatte und ihn nun alles in einem solchen Lichte sehen ließ, oder lag der Grund dazu in dem wahrhaften, frischen, inneren Gefühl der Italiener — genug, dies Paris mit all seinem Lärm und Glanz wurde ihm bald eine drückende Wüste, und unwillkürlich flüchtete er sich bis an die ödesten und entlegensten Enden der Stadt. Nur die italienische Oper besuchte er noch; nur da allein schien seine Seele auszuruhen, und die Klänge der heimatlichen Sprache wuchsen jetzt für ihn bis zu ihrer ganzen Macht und Fülle empor. Immer häufiger sah er jetzt sein ihm fast gänzlich aus dem Gedächtnis entschwundenes Italien vor sich: dort irgendwo in weiter Ferne und in einem eigentümlichen, verlockenden Lichte; sein mahnender Ruf wurde mit jedem Tage deutlicher vernehmbar, und so entschloß er sich denn am Ende, an seinen Vater zu schreiben, er möge ihm erlauben, nach Rom zurückzukehren, da er kein Bedürfnis empfände, länger in Paris zu bleiben. Zwei Monate lang blieb jede Antwort, ja sogar der gewohnte Wechsel aus, den er schon längst zu erwarten hatte. Anfänglich wartete er geduldig, da er den launischen Charakter seines Vaters kannte, endlich aber bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Er ging jede Woche mehrmals zu seinem Bankier und erhielt doch immer nur die gleiche Antwort, daß keinerlei Nachrichten aus Rom eingetroffen seien. Schon war seine Seele der Verzweiflung nahe. Die Mittel zur Bestreitung seines Lebensunterhalts waren schon seit langer Zeit erschöpft, schon hatte er mehrfach beim Bankier eine Anleihe machen müssen, doch auch dies Geld war bereits ausgegeben, und schon lange Zeit aß, frühstückte und lebte er auf Kredit; man begann ihn bereits schief und unfreundlich anzusehen, — aber nicht einmal seine Freunde wollten das geringste von sich hören lassen. Ein Gefühl tiefer Vereinsamung überfiel ihn. Voller Erwartung und Unruhe irrte er durch diese ihm tödliche Langeweile einflößende Stadt. Jetzt im Sommer erschien sie ihm noch weit unerträglicher; die große Menge der Reisenden hatte sich in die Bäder begeben, oder befand sich in den großen europäischen Gasthöfen und unterwegs. Eine gewisse Öde und Leere warf ihre Schatten auf alles. Die Gebäude und Straßen von Paris waren unerträglich; die Gärten verschmachteten elend inmitten der Häuser, auf die die Sonne heiß herniederbrannte. Halbtot blieb er an der Seine auf einer schweren, lastenden Brücke oder am schwülen Ufer stehen, und versuchte es, sich selbst zu vergessen, oder sich durch irgendeinen Anblick zu zerstreuen; eine unendliche Langeweile verzehrte ihn, und ein unbekannter Wurm nagte an seinem Herzen. Endlich erbarmte sich das Schicksal seiner — und eines Tages überreichte ihm sein Bankier einen Brief. Er stammte von seinem Onkel, der ihm mitteilte, daß der alte Fürst nicht mehr am Leben sei, und daß er nun kommen könne, um über die Erbschaft zu verfügen; dies erfordere seine persönliche Anwesenheit, weil die Vermögensverhältnisse sich in großer Unordnung befänden. Der Brief enthielt auch noch eine magere Banknote, die gerade dazu reichte, die Reise und den vierten Teil seiner Schulden zu bezahlen. Der junge Fürst wollte keinen Augenblick länger zögern, er wußte den Bankier, wenn auch nicht ohne Mühe, dazu zu bewegen, auf die Bezahlung der Schuld zu warten, und besorgte sich einen Platz im Postwagen. Eine schwere Last schien von seiner Seele genommen zu sein, als Paris in der Ferne vor ihm versank und die frische Luft der Felder ihn anwehte. Zwei Tage darauf war er schon in Marseille; er wollte jedoch nicht eine einzige Stunde ruhen und bestieg noch am selben Abend das Dampfschiff. Er fühlte sich durch das Mittelmeer heimatlich berührt; umspülte es doch die Küsten seines Vaterlandes, und schon beim Anblick seiner unendlichen Wogen fühlte er sich erfrischt. Es ist schwer, die Empfindung zu schildern, die ihn beschlich, als er die erste italienische Stadt — das prachtvolle Genua erblickte. Doppelt so schön erschienen ihm nun die mächtig emporstrebenden bunten Glockentürme, die gestreiften Kirchen aus weißem und schwarzem Marmor und das ganze Amphitheater mit den vielen Türmen, das ihn beim Einlaufen des Dampfers plötzlich von allen Seiten umgab. Nie zuvor hatte er Genua gesehen. Diese funkelnde Buntheit der Häuser, Kirchen und Paläste inmitten dieser feinen ätherischen Luft, die in einer fast unbegreiflichen Bläue erstrahlte, — war ganz unvergleichlich. Er stieg ans Ufer und befand sich sogleich in diesen dunklen, wunderbaren, engen, mit Fliesen ausgelegten Straßen, über denen oben nur ein ganz schmaler Spalt blauen Himmels sichtbar war. Dieses dichte Nebeneinander der hohen gewaltigen Häuser, dieser Mangel jeden Wagengerassels, diese kleinen dreieckigen Plätze und dazwischen die gewundenen Linien der Straßen, die wie kleine Korridore aussehen und unzählige Läden Genuesischer Gold- und Silberschmiede beherbergen, — das alles hatte für ihn etwas Überraschendes. Die malerischen Spitzenmäntel der Frauen, die kaum merklich von dem warmen Siroccowind hin und her bewegt wurden, ihr fester Tritt, der helle Klang der Stimmen auf den Straßen, die offenstehenden Tore der Kirchen, der Weihrauchduft, den sie ausströmten — dies alles wehte ihn an wie ein Hauch aus fernen, längst vergangenen Zeiten. Es fiel ihm ein, daß er schon seit vielen Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen war, in der Kirche, die in jenen aufgeklärten Gegenden Europas, wo er geweilt hatte, ihre hohe, reine Bedeutung eingebüßt hatte. Vorsichtig trat er ein und sank stumm neben dem prachtvollen, marmornen Säulengang auf die Knie; er betete lange, ohne selbst zu wissen, um was er bat — er dankte Gott dafür, daß Italien ihn wieder in seinen Schoß aufgenommen, daß ihn wieder ein Bedürfnis nach dem Gebet überkommen hatte, daß seine Seele so feierlich gestimmt war ..., und das war sicherlich das schönste Gebet. Mit einem Wort, er ließ Genua wie eine wundervolle Station hinter sich zurück: hier hatte er den ersten Kuß Italiens empfangen. Und mit demselben heiteren Gefühl sah er Livorno, das öde Pisa und das von ihm bisher so wenig gekannte Florenz an sich vorüberziehen. Majestätisch grüßten ihn die schwere facettierte Kuppel des florentinischen Doms, die dunklen Paläste einer königlichen Architektur und die strenge Größe der kleinen Stadt. Dann ging’s weiter über den Apennin, auch hier begleitete ihn dieselbe heitere Seelenstimmung, und als dann endlich nach einer sechstägigen Reise in klarer Ferne auf blauem Himmelsgrunde eine sich herrlich rundende Kuppel aufleuchtete — oh! wie viel Gefühle drängten sich da plötzlich in seiner Brust! Nie hatte er ähnliche gekannt, und er hätte sie auch nicht aussprechen können. Aufmerksam betrachtete er jeden Hügel und jede Erhebung. Und nun waren endlich auch der Ponte Molle und das Stadttor da, jetzt nahm ihn der schönste aller Plätze auf, die Piazza del Popolo; der Monte Pincio mit seinen Terrassen, Treppen, Statuen und den sich oben ergehenden Menschen tauchte auf! Gott! wie fing da sein Herz an zu pochen! Der Vetturino jagte über die Corsostraße dahin, auf der der Fürst einst so unschuldig und treuherzig mit dem Abbé spazierengegangen war, als er noch nichts andres wußte, als daß die lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei. Und nun zogen auch wieder alle Häuser an ihm vorbei, an denen er jede Einzelheit auswendig kannte: der Palazzo Ruspoli mit seinem ungeheueren Café, die Piazza Colonna, der Palazzo Sciarra, der Palazzo Doria, und endlich bogen die Reisenden in die engen Gassen ein, auf die die Ausländer so schimpfen; hier lärmte es nicht und wimmelte es nicht von Menschen, und nur selten begegnete man dem Laden eines Barbiers mit ein paar gemalten Lilien über der Tür, oder dem eines Hutmachers, der einen breitkrempigen Kardinalshut vor dem Eingang aufgehängt hatte, oder endlich einem Laden mit geflochtenen Stühlen, die gleich hier am Ort und mitten auf der Straße hergestellt wurden. Endlich machte der Wagen vor einem großartigen Palais im Stil Bramantes halt. In dem kahlen, noch nicht aufgeräumten Flur ließ sich niemand sehen. Auf der Treppe wurde der Ankömmling von dem alten gebrechlichen Maestro di casa begrüßt, weil der Portier wie gewöhnlich mit seinem Stab ins Café gegangen war, wo er die größte Zeit zu verbringen pflegte. Der Alte öffnete eilig die Läden, und allmählich wurde es hell in den gewaltigen, altertümlichen Sälen. Ein trauriges Gefühl bemächtigte sich des Fürsten — ein Gefühl, das ein jeder versteht, der nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren nach Hause zurückkehrt, wo einem alles so viel älter und verödeter vorkommt, und wo jeder Gegenstand, den wir seit unserer Kindheit kennen, eine so trübselige Sprache redet. Und je heiterer die Erinnerungen sind, die sich an ihn knüpfen, um so drückender ist das Gefühl der Wehmut, das bei seinem Anblick unser Herz ergreift. Der Fürst durchschritt die lange Flucht der Säle, betrat flüchtig das Arbeitszimmer und das Schlafzimmer, wo vor noch gar nicht langer Zeit der alte Besitzer des Schlosses auf einem Bett einzuschlafen pflegte, über dem sich ein Baldachin mit Quasten und einem Wappen erhob, und aus dem er gewöhnlich in Pantoffeln und im Schlafrock ins Arbeitszimmer trat, um ein Glas Eselsmilch zu trinken, da er gern dick werden wollte. Dann besichtigte er das Ankleidezimmer, wo der Alte sich einst mit der peinlichsten Sorgfalt einer alten Kokette geputzt hatte; pflegte er sich doch von hier aus in seinem Wagen, begleitet von seinen Lakaien zum Corso nach der Villa Borghese zu begeben, wo er seine Lorgnette unaufhörlich auf eine Engländerin richtete, die gleichfalls hier ihre Spazierfahrt machte. Auf den Tischen und in den Schubladen konnte man noch die Reste von Schminke, Puder und aller möglichen Farben finden, mit deren Hilfe sich der Greis zu verjüngen suchte. Der Maestro di casa erzählte, er habe noch zwei Wochen vor seinem Tode den festen Entschluß gefaßt, zu heiraten, und hätte sogar ausdrücklich zu diesem Zwecke eine Konsultation mit ausländischen Doktoren abgehalten, um mit diesen zu beraten, wie man wohl con onore i doveri di marito erfüllen könne, aber eines schönen Tages sei er nach einem Besuche bei einigen Kardinälen und einem Prior ganz müde nach Hause zurückgekehrt, habe sich in seinen Lehnsessel gesetzt und sei den Tod der Gerechten gestorben, obwohl sein Tod noch seliger gewesen wäre, wenn es ihm nach den Worten des Maestro di casa ein paar Minuten früher eingefallen wäre, nach seinem Beichtvater il padre Benvenuto zu schicken. Der junge Fürst hörte sich das alles zerstreut an, ohne mit seinen Gedanken bei der Sache zu sein. Nachdem er sich von der Reise und den seltsamen Eindrücken erholt hatte, machte er sich daran, seine Angelegenheiten zu ordnen. Er war erschrocken über die Verwirrung, die hier herrschte. Alles, vom Kleinsten bis zum Größten, befand sich in einem geradezu unmöglichen Durcheinander. Vier nie enden wollende Prozesse wegen ein paar verfallener Schlösser und Güter in Ferrara und Neapel, alle Einnahmen schon auf drei Jahre im voraus völlig erschöpft; Schulden und tiefste Armut inmitten von höchstem Prunk und Luxus — das war das Bild, das sich den Augen des Fürsten darbot. Der alte Fürst war eine unbegreifliche Mischung von Geiz und Verschwendung gewesen. Er hielt sich ein großes Personal von Bedienten, die er nicht bezahlte, die nichts außer ihrer Livree erhielten und sich mit den Trinkgeldern der Ausländer begnügen mußten, die beim Fürsten erschienen, um sich die Galerie anzusehen. Der Fürst hatte Jäger, Offizianten, Lakaien, die hinter seinem Wagen herfuhren, und Lakaien, die nirgends hinfuhren und nur tagelang in einem nahegelegenen Café oder in einer benachbarten Osteria saßen und schwatzten. Der junge Fürst entließ sofort das ganze Gesindel, all diese Lakaien und Jäger, und behielt nur den alten Maestro di casa; er hob fast den ganzen Marstall auf, verkaufte alle Pferde, die nie gebraucht worden waren, berief die Rechtsanwälte zu sich, um weitere Beschlüsse über die Prozesse zu fassen, und wußte es so einzurichten, daß von den vier Prozessen nur noch zwei übrigblieben; auf die übrigen Prozesse verzichtete er, da sie ja doch gänzlich aussichtslos waren. Er nahm sich vor, sich von nun ab in allem einzuschränken und in seinem Leben die strengste Ökonomie walten zu lassen. Das wurde ihm nicht sehr schwer, da er sich schon früh gewöhnt hatte, sich einzuschränken. Es wurde ihm auch nicht schwer, dem Verkehr mit seinen Standesgenossen zu entsagen; — übrigens bestand diese ganze Gesellschaft nur aus zwei oder drei aussterbenden Familien, deren Erziehung ganz auf ein paar dürftigen Brocken französischer Bildungselemente beruhte, ferner aus einem reichen Bankier, um den sich ein Kreis von Ausländern scharte, und in ein paar unnahbaren, zugeknöpften, unfreundlichen Kardinälen, die ihr Leben in größter Zurückgezogenheit beim Tresettspiel (einer Art Schafskopf) mit ihrem Kammerdiener oder Barbier verbrachten. Mit einem Wort, er sonderte sich gänzlich von allen Menschen ab, widmete sich ganz dem Studium Roms und erinnerte in dieser Beziehung sogar an die Ausländer, die zunächst durch die unbedeutende schmucklose Außenseite der Stadt mit ihren dunklen fleckigen Häusern überrascht sind und sich, von Gasse zu Gasse irrend, erstaunt fragen: wo ist denn das gewaltige, alte Rom? um es erst später wahrhaft kennen zu lernen, wenn das antike Rom allmählich aus den engen Gassen hervorzutreten beginnt: hier in Form einer dunklen Arke, dort in Form marmorner, in die Mauer eingelassener Karniese, einer verwitterten Porphyrsäule, eines Giebels inmitten eines übelriechenden Fischmarkts; oder als ein vollständiger Porticus vor einer neueren Kirche, oder endlich ganz abseits und dort in der Ferne, wo die bewohnte Stadt ein Ende nimmt; hier wächst es plötzlich aus tausendjährigem Efeulaub und Aloen mitten aus der offenen Ebene in seiner ganzen Größe hervor: als ungeheures Kolosseum, als Triumphpforte, als Ruinen der unübersehbaren Cäsarenpaläste, der kaiserlichen Bäder, der Tempel und Gräberhallen, die auf dem offenen Felde verstreut liegen; jetzt bemerkt der Fremde schon nichts mehr von den neuen engen Straßen und Gassen, ganz umfangen von der antiken Welt; in seiner Erinnerung erstehen die gewaltigen Gestalten der Cäsaren, und sein Ohr glaubt den Schrei und das Beifallsgeklatsch des römischen Volks zu vernehmen.

Aber es ging ihm doch auch wieder nicht so, wie dem Ausländer, der allein für seinen Titus Livius und Tacitus schwärmt, an allem vorübersieht und für nichts Sinn hat, außer für die Antike, und der in einer edeln und pedantischen Aufwallung gern die ganze neue Stadt niederreißen würde — nein, er fand alles gleich schön, die antike Welt, die sich unter dem dunklen Architrav regte, das gewaltige Mittelalter, das überall die Spuren gigantischer Künstler und einer wunderbaren Freigebigkeit der Päpste hinterlassen hatte, und endlich die an dieses sich anschließende neue Zeit mit ihren zahlreich sich drängenden neuen Völkern. Ihm gefiel diese wunderbare Verschmelzung zu einem Ganzen, dieser Charakter einer dicht bevölkerten Hauptstadt und dieser Charakter einer einsamen Wüste, die sich hier miteinander mischten, diese Paläste und Säulen, dieses Gras und das wilde Gebüsch, das sich an den Mauern dahinzog, der lärmende Markt inmitten dunkler, einsamer, unten verdeckter Massen, das helle Geschrei des Fischhändlers in der Säulenhalle, der Limonadenverkäufer vor dem Pantheon mit seiner fliegenden und mit grünem Laub geschmückten Bude; ihm gefiel selbst die Unscheinbarkeit dieser dunklen, unordentlichen Straßen, der Mangel aller hellen, gelben Farbe an den Häusern, dieses Idyll inmitten der Stadt, die Ziegenherde, die auf dem Straßenpflaster ausruhte, das Schreien der Kinder und diese reine feierliche Stille, die unsichtbar auf allen Dingen zu liegen schien, und die auch den Menschen umfing. Ihm gefielen diese unaufhörlichen Überraschungen, diese Plötzlichkeiten, die einem in Rom so auffallen. Wie ein Jäger, der am frühen Morgen auf die Jagd geht, oder wie ein alter Ritter, der auf Abenteuer auszieht, so machte er sich jeden Tag auf, um neue und immer neue Wunder aufzusuchen; er blieb unwillkürlich stehen, wenn sich plötzlich inmitten einer ärmlichen Gasse ein Palast vor ihm auftürmte, der eine finstere und strenge Größe atmete. Seine schweren unerschütterlichen Mauern waren aus dunklem Travertin errichtet, seine Spitze krönte eine prachtvolle, wunderbar ausgeschmückte, kolossale Karniese, die mächtige Tür war mit marmornen Tragbalken ausgelegt, und die Fenster mit ihrem herrlichen architektonischen Schmuck boten einen majestätischen Anblick dar. Oder es blickte ihm plötzlich auf einem kleinen Platz ein malerischer Brunnen entgegen, der sich selbst und seine vom Moos verunstalteten granitenen Stufen mit feuchtem Naß besprengte, oder eine finstere, schmutzige Straße endete plötzlich mit einer glänzenden architektonischen Dekoration eines Bernini, mit einem gen Himmel strebenden Obelisk, mit einer Kirche oder einer Klostermauer mit ihren kohlschwarzen Karniesen, die auf dem dunkelblauen Himmel im Glanze der Sonne aufflammten; je weiter sich die Straßen in die Tiefe verloren, um so häufiger wurden die Paläste und die architektonischen Schöpfungen eines Bramante, Borromini, Sangallo, della Porta, Vignola, Buonarotti, und es wurde ihm endlich klar, wie man nur hier in Italien das Gefühl hat, daß es eine Architektur gibt, und etwas von ihrer strengen künstlerischen Größe ahnt. Aber noch größer war der geistige Genuß, wenn er in das Innere der Kirchen und Paläste trat, wo sich Arken, flache Pfeiler und runde Säulen aus allen möglichen Marmorarten, unterbrochen von blauen Basaltkarniesen, von Porphyr, Gold und antiken Steinen, miteinander zu einer wundervollen Harmonie verbanden, sich einstimmig einem tief durchdachten Plane fügend, und wo sich hoch über dies alles die unsterbliche Schöpfung des Pinsels erhob. Sie waren von einer hohen Schönheit, diese tief durchdachten Ausschmückungen der Säle, voll von einer königlichen Größe und architektonischen Pracht, die sich in diesem fruchtbaren Zeitalter überall ehrfürchtig vor der Malerei zu beugen wußte, als der Künstler noch Architekt, Maler und sogar Bildhauer in einer Person war. Diese mächtigen Schöpfungen des Pinsels, wie sie heute schon nicht mehr vorkommen, erhoben sich finster vor ihm auf den dunklen Mauern, sie, die noch immer aller Nachahmung unerreichbaren, unbegreiflichen Vorbilder. Und wenn er nun in das Innere eines solchen Gebäudes eintrat und sich immer tiefer in dem Anblick versenkte, dann glaubte er zu fühlen, wie sich sein Geschmack, dessen Keim seine Seele schon immer barg, beinahe merklich entwickelte. Wie kleinlich und armselig erschien ihm gegenüber dieser majestätischen, wunderbaren Pracht aller Prunk des XIX. Jahrhunderts, der höchstens brauchbar war, Läden auszuschmücken, und der nichts als Möbeltischler, Tapezierer, Zimmerleute, Vergolder und einen ganzen Haufen von Handwerkern hervorgebracht, die Welt — der Raffaele, Tiziane und Michelangelos beraubt und die Kunst bis zum Handwerk herabgedrückt hatte! Wie elend erschien ihm jetzt all dieser Luxus, der einen nur beim ersten Blick verblüfft, und den man bald mit Gleichmut betrachtet, angesichts dieses erhabenen Einfalls, seine Mauern mit unsterblichen Gebilden des Pinsels auszuschmücken, dieser wunderbaren Idee der Besitzer jener Paläste — sich einen ewigen Gegenstand des Genusses zu verschaffen in Stunden, wo man ausruht von der Arbeit und von den lärmenden Sorgen des Lebens, sich in einen Winkel zurückzieht, weit abseits von allen Menschen, in ein altertümliches Sofa zurückgelehnt, seinen Blick stumm auf die Wand richtet und mit der Seele tief in die Geheimnisse des Pinsels eindringt, ganz in die Betrachtung der in der Schönheit webenden geistigen Ideen verloren! Denn unendlich erhebt die Kunst den Menschen, indem sie den Regungen unserer Seele eine wunderbare Schönheit und einen hohen Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unerschütterlichen, fruchtbaren Pracht, die den Menschen mit Gegenständen umgab, die seine Seele mit Bewegung erfüllten und veredelten, der heutige kleinliche Schmuck, wie er alljährlich von der unruhigen Mode ausgespien und wieder zerstört wird, diesem seltsamen, unbegreiflichen Produkt des XIX. Jahrhunderts, vor dem sich die Weisen stumm beugen, dieser verheerenden Vernichterin alles dessen, was ungeheuer, erhaben und heilig ist. Wenn er sich derartigen Überlegungen hingab, schoß ihm unwillkürlich der Gedanke durch den Kopf: „Rührt nicht vielleicht daher jene gleichgültige Kälte, die unser gegenwärtiges Zeitalter umfängt, jenes gemeine Geschäftsinteresse und diese vorzeitige Abstumpfung der Sinne, die noch nicht einmal Zeit hatten, zu erwachen und sich zu entwickeln? Man beraubte den Tempel seiner Heiligtümer, und der Tempel ist kein Tempel mehr. Fledermäuse und böse Geister haben ihre Wohnstätte in ihm aufgeschlagen.“

Je tiefer sein Blick in die Dinge eindrang, um so mehr überraschte ihn die ungewöhnliche Fruchtbarkeit jenes Zeitalters, und unwillkürlich mußte er ausrufen: „Wie und wann vermochten sie nur all dies zu erschaffen?“ Dieser wunderbare Charakter, der Rom auszeichnete, wuchs für ihn mit jedem Tag zu immer mächtigerer Größe empor. Eine Galerie neben der andern, und immer noch wollten sie kein Ende nehmen. Dort jene Kirche barg irgendein Wunderwerk des Pinsels, dort jene verwitternde Mauer entzückte den Blick durch eine Freske, deren Farben bereits zu erlöschen drohten, und dort auf den hoch emporgetürmten Marmorblöcken und Säulen, die aus alten heidnischen Tempeln hierher gebracht worden waren, leuchtete einem ein von einem unsterblichen Pinsel ausgeschmückter Plafond entgegen. Das alles glich einer tief verborgenen Goldader, die mit gewöhnlicher Erde bedeckt und nur dem Bergmann allein bekannt war. Wie voll war seine Seele jedesmal, wenn er nach Hause zurückkehrte, und wie verschieden war dieses von ruhiger, feierlicher Stille erfüllte Gefühl von jenen unruhigen Eindrücken, mit denen Paris seine Seele so sinnlos bestürmt hatte, wenn er müde und abgespannt nach Hause zurückkehrte und nur selten fähig war, sich über das Ergebnis dieser Empfindungen Rechenschaft abzulegen.

Jetzt erschien ihm die unscheinbare und dunkle Außenseite Roms, über die die Ausländer so sehr klagen, noch mehr zu diesen innern Schätzen der Stadt zu stimmen. Es wäre ihm geradezu peinlich gewesen, nach alledem auf eine moderne Straße mit ihren prunkvollen Läden, den stutzerhaft gekleideten Menschen und den eleganten Equipagen hinauszutreten: dies wäre ihm fast wie eine unheilige Zerstreuung, ja wie eine Tempelschändung vorgekommen. Diese bescheidene Stille, dieser eigentümliche Charakter der römischen Bevölkerung, dieser Schatten des XVIII. Jahrhunderts, der noch in Form eines schwarzen Abbés in einem Dreimaster mit schwarzen Strümpfen und Schuhen oder eines purpurnen altertümlichen Kardinalswagens mit seinen vergoldeten Achsen, Rädern, Karniesen und Wappen durch die Straßen huschte, gefiel ihm weit besser, denn dies alles stimmte so gut mit der Gravität und Würde Roms überein: dieses lebendige, nie hastende Volk, das ruhig und malerisch durch die Straßen schritt, den Mantel über den Arm geschlagen oder die Jacke über der Schulter, ohne jenen schwerfälligen Ausdruck in den Gesichtern, der ihm so seltsam bei den blauen Blusenträgern und überhaupt an der ganzen Bevölkerung von Paris aufgefallen war.

Hier erschien selbst die Armut in einem heiteren Lichte, sorglos und unbekannt mit Qualen und Tränen streckte sie unbefangen und schön ihre Hand aus; hier wirkte alles schön und heiter: die malerischen Regimenter von Mönchen, die in langen weißen und schwarzen Kleidern über die Straßen gingen, ein schmutziger rothaariger Kapuziner, der plötzlich in seinem hellen kamelfarbenen Kleide in der Sonne aufleuchtete, endlich dieses ganze Künstlervolk, das sich hier von allen Weltenden zusammenfand, die engen Fetzen europäischer Kleidung fortwarf und in freien, malerischen Kostümen einherging, ihre würdigen majestätischen Bärte, wie wir sie auf den Porträts Leonardo da Vincis und Tizians finden, und die so wenig Ähnlichkeit mit dem häßlichen, schmalen Bärtchen haben, das sich der Franzose zurecht schneidet und dann fünfmal im Monat stutzen lassen muß. Hier bekam der Künstler ein Gefühl für das lange wallende Haar, das er sich in dichten Locken herunterfallen ließ. Hier erhielt selbst der Deutsche mit seinen krummen Beinen und seinem ungegliederten Körperbau einen bedeutenden Ausdruck, ließ sich seine goldenen Locken über die Schultern fallen und kleidete sich in eine leicht gefaltete griechische Bluse oder einen Sammetrock, wie er unter dem Namen Cinquecento bekannt ist und wie ihn nur die Künstler in Rom tragen. Auf ihren Gesichtern lagen die Spuren einer strengen Ruhe und einer friedlichen Arbeit. Selbst die Gespräche und Meinungsäußerungen, die man auf den Straßen, in den Cafés, in den Osterien vernahm, hatten keine Ähnlichkeit mit denen, die der Fürst in den anderen Straßen Europas gehört hatte, ja sie waren ihnen geradezu entgegengesetzt. Hier hörte man nichts von gefallenen Fonds, von Kammerdebatten oder von der spanischen Frage. Hier sprach man nur von einer neuerdings entdeckten antiken Statue, von der Kraft des Pinsels der großen Meister, hier stritt man sich und diskutierte über das neu ausgestellte Werk eines modernen Künstlers, über Volksfeste, oder man hörte hier Reden, in denen der Mensch sein Inneres preisgab, und die in Europa durch langweilige Salongespräche und politische Unterhaltungen verdrängt sind, die selbst jeden beseelten Ausdruck aus den Gesichtern vertrieben haben.

Oft verließ er die Stadt, um sich in der Umgegend umzusehen, und dann setzten ihn neue Wunder in Erstaunen. Wie herrlich waren diese stummen Wüsten der römischen Felder, die mit Ruinen antiker Tempel übersät, sich mit unbeschreiblicher Ruhe ringsherum erstreckten. Bald ließ die dichte Decke gelber Blüten sie ganz wie in Gold getaucht erscheinen, bald wieder ließen die roten Blüten wilden Mohns sie aufglühen wie eine neuentfachte Kohle. Nach vier verschiedenen Seiten bot sich ein vierfacher wunderbarer Anblick dar. Auf der einen Seite flossen die Felder unmittelbar in einer scharfen ebenen Linie mit dem Horizont zusammen. Die Arken der Wasserleitungen schienen in der Luft zu schweben und gleichsam auf den glänzenden silbernen Himmel aufgeklebt zu sein. Auf der andern Seite sah man hinter den Feldern die Berge hindurchschimmern. Sie türmten sich nicht wild und jäh aus der Ebene empor, wie in Tirol oder in der Schweiz, sondern in harmonischen fließenden Linien, sich hebend und senkend und umstrahlt von der herrlichen Klarheit der Luft, schienen sie zum Himmel emporfliegen zu wollen. An ihrem Fuße zog sich eine lange Arkade von Wasserwerken gleich einem langgestreckten Fundament dahin, der Gipfel der Berge glich der luftigen Fortsetzung eines wunderbaren Gebäudes, und die Farbe des Himmels war hier schon nicht mehr silbern, sondern hatte jenen unbeschreiblichen Ton des jungen Flieders. In einer dritten Richtung wurden diese Felder gleichsam durch Berge begrenzt, aber hier traten sie näher an sie heran, türmten sich höher empor, traten mit ihren Vorderreihen noch stärker hervor und verschwanden in sanften Abstufungen in der Ferne. Die dünne blaue Luft ließ ihre Farben wunderbar abgetönt erscheinen, und durch diese blaue ätherische Hülle hindurch sah man kaum merklich die Häuser und Villen von Frascati durchschimmern, hier leise und sanft berührt von den Strahlen der Sonne, dort untertauchend in dem Helldunkel kaum erkennbarer Heine, die in der Ferne erglühten. Aber wenn man sich plötzlich umdrehte, dann lag mit einemmal ein neues Bild vor einem. Die Felder gingen unmittelbar in die Stadt Rom über. Die Ecken und die Linien der Häuser zeichneten sich scharf und klar ab, in scharfen Konturen rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen Johann und die majestätische Kuppel der Peterskirche, die immer höher und höher emporstrebte, je mehr man sich von ihr entfernte, und die endlich den ganzen Horizont einsam beherrschte, wenn die ganze Stadt bereits verschwunden war. Noch mehr aber liebte er es, diese Felder während eines Sonnenunterganges von der Terrasse einer der Villen von Frascati oder Albano zu betrachten. Dann erschienen sie wie ein unübersehbares Meer, das hinter dem dunklen Gitter der Terrasse erglänzte und aufstieg. Alle Unebenheiten und Linien verschwanden in dem sie umspielenden Lichte. Anfangs erschienen sie noch grünlich, und hie und da erkannte man noch die Arken und Grabmäler, die auf ihnen verstreut waren, dann aber spielten sie plötzlich in regenbogenfarbenem Lichte, in hellen, durchscheinenden, gelben Tönen, und kaum noch konnte man die Ruinen der antiken Baudenkmäler erkennen. Endlich aber färbten sie sich immer tiefer purpurrot, verschlangen selbst die unendliche Kuppel und flossen in ein tiefes Himbeerrot zusammen, und nur noch der in der Ferne glänzende goldene Streifen des Meeres trennte sie von dem Horizont, der ebenso purpurrot dalag, wie sie. Niemals aber hatte er gesehen, daß die Felder gleich dem Himmel wie in Flammen getaucht waren. Lange stand er, ganz erfüllt von einer unbeschreiblichen Wonne, in diesen Anblick versunken, da, und dann hatte er wieder alles vergessen, selbst sein Entzücken. Und wenn dann auch die Sonne untergegangen war, der Horizont schnell erlosch und sich noch schneller, ja beinahe plötzlich die Felder verdunkelten, wenn dann der Abend sein finsteres Antlitz zeigte, Leuchtkäfer in feurigen Fontänen über den Ruinen emporschwirrten und jenes plumpe geflügelte Insekt, das aufrecht herangeflogen kommt wie ein Mensch und unter dem Namen Teufel bekannt ist, ihm plötzlich sinnlos ins Auge flog, dann erst merkte er, daß die Kälte der südlichen Nächte bereits herabgesunken war und ihn ganz durchschüttelte, und er beeilte sich, in die Straßen der Stadt zu kommen, um nicht an dem Fieber, wie es hier im Süden verbreitet ist, zu erkranken.

So floß sein Leben in dem Genuß der Natur, der Künste und der Antike dahin. Bei dieser Lebensweise erfaßte ihn plötzlich stärker als je der Wunsch, sich tiefer in die Geschichte Italiens zu versenken, die er bisher nur fragmentarisch und in einzelnen Episoden kennen gelernt hatte. Ohne dies wäre ihm die Gegenwart unvollständig und unvollkommen erschienen, und so machte er sich gierig daran, die Archive, die Chroniken und Memoiren zu studieren. Er konnte sie jetzt nicht bloß so lesen wie irgendein Italiener, der ewig in der Stube hockt, sich mit Leib und Seele in die beschriebenen Vorgänge versenkt und über der großen Zahl der Personen und der Ereignisse, die sich um ihn drängen, die große Masse, das Ganze übersieht; — er konnte jetzt alles ruhig überschauen, wie aus einem Fenster des Vatikan. Sein Aufenthalt außerhalb Italiens inmitten des Lärms und der Bewegung tätiger Völker und Staaten diente ihm als strenge Prüfung und Probe bei allen Schlüssen und Folgerungen, und verlieh seinem Auge eine reiche Vielseitigkeit und einen allumfassenden Blick. Wenn er jetzt in den Geschichtsbüchern las, war er noch mehr und ohne alle Voreingenommenheit überrascht durch die Größe und den Glanz der italienischen Vergangenheit. Er war ganz erstaunt über die schnelle und vielseitige Entwicklung des Menschen auf einem so schmalen, engbegrenzten Fleckchen Erde, durch die mächtige und kraftvolle Regsamkeit aller Kräfte. Er sah, wie hier der Mensch in voller Tätigkeit war, wie jede Stadt ihre eigene Sprache sprach und ihre große Geschichte besaß, die ganze Bände ausfüllte, und wie hier mit einem Schlage alle Arten und Gestalten des bürgerlichen Lebens und der Regierungsformen entsprangen: — ewig bewegte Republiken voll starker unbotmäßiger Charaktere, und mitten unter ihnen — allmächtige Despoten, eine ganze Stadt voll königlicher Kaufleute, von geheimen Fäden der Regierung umsponnen unter der monarchischen Scheingewalt des einen Dogen; die Fremden, die herbeigerufen worden waren und nun inmitten der einheimischen Bewohner lebten, die starken Zusammenstöße und Abwehrmaßregeln im Schoße eines unbedeutenden Städtchens, der fast märchenhafte Glanz der Herzöge und Monarchen winziger Länder, alle die Mäzene, Protektoren und Inquisitoren, diese ganze Reihe großer Männer, die um ein und dieselbe Zeit zusammentrafen, die Lyra, der Zirkel, das Schwert und die Palette, diese Tempel, die mitten im Streit, im Kampf und während mächtiger Unruhen errichtet wurden, diese Feindschaften, die Blutrache, diese Züge des Großmuts und diese ganze Masse romantischer Ereignisse im bürgerlichen Leben, mitten im Wirbel des politischen, gesellschaftlichen Daseins, und das wundersame Band, das sich um dies alles schlang, eine so erstaunliche Entfaltung aller Seiten des politischen und bürgerlichen Lebens, ein solches Erwachen aller menschlichen Elemente in einem so engen Bezirk, die an andern Orten immer nur in Bruchstücken und auf großen Flächen zur Darstellung kamen! — Und das alles war plötzlich verschwunden, plötzlich dahin, alles war erloschen wie erkaltete Lava und von Europa selbst aus seinem Gedächtnis getilgt, wie ein alter unnützer Plunder.