In diesem Augenblick aber sah der Fürst Rom vor sich liegen; wie ein herrliches, leuchtendes Panorama breitete sich die ewige Stadt vor ihm aus. Auf der ganzen hellen Masse der Häuser, Kirchen, Kuppeln und Turmspitzen lag der leuchtende Glanz der herabsinkenden Sonne. Einzeln und in ganzen Gruppen traten eines hinter dem andern die Häuser, die Dächer, die Statuen, die schwebenden Terrassen und die Galerien hervor; dort funkelten die dünnen Spitzen der Türme und Kuppeln einer Masse und spielten mit der kapriziösen Buntheit bemalter Laternen in tausend Farben, dort trat ein ganzer Palast hervor, dort die schön geschmückte Spitze der Antoninussäule mit dem Kapitäl und der Statue des Apostels Paulus; mehr rechts strebten die Gebäude des Kapitols mit ihren Rossen und Statuen in den Himmel, noch mehr rechts über der leuchtenden Masse der Häuser und Dächer erhob sich majestätisch und streng das finstere Massiv des coliseischen Kolosses, dort wieder funkelte eine Flucht von Mauern, Terrassen und Kuppeln, in blendendes Sonnenlicht getaucht. Und über der ganzen blitzenden Masse grüßten die Wipfel steinerner Eichen fern aus den Villen der Ludovisi und Medici mit ihrem dunklen Laub herüber, über ihnen ragte ein Wald von römischen Pinien empor, die ihre zarten Stämme mit den kuppelförmigen Wipfeln in die Luft streckten. Und dieses ganze Bild wurde seiner ganzen Länge nach begrenzt von dunkelblauen Bergen, die sich zart und durchsichtig wie die Luft am Horizont erhoben und von einem phosphoreszierenden Lichte umwoben wurden. Kein Wort und kein Pinsel hätte die wunderbare Harmonie und den einträchtigen Zusammenhang aller Züge dieses Bildes schildern können! Die Luft war so rein und durchsichtig, daß die zarteste Linie der fernen Gebäude klar hervortrat und daß alles so nahe erschien, wie wenn man es mit der Hand greifen konnte. Das letzte kleinste architektonische Ornament, der Arabeskenschmuck eines Gesimses — alles zeichnete sich mit einer unbeschreiblichen Deutlichkeit ab. In diesem Augenblick ertönte ein Kanonenschuß und ein ferner, in eins zusammenfließender Schrei der Volksmenge — das Zeichen, daß die reiterlosen Rosse schon vorbeigaloppiert waren und damit der Karnevalstag seinen Abschluß gefunden hatte. Die Sonne sank immer tiefer herab und näherte sich dem Erdrand; ihr Abglanz auf der Masse der Bauwerke wurde immer rosiger und glühender, die Stadt erschien jetzt noch belebter und näher, die Pinien noch dunkler, das Blau der Berge wurde noch tiefer, sie phosphoreszierten noch stärker, und der erlöschende Himmelsäther wurde noch wundersamer und feierlicher! ... O Gott, welch ein Anblick! Und ganz hingerissen von all der Herrlichkeit vergaß der Fürst sich selbst, die Schönheit Anunziatas, das rätselhafte Schicksal seines Volkes und alles, was es auf dieser Welt gab.
Anhang
I
Arabesken
Die Arabesken sind in der ersten Januarhälfte des Jahres 1835 erschienen; die Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 10. November 1834“.
Arabesken (Erster Teil)
I. Skulptur, Malerei und Musik. Der Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1831, die endgültige Bearbeitung für den Druck fällt in das Jahr 1834.
II. Über das Mittelalter. Dieser Aufsatz, Gogols Antrittsvorlesung, ist im August 1834 niedergeschrieben.
III. Ein Kapitel aus einem historischen Roman. Wurde zum erstenmal in dem Almanach „Nordische Blumen für das Jahr 1831“ („Ssewernyje zwety na 1831 god“) abgedruckt. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 18. Dezember 1830“.
IV. Über den Unterricht in der Weltgeschichte. Dieser Aufsatz ist im Dezember 1833 geschrieben. In der ersten Hälfte des Jahres 1834 wurde er noch einmal überarbeitet und erschien dann in der neuen Fassung im Februarheft der „Zeitschrift des Kultusministeriums“ („Journal Ministerstwa Narodnawo prossweschtschenja“) Jahrgang 1834.
V. Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands. Der erste Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1833; im März 1834 wurde er für den Druck neu bearbeitet und erschien zum erstenmal im Aprilheft der „Zeitschrift des Kultusministeriums“, Jahrgang 1834, unter dem Titel „Ein Abschnitt aus der Geschichte Kleinrußlands“, Band I, Buch I, Kapitel I.